Sturzrisiko, Senioren

Sturzrisiko Senioren: 83% haben mindestens zwei Risikofaktoren

Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 17:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Der Bedarf an kleineren, zugänglichen Wohnungen wächst, doch Pflegeplätze und Wohnangebote reichen vielerorts nicht für ältere Menschen aus.

Barrierefreies Wohnen: Deutschland fehlen passende Angebote für Ältere
Heller, barrierefreier Innenraum einer modernen Wohnung mit weiten Durchgängen und natürlichem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Der Wunsch, im Alter kleiner und barrierefrei zu wohnen, trifft in Deutschland auf einen Markt, der diesem Bedarf kaum gerecht wird. Gleichzeitig deuten aktuelle Berichte darauf hin, dass sturzbedingte Verletzungen im häuslichen Umfeld zunehmen. Beide Entwicklungen hängen eng zusammen: Wer in zu großen, nicht barrierefreien Wohnungen bleibt, trägt ein höheres Risiko – findet aber oft keine passende Alternative.

Demografischer Druck in den Bezirken

Besonders deutlich zeigt sich das Missverhältnis im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Mit einem Durchschnittsalter von 46,3 Jahren – Stand Juni 2026, laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg – liegt der Bezirk berlinweit an der Spitze, ein Viertel der Bewohner ist 65 Jahre oder älter.

Laut Zensus 2022 bewohnen Senioren dort im Schnitt 23,4 Quadratmeter mehr als unter 65-Jährige – die größte Differenz in Berlin. Gleichzeitig sind die Pflegeheimplätze im Bezirk zwischen 2021 und 2023 rückläufig, während die Zahl der Pflegebedürftigen um 30 Prozent stieg.

Auch in Hannover macht sich der demografische Wandel bemerkbar: Rund 20 Prozent der Bevölkerung sind Senioren, die Altersgruppen ab 55 Jahren waren 2025 deutlich stärker besetzt als noch vor 20 Jahren, besonders die Zahl der über 75-Jährigen wächst im Umland.

Ein Trend, der sich beobachten lässt: der Wechsel vom Einfamilienhaus mit rund 150 Quadratmetern in kleinere, barrierefreie Wohnungen mit etwa 70 Quadratmetern, etwa in den Stadtteilen List, Kleefeld und Südstadt.

Wohnungslosigkeit als wachsendes Risiko im Alter

Die Kehrseite mangelnder Wohnraumversorgung zeigt sich in der Wohnungsnotfallhilfe. Laut einem Statistikbericht der BAG Wohnungslosenhilfe vom 26. August 2026 stieg der Anteil der über 50-Jährigen in dieser Hilfeform in 20 Jahren von 21 Prozent (2004) auf 27 Prozent. 38 Prozent der über 50-jährigen Klienten sind demnach seit über einem Jahr wohnungslos, verglichen mit 27 Prozent bei den 25- bis 49-Jährigen. 16 Prozent der über 50-Jährigen besitzen einen Schwerbehindertenausweis – doppelt so viele wie in der jüngeren Vergleichsgruppe. Rund jede zweite Person über 50 in dieser Gruppe gilt als überschuldet.

Fördermöglichkeiten für barrierefreies Wohnen

Um Wohnungen altersgerecht umzubauen, stehen finanzielle Hilfen zur Verfügung. Pflegekassen zahlen laut Stand September 2026 bis zu 4.180 Euro je wohnumfeldverbessernder Maßnahme nach § 40 Abs. 4 SGB XI, bei mehreren Anspruchsberechtigten in einer Wohnung bis zu 16.720 Euro – der Anspruch besteht bereits ab Pflegegrad 1. Der KfW-Investitionszuschuss 455-B war jedoch seit dem 30. Juli 2026 ausgeschöpft: Die 50 Millionen Euro reichten für rund 26.800 Wohnungen. Als Alternative bleibt der KfW-Kredit 159 mit bis zu 50.000 Euro.

