Minijob-Reform: Sieben Millionen verlieren Beitragsfreiheit
24.06.2026 - 06:11:08 | boerse-global.de
Kernstück: Der Sonderstatus von Minijobs soll wegfallen. Künftig müssten geringfügige Beschäftigungen voll sozialversicherungspflichtig werden. Das trifft bundesweit fast sieben Millionen Menschen. Ausnahmen sind nur für Schüler geplant.
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Was die Reform für Minijobber bedeutet
Minijobs werden nicht verboten – sie verlieren aber ihre Beitragsfreiheit. Bei der aktuellen Verdienstgrenze von 603 Euro monatlich müssten Beschäftigte künftig in alle Sozialkassen einzahlen. Die Rechnung: rund 130,73 Euro pro Monat. Davon entfallen 9,3 Prozent auf die Rentenversicherung, 8,75 Prozent auf die Krankenversicherung, 2,4 Prozent auf die Pflege- und 1,2 Prozent auf die Arbeitslosenversicherung.
Bisher können sich rund 80 Prozent der Minijobber von der Rentenversicherung befreien lassen. Diese Option soll entfallen. Für den Staat und die Sozialkassen würden jährlich rund 4,5 Milliarden Euro Mehreinnahmen anfallen. Schon ab dem 1. Juli 2026 sollen Minijobber ihre einmal gewählte Befreiung von der Rentenversicherung rückgängig machen können.
Wirtschaft schlägt Alarm
Die Pläne stoßen auf massiven Widerstand. Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), warnt vor dem Verlust Hunderttausender Jobs allein im Einzelhandel. Besonders betroffen wäre Baden-Württemberg: Hier waren im November 2025 rund 1,22 Millionen geringfügig Beschäftigte registriert. Regionale Verbände befürchten negative Folgen vor allem für Frauen.
Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) spricht von einer Katastrophe für das Gastgewerbe. Minijobs seien unverzichtbar, um Arbeitsspitzen an Wochenenden oder bei Veranstaltungen abzudecken. Ökonom Friedrich Schneider prognostiziert zudem mehr Schwarzarbeit. Sollten die Lohnnebenkosten auf über 38 Prozent steigen, drohe ein Anstieg des Schattenwirtschaftsvolumens um mindestens 25 Milliarden Euro im Jahr 2027.
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Gewerkschaften loben den Vorstoß
Unterstützung kommt von den Gewerkschaften. Verdi-Chef Frank Werneke nennt die Empfehlung „absolut richtig“. Minijobs seien ein hohes Risiko für Altersarmut und verhinderten reguläre, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.
Auch die Wirtschaftsweise Veronika Grimm und Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sehen positive Effekte. Die Abschaffung der Privilegien könne Arbeitsanreize erhöhen und mehr Menschen in reguläre Jobs bringen. Laut Bundesagentur für Arbeit sind derzeit rund 6,55 Millionen Menschen im gewerblichen Sektor und etwa 252.000 in Privathaushalten