Aktienmärkte, Anleger

DAX erreicht trotz schlechter Nachrichten die 16.000er Marke

DAX erreicht trotz schlechter Nachrichten die 16.000er Marke
von Sven Weisenhaus

Die Börsen hatten zu Wochenbeginn eine Reihe negativer Wirtschaftsdaten zu verdauen, die von den Anlegern aber zunächst ignoriert wurden.

Chinas Industrie völlig überraschend geschrumpft

Bereits am Sonntag wurde gemeldet, dass die chinesische Industrie im April unerwartet geschrumpft ist. Wie aus den Daten des National Bureau of Statistics (NBS) hervorging, gab der offizielle Einkaufsmanagerindex (PMI) auf 49,2 Punkte nach, von 51,9 Zählern im März.

Der Stimmungsindikator rutschte damit unter die Schwelle von 50 Punkten, ab der Wachstum signalisiert wird. Die Erwartungen von Analysten wurden dabei klar verfehlt. Denn sie hatten durchschnittlich mit einem wesentlich moderateren Rückgang auf 51,4 Punkte gerechnet.

Zudem ging auch der PMI für das nicht-verarbeitende Gewerbe zurück, auf 56,4 Punkte, von 58,2 Zählern im März. Auch hier wurden die optimistischeren Erwartungen von 57,0 verfehlt.

Der zusammengesetzte PMI, der sowohl das Fertigungs- als auch das Dienstleistungsgewerbe umfasst, fiel von 57,0 im März auf 54,4. Immerhin: Insgesamt wächst die chinesische Wirtschaft damit noch.

Industrie der USA ebenfalls erneut geschrumpft

Am Montag wurde dann gemeldet, dass auch die Industrie der USA im April geschrumpft ist. Der entsprechende Einkaufsmanagerindex vom Institute for Supply Management (ISM) stieg zwar um 0,8 auf 47,1 Punkte, er blieb damit aber mit dem zweitschwächsten Wert seit Mai 2020 weit unterhalb der Wachstumsschwelle von 50, die nun schon den sechsten Monat in Folge verfehlt wurde. Nur das Tempo des Rückgangs ging also etwas zurück.

Als zusätzliche Belastungsfaktoren werte ich, dass die Daten vom ISM einerseits auch auf einen weiterhin schwachen Auftragseingang (45,7) und andererseits auf eine wachsende Beschäftigung (50,2) sowie stark steigende Preise (53,2) hindeuten. Ein schwacher Auftragseingang deutet auf eine zukünftige Schwäche der Wirtschaft bzw. zumindest des verarbeitenden Gewerbes hin. Und in den Augen der US-Notenbank (Fed) dürften derzeit sowohl ein starker Arbeitsmarkt als auch steigende Preise unerwünscht sein. Denn beides spricht für einen anhaltenden Inflationsdruck. Und daher muss der Kampf gegen die Inflation mit hohen bzw. sogar noch höheren (Leit-)Zinsen fortgesetzt werden, obwohl sich eine Schwäche von Teilen der Wirtschaft längst abzeichnet.

Ist die 3. Bankenrettung binnen 2 Monaten eine gute Nachricht?

Vor diesem Hintergrund ist es auch negativ zu werten, dass zum 3. Mal innerhalb von nur 2 Monaten in den USA eine größere Bank gerettet werden musste. Sicherlich kann man es auch positiv werten, dass die ins Wanken geratene First Republic Bank, nach Einlagen immerhin die Nummer 14 des Landes, durch eine organisierte Notübernahme fast vollständig an die Konkurrentin JPMorgan Chase verkauft wurde. Denn offenbar wird alles unternommen, um es bei Einzelfällen zu belassen. Doch ob es berechtigt ist, dass die Sorgen vor einer neuen Bankenkrise bereits vollkommen aus dem Markt verschwunden zu sein scheinen, muss abgewartet werden.

