Altersgerechtes, Wohnen

Altersgerechtes Wohnen: Quartiere statt Heime entstehen europaweit

Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 09:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Neue Wohnprojekte in Europa verbinden barrierearme Wohnungen mit Treffpunkten, Pflege, Beratung und Kultur gegen Einsamkeit im Alter.

Altersgerechtes Wohnen: Europas Quartiere setzen auf Gemeinschaft
Ein heller, moderner Gemeinschaftsraum mit großen Fenstern und Blick in einen Garten, der als Begegnungsstätte dient. Illustration mit AI erstellt.

Quer durch Europa entstehen derzeit Wohnprojekte, die zwei Ziele miteinander verbinden: barrierearmen Wohnraum für ältere Menschen zu schaffen und gleichzeitig Orte der Begegnung zu etablieren, die Vereinsamung im Alter entgegenwirken.

Von Potsdam über das Ruhrgebiet bis nach Frankreich und Dänemark zeigt sich ein Muster – kommunale Träger, Genossenschaften und Wohlfahrtsverbände setzen zunehmend auf Quartierskonzepte statt auf reine Immobilienentwicklung.

Qualitätssiegel für Quartierstreffs in Potsdam

Der Quartierstreff Waldstadt in Potsdam-Waldstadt, ein Gemeinschaftsprojekt der pbg und der AWO Potsdam, erhielt laut einem Bericht von awo-potsdam.de vom 15. September 2026 das BBU-Qualitätssiegel „Gewohnt gut – fit für die Zukunft“. Die Auszeichnung wird jährlich an sechs Wohnungsunternehmen vergeben; für die pbg ist es bereits die zweite Verleihung.

Zu den Angeboten am Standort zählen eine Schuldnerberatung, das Programm KINDER(ar)MUT sowie ein Mittagstisch – ein Ansatz, der soziale Unterstützung generationenübergreifend denkt, statt sich allein auf ältere Bewohner zu konzentrieren.

Offene Wohnzimmer und nachbarschaftliche Treffpunkte

In Bergisch Gladbach eröffnete die Volkshochschule im Mehrgenerationenhaus das „Wohnzimmer für Alle“, zu dem laut in-gl.de rund fünfzig Gäste kamen. Das Angebot ist ab sofort jeden Montag außerhalb der Schulferien von 18:30 bis etwa 21:00 Uhr geöffnet und kostenfrei zugänglich – ein niedrigschwelliges Format, das bewusst nicht nur ältere Menschen adressiert, sondern Begegnung über Generationsgrenzen hinweg ermöglichen soll.

Ähnlich niedrigschwellig, aber traditioneller verankert, ist der monatliche Seniorennachmittag der Pfarre Oberndorf im Pfarrhof: ab 14.30 Uhr mit kurzem Gottesdienst, anschließend Kaffee und Kuchen, offen für Pensionisten und Senioren aus Oberndorf und Göming, ohne Anmeldeerfordernis.

Genossenschaftliches Wohnen als Antwort auf ländliche Vereinsamung

In Saint-Mars-d'Egrenne in der französischen Region Orne eröffnete die Association Vertoit laut einem Bericht von actu.fr vom 14. September 2026 einen gemeinschaftlichen Seniorenwohnort mit drei barrierefreien Wohnungen von je 30 Quadratmetern. Die Miete liegt bei 500 Euro monatlich, ein Wohngeldbezug ist möglich.

Ziel des Projekts ist es, Menschen über 65 Jahre und Menschen mit Behinderung bis ans Lebensende in ihrem vertrauten Umfeld zu halten. Bemerkenswert ist die Finanzierung: Das Vorhaben kommt ohne Subventionen aus und wird von 50 Freiwilligen getragen.

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Servicehäuser mit Pflegeangebot

Einen anderen Ansatz verfolgt das Servicehaus Sonnenhalde im württembergischen Weilstetten bei Balingen, das laut schwarzwaelder-bote.de Anfang September 2026 eröffnete. Die Einrichtung bietet 75 Plätze, davon 15 in einem gesicherten Gerontobereich für Demenzkranke, bei derzeit rund zwei Neuzugängen pro Tag.

Zur Ausstattung gehören Einzelzimmer mit Bad und eine Cafeteria mit rund 60 Sitzplätzen; angeboten werden sowohl Vollzeit- als auch Kurzzeitpflege. Ein Eröffnungsfest mit Gottesdienst ist für den 10. Oktober um 11 Uhr angekündigt.

Aufklärung und Begleitung bei Demenz

Parallel zu baulichen Maßnahmen rücken auch Aufklärungsangebote in den Fokus. Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft veranstaltet zum Welt-Alzheimertag am 21. September in Wien eine Veranstaltung von 18 bis 20 Uhr.

Im Rahmen des Projekts „Ankerpunkte“ startet zudem eine zweite Workshop-Serie im Waldviertel mit kostenlosen Angeboten zu Zeichnen, Musik sowie Bewegung und Tanz, die keine Vorkenntnisse voraussetzen. Schätzungen zufolge leben in Österreich rund 170.000 Menschen mit einer Demenzerkrankung; ein Handbuch für Gemeinden ist in Planung.