Rechtlich ist Barrierefreiheit in Eigentümergemeinschaften mittlerweile weitgehend anerkannt. Der Bundesgerichtshof entschied am 9. Februar 2024 (Az. V ZR 244/22), dass entsprechende bauliche Veränderungen regelmäßig als angemessen gelten. Das Landgericht Dortmund verpflichtete am 21. November 2025 (Az. 17 S 54/25) eine Eigentümergemeinschaft, einen behindertengerechten Fußweg zu genehmigen.

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Das Landgericht Berlin II stellte hingegen am 25. Juli 2025 (Az. 56 S 40/24 WEG) klar, dass eine tatsächliche Nutzung durch Betroffene nicht zwingend erforderlich sei, die Kosten aber der Antragsteller trage. Laut Statistischem Bundesamt lebten Ende 2025 rund 7,8 Millionen Menschen mit Schwerbehinderung in Deutschland.

Gesundheitliche Risikofaktoren im Alter

Eine RKI-Studie mit Erhebungszeitraum Frühjahr 2021 bis Frühjahr 2023 zeigt, dass 78 Prozent der Menschen ab 65 Jahren in Deutschland sich zu wenig bewegen und 72 Prozent zu wenig Obst und Gemüse essen. 83 Prozent weisen mindestens zwei Risikofaktoren auf, im Schnitt 2,4 – nur 2 Prozent haben keinen. 22 Prozent kombinieren Alkoholkonsum, unzureichende Ernährung und Bewegungsmangel.

Diese Faktoren begünstigen nach Einschätzung von Fachleuten auch Stürze im häuslichen Umfeld, insbesondere wenn die Wohnung nicht barrierefrei gestaltet ist.

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Neue Wohnprojekte als Antwort

Vereinzelt entstehen Projekte, die auf den Bedarf reagieren. Im Kompetenzzentrum Herrstein beschloss der Verbandsgemeinderat am 1. September 2026 die Betriebsgrundlage für einen fünfgeschossigen Komplex mit 16 Mietwohnungen zwischen 45 und 85 Quadratmetern, davon zwei rollstuhlgerecht, sowie einer Tagespflege mit 18 Plätzen; der Einzug von Sozialstation, Gemeindeschwestern Plus und Pflegestützpunkt ist für das Frühjahr 2027 geplant. Ein Teil der Wohnungen ist gefördert und erfordert einen Wohnberechtigungsschein.

Der Anbieter Lively expandiert nach Münster: Im Projekt „lively am Yorkpark Münster" der Landmarken AG entstehen knapp 100 barrierefreie Wohnungen mit rund 200 Quadratmetern Gemeinschaftsflächen, die Eröffnung ist für das zweite Halbjahr 2028 geplant. Lively betreibt bereits Standorte in Gronau mit 127 Apartments und in Duisburg-Duissern mit 44 Wohnungen, dort erfolgte die Eröffnung 2025.

Als alternative, kostengünstigere Wohnform werden auch Tiny Houses diskutiert: Bei einer Nutzfläche von 15 bis 45 Quadratmetern kosten schlüsselfertige Modelle zwischen 60.000 und 120.000 Euro, im Selbstbau ab 30.000 Euro. Hinzu kommen Kosten für ein Pachtgrundstück von 200 bis 600 Euro monatlich sowie einmalige Erschließungskosten von 5.000 bis 15.000 Euro.

Für dauerhaftes Wohnen sind eine Baugenehmigung nach Landesbauordnung, ein Grundstück im Innenbereich gemäß § 34 BauGB sowie die Einhaltung der Vorgaben des Gebäudeenergiegesetzes erforderlich.

Insgesamt zeichnen die verfügbaren Daten das Bild eines Wohnungsmarkts, der mit dem demografischen Wandel nur unzureichend Schritt hält – mit Folgen für die Sicherheit und Versorgung älterer Menschen, die sich in steigenden Sturzrisiken, wachsender Wohnungslosigkeit und einem begrenzten Angebot barrierefreier Wohnformen niederschlagen.

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