DAX erreicht die 16.000er Marke

Mich macht die aktuelle Sorglosigkeit der Anleger angesichts der Wirtschaftsdaten und der Entwicklungen auf dem Bankensektor jedenfalls stutzig. Dass der DAX gestern dennoch die 16.000er Marke erreichen konnte (blaue Linie im folgenden Chart), hatte ich aber durchaus einkalkuliert. Denn solche psychologisch wichtigen Marken ziehen die Kurse häufig an. Und die enge Seitwärtskonsolidierung vom April (gelbes Rechteck rechts oben im Chart) war als trendbestätigend zu werten (siehe auch jüngste DAX-Analysen des „Target-Trend-Spezial“).

Doch der Anstieg dorthin stellte sich gestern recht schnell als nächste Bullenfalle heraus, weil der DAX kurz nach dem Erreichen der Marke wieder in die Seitwärtsspanne zurückfiel (rote Ellipse).

Deutscher Einzelhandel im Abwärtstrend

Vor diesem Hintergrund möchte ich auch auf die gestrige Veröffentlichung der Einzelhandelsumsätze in Deutschland hinweisen. Demnach setzte den deutschen Einzelhändlern die Kaufzurückhaltung ihrer Kunden auch im März zu. Die Einnahmen sanken um 1,3 % zum Vormonat. Inflationsbereinigt (real) gingen die Umsätze sogar um 2,4 % und damit so stark zurück wie seit 5 Monaten nicht mehr, nachdem es bereits im Februar ein Minus von 0,3 % gegeben hatte. Im Vergleich zum Vorjahresmonat verzeichnete der Einzelhandel gar ein reales Umsatzminus von 8,6 %.

Mit Blick auf die realen Werte befindet sich der Einzelhandel bereits seit über einem Jahr in einem Abwärtstrend.

Die Hausse nährt die Hausse

Aber an der Börse spielt all das derzeit keine Rolle. Stattdessen gilt: Die Hausse nährt die Hausse. Die Kurse steigen, weil sie steigen. Anleger springen mit Scheuklappen auf den fahrenden Zug auf, um auch noch von Kursgewinnen zu profitieren, die scheinbar kein Ende nehmen wollen. Von gesunden Kursentwicklungen sind wir aus meiner Sicht aber inzwischen schon wieder recht weit entfernt, zumal der Anstieg der Aktienindizes in den USA auch wieder nur von relativ wenigen, großen Werten getrieben wird.

Wie werden die Anleger auf die Zinsentscheidungen reagieren?

Es lässt sich aktuell auch kaum abschätzen, wie die Anleger auf die anstehenden Entscheidungen der Notenbanken Fed und EZB reagieren werden. Denn zu welchem Ergebnis die Währungshüter auch kommen werden, man wird es sowohl positiv als auch negativ interpretieren können.

Weist die Fed zum Beispiel nach einer erneuten Zinsanhebung auf einen weiteren möglichen Zinsschritt hin (der natürlich abhängig von den hereinkommenden Daten sein wird), könnte das die Anleger auf dem falschen Fuß erwischen, die vom Ende der Zinsanhebungen ausgegangen sind. Anleger könnten einen möglichen Hinweis auf weitere Zinsanhebungen aber auch dahingehend interpretieren, dass ja alles nicht so schlimm und das Bankensystem in den USA solide ist und weitere Zinsanhebungen daher problemlos verkraftet werden können. Also könnte die Party am Aktienmarkt ebenso problemlos weitergehen, so eine mögliche Überlegung der Bullen.

Ich halte es aber eher bei dem Spruch: Man sollte die Party verlassen, wenn es am schönsten scheint. Denn sonst kommt am Ende das böse Erwachen mit einem schlimmen Kater. Und die gestrige Bullenfalle im DAX muss man als Warnzeichen werten, solange der Index nun nicht erneut zur 16.000er Marke steigen kann.

Ich wünsche Ihnen jedenfalls weiterhin viel Erfolg an der Börse
Ihr
Sven Weisenhaus

(Quelle: www.stockstreet.de)

@ ad-hoc-news.de | 03.05.23 09:03 Uhr