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Diskussion über Wohnen im ländlichen Raum

Wie ländliche Regionen dem Alter begegnen können, thematisiert eine Veranstaltung des Funken-Pluriversums am 22. September um 18 Uhr im Herrenhaus Heinersdorf in Steinhöfel unter dem Titel „Alt werden auf dem Land“. Der Eintritt ist frei, zugeschaltet wird der Wirtschaftswissenschaftler Alberto Acosta. Hintergrund ist das seit Anfang 2025 laufende Modellprojekt Grün-Weiße Kooperation.

Genossenschaftlicher Erhalt von Wohnraum in Dresden

Auch der Erhalt bestehenden Wohnraums steht im Zentrum aktueller Bemühungen: Die Hausgemeinschaft Hoyerswerdaer Straße 31 in Dresden will das denkmalgeschützte Miethaus gemeinsam mit der Wohnen Gestalten Dresden eG als Genossenschaft erwerben.

Der Kaufpreis liegt laut neustadt-ticker.de weit über einer Million Euro, ein Eigenanteil von 30 bis 40 Prozent ist erforderlich. Die Finanzierung soll bis Ende Oktober oder November stehen; am 27. September ist um 16 Uhr ein Hoffest geplant.

Beratung, Kultur und Alltagsangebote in Seniorenwohnanlagen

In der Seniorenwohnanlage Drei Kronen in Karlsdorf-Neuthard reiht sich ein dichtes Programm aneinander: ein kostenfreies Bücherfrühstück mit der örtlichen Bibliothek am 29. September um 9.30 Uhr, ein Café, das am 1. und 15. Oktober jeweils von 15 bis 17 Uhr geöffnet ist, sowie eine Caritas-Beratung „Leben im Alter“ am 21. September von 12.30 bis 14.00 Uhr und am 24. September von 13.30 bis 15.30 Uhr.

Neubauten für altersgerechtes Wohnen

Auch im Neubausektor tut sich einiges. Die Wewobau Zwickau errichtet in den Blöcken Allendestraße 2-8 und 10-20 in Neuplanitz 68 Komfortwohnungen; der rechte Block soll ab Januar 2027 bezugsfertig sein, der linke ein Jahr später.

In Hude plant der Privatinitiator Wolfgang Denker auf einem 2200 Quadratmeter großen Grundstück acht autarke Wohneinheiten im Holzrahmenbau als Mehrgenerationen-Modellprojekt.

Die Marke NUVVIA der Peeek Group aus Ahrensburg bewirbt unterdessen modulare Kompakthäuser für die Generation 60+ als barrierearme, energieeffiziente und flexibel erweiterbare Alternative zum überdimensionierten Einfamilienhaus.

In Berlin-Köpenick wurde das Wohnensemble „CÖ“ an der Hämmerlingstraße 132–136 mit 120 Wohnungen fertiggestellt, die bereits vollständig vermietet sind; die Anlage umfasst rund 15.500 Quadratmeter Bruttogrundfläche auf einem etwa 6000 Quadratmeter großen Grundstück, dazu drei Townhäuser und eine Tiefgarage mit 67 Parkplätzen.

In Aalen-Unterkochen entstehen im Neubau „Hansbald“ in der Heidenheimer Straße 3 und 5 vierzehn Seniorenwohnungen zwischen 45 und 170 Quadratmetern in Holzbauweise mit Wärmepumpe und Hackschnitzelheizung; die Fertigstellung ist für Dezember 2027 geplant.

Internationale Beispiele: Niederlande und Dänemark

In Den Bosch besteht die Wohngemeinschaft „Wij zijn Zuiderschans“ bereits seit vier Jahren und umfasst 83 Appartements für Menschen über 65 sowie 8 für sogenannte Buurtverbinders. Die Trägerin Van Neynsel mietet den Gemeinschaftsbereich sowie 44 Rollstuhlstudios von der Wohnungsgenossenschaft Zayaz an.

Aus der Praxis zog man dort die Lehre, die strikte Altersgrenze von 65 Jahren zu lockern; eine Kommission steuert inzwischen auf drei gleich große Bewohnergruppen nach Pflegebedarf hin.

In Dänemark eröffnete in der Kommune Randers das Aktivitetshuset Bakkegården: Ein ehemaliges Café wurde zu einem Aktivitätshaus für ältere Menschen umgewidmet, dessen Angebote von Freiwilligen organisiert werden – mit dem erklärten Ziel, Einsamkeit im Alter vorzubeugen.

Die Bandbreite der Beispiele zeigt: Altersgerechtes Wohnen wird zunehmend nicht mehr allein als bauliche, sondern als soziale Aufgabe verstanden – mit Angeboten, die von Beratung über kulturelle Teilhabe bis zu pflegerischer Versorgung reichen.

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