Ultrahochverarbeitete Lebensmittel: 51 Studien zeigen höhere Gesundheitsrisiken
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 21:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle Publikationen in der Fachzeitschrift The Lancet unterstreichen die Notwendigkeit für die Lebensmittelindustrie, auf die dokumentierten Gesundheitsgefahren durch ultrahochverarbeitete Lebensmittel (UPF) zu reagieren. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung konzentriert sich dabei zunehmend auf den Grad der industriellen Verarbeitung und dessen Auswirkungen auf chronische Erkrankungen sowie die Frage nach regulatorischen Konsequenzen.
Der Vergleich mit der Tabakindustrie
In einer im Februar 2026 im Fachjournal The Milbank Quarterly veröffentlichten Untersuchung zogen Forschende der Harvard University, der University of Michigan und der Duke University Parallelen zwischen der Lebensmittel- und der Tabakindustrie.
Die Autoren, darunter Ashley Gearhardt von der University of Michigan, argumentieren, dass ultrahochverarbeitete Produkte gezielt für einen zwanghaften Konsum entwickelt würden. Sie empfehlen daher eine Regulierung, die sich an den Maßnahmen der Tabakkontrolle orientiert. Dies umfasse rechtliche Schritte, Werbebeschränkungen, strukturelle Reformen sowie eine klare Kennzeichnung schädlicher Produkte. Gearhardt plädiert dafür, diese Lebensmittelkategorie rechtlich anders zu behandeln als herkömmliche Nahrungsmittel.
Kritik an diesem Vergleich äußerte Martin Warren vom Quadram Institute. Er bezeichnete die Analogie zu Zigaretten als überzogen. Warren verwies darauf, dass bisher unklar sei, ob ultrahochverarbeitete Lebensmittel ein ähnliches Abhängigkeitspotenzial wie Nikotin besäßen oder ob ihr Hauptrisiko darin bestehe, gesündere Alternativen aus dem Speiseplan zu verdrängen.
Umfangreiche Datenlage zu systemischen Risiken
Die Evidenzbasis zu den Risiken von UPF hat sich durch großangelegte Datenauswertungen verbreitert. Eine Analyse von 51 prospektiven Studien mit insgesamt 8.819.894 erwachsenen Teilnehmenden aus vier Kontinenten zeigt deutliche statistische Zusammenhänge. Bei Probanden mit dem höchsten Konsum im Vergleich zu jenen mit dem niedrigsten Verzehr wurden folgende Risikoerhöhungen festgestellt:
- Verdauungserkrankungen: 31 %
- Depression und Angstzustände: 27 %
- Herz-Kreislauf-Ereignisse sowie metabolisches Syndrom/Diabetes: jeweils 24 %
- Übergewicht und Adipositas: 23 %
- Gesamtsterblichkeit: 18 %
- Krebserkrankungen: 12 %
- Bluthochdruck: 11 %
Wer sich mit den Folgen hochverarbeiteter Lebensmittel auf den Körper befasst, sollte auch seine inneren Werte im Blick behalten. Dieser kostenlose Ratgeber erklärt, welche Blutwerte wirklich wichtig sind und wie Sie Ihre Gesundheit durch das richtige Verständnis der Laborergebnisse aktiv schützen können. Kostenlosen 25-Seiten-Report zu Laborwerten anfordern
Die Auswertung beziffert zudem die Auswirkungen einer schrittweisen Erhöhung des Konsums. Jede zusätzlichen 100 Gramm solcher Produkte pro Tag korrelieren mit einem Anstieg des Risikos für Herz-Kreislauf-Ereignisse um 14 %, für Krebserkrankungen um 4 % und für die Sterblichkeit um 3 %.
Eine Erhöhung des Anteils dieser Lebensmittel an der Gesamternährung um 10 Prozentpunkte wird mit einem um 16 % höheren Risiko für Diabetes und das metabolische Syndrom in Verbindung gebracht. Die Studienzeiträume umfassten zwei bis 32 Jahre; Kinder waren in dieser spezifischen Auswertung nicht berücksichtigt.
Bereits eine Übersicht des BMJ aus dem Jahr 2024 hatte hohen Konsum mit psychischen Störungen und Adipositas verknüpft, wobei Experten darauf hinweisen, dass Beobachtungsstudien keine direkten Kausalbeweise für die industrielle Verarbeitung als alleinige Ursache liefern.
Debatte um Definitionen und industrielle Anpassungen
Die Klassifizierung von Lebensmitteln bleibt ein Diskussionspunkt in der Fachwelt. Purwiyatno Hariyadi, Professor am IPB, kritisiert das Fehlen klarer, objektiver Grenzwerte für den Begriff „ultraverarbeitet“. Fachleute fordern stattdessen messbare Produktinformationen.
Chronische Beschwerden und Entzündungsprozesse können oft durch eine gezielte Auswahl natürlicher Lebensmittel gelindert werden. Erfahren Sie in diesem kostenfreien Leitfaden, welche 12 natürlichen Entzündungs-Killer aus dem Supermarkt Ihre Vitalität steigern können. Gratis-Ratgeber: Entzündungshemmende Ernährung herunterladen
Eine Ernährungswissenschaftlerin erläutert hierzu, dass industrielle Verarbeitung nicht zwangsläufig Ultra-Verarbeitung bedeute. Die gängige NOVA-Klassifikation unterscheidet vier Stufen; so gelten beispielsweise getrockneter Reis oder traditionell hergestellter Käse als verarbeitet, aber nicht als ultraverarbeitet.
Aufseiten der Industrie gibt es Bestrebungen zur Rezepturverbesserung. Laut Angaben der britischen Food and Drink Federation haben Mitgliedsunternehmen den Gehalt an Salz, Zucker und Kalorien in ihren Produkten über einen Zeitraum von fünf Jahren um fast ein Fünftel reduziert.
Präventionsansätze und Ernährungsempfehlungen
Untersuchungen der UK Biobank mit 56.964 Teilnehmenden über einen Zeitraum von durchschnittlich 7,8 Jahren deuten darauf hin, dass ein geringerer Anteil hochverarbeiteter Produkte in Kombination mit mehr Bewegung das Risiko für Typ-2-Diabetes senken kann. Dies gelte auch für Personen mit einer höheren genetischen Veranlagung. Besonders bei ultraverarbeiteten Getränken sei ein Zusammenhang erkennbar: Je 10 % mehr solcher Getränke steige das relative Risiko um 7 %.
Fachleute raten zu einer abwechslungsreichen, ballaststoffreichen und pflanzenbetonten Ernährung. Eine Ernährungsmedizinerin empfiehlt mindestens 30 Gramm Ballaststoffe täglich.
Eine Diätologin der MedUni Graz rät dazu, Hülsenfrüchte mindestens dreimal pro Woche zu konsumieren und den Verzehr von Softdrinks und salzreichen Speisen zu minimieren. Als praktische Alternativen zu industriellen Fertigprodukten werden Naturjoghurt statt aromatisierter Varianten sowie Gemüse aus Tiefkühlung oder Dosen ohne Zusätze genannt.
