Steuerreform: Arbeitnehmer verlieren bis 904 Euro monatlich
Veröffentlicht: 11.07.2026 um 06:51 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Bundeskanzler Friedrich Merz verteidigt die Einkommensteuerreform als sozial gerecht – doch erste Berechnungen zeigen das Gegenteil. Viele Arbeitnehmer haben künftig weniger Geld in der Tasche.
Die Reform sollte entlasten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Steigende Sozialabgaben fressen die Steuersenkungen auf. Finanzwissenschaftler beziffern die Nettoverluste für weite Teile der arbeitenden Bevölkerung auf mehrere hundert Euro pro Monat.
Steigende Abgaben fressen Entlastung auf
Der Finanzwissenschaftler Frank Hechtner hat durchgerechnet, was die Reform für verschiedene Einkommensgruppen bedeutet. Das Ergebnis ist ernüchternd.
Ein kinderloser Single mit 3.000 Euro brutto hat 2028 monatlich etwa 9 Euro weniger zur Verfügung als 2026. Bei 6.000 Euro brutto steigt der Verlust auf 242 Euro. Arbeitnehmer mit 9.000 Euro brutto müssen mit einem Minus von 904 Euro rechnen.
Der Hauptgrund: Die Beiträge zur Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung steigen stark. Besonders die Anhebung der Beitragsbemessungsgrenzen 2027 sorgt für diese Entwicklung.
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Kalte Progression nur unzureichend ausgeglichen
Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bestätigt die Kritik. Zwar steigt der Grundfreibetrag von 12.348 auf 12.900 Euro. Doch das reicht nicht.
Ein Single mit 60.000 Euro zu versteuerndem Einkommen wird um 192 Euro entlastet. Für einen echten Ausgleich der kalten Progression wären 347 Euro nötig gewesen.
Finanzminister Lars Klingbeil steht in der Kritik: Durch den Verzicht auf einen vollständigen Tarifausgleich spart der Bund rund 5 Milliarden Euro. Kritiker sehen darin einen Bruch mit der bisherigen Steuerpolitik. In den vergangenen elf Jahren wurde die kalte Progression meist konsequenter ausgeglichen. Das gesamte Entlastungsvolumen der Reform beträgt für 2028 rund 10 Milliarden Euro.
Mittelstand unter Druck
Ein weiterer Kritikpunkt: die Anhebung der Reichensteuer. Der Spitzensteuersatz steigt ab 250.000 Euro auf 45 Prozent, ab 280.000 Euro auf 47 Prozent. Mit Solidaritätszuschlag ergibt sich eine Gesamtabgabe von bis zu 49,585 Prozent.
Ifo-Präsident Clemens Fuest warnt: Zwei Drittel der Mehrbelastung treffen unternehmerische Einkünfte von Personengesellschaften. Das schwäche die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.
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Die Steuerexpertin Johanna Hey von der Universität zu Köln kritisiert zudem das Fehlen struktureller Anpassungen und Investitionsanreize. Die Gewerbesteuer bleibe in der Reform völlig unberücksichtigt.
Scharfe Kritik im Bundestag
Die Regierungspläne stoßen auf breiten Widerstand. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katharina Dröge, bezeichnete die handwerkliche Umsetzung als mangelhaft. Die versprochenen Entlastungen für Familien würden durch den Anstieg der Rentenbeiträge aufgezehrt.
Während die Koalition die soziale Ausgewogenheit betont, fordern die Oppositionsparteien Alternativen. Im Raum stehen die Abschaffung von Ausnahmen bei der Erbschaftsteuer oder eine grundlegende Senkung der Lohnnebenkosten.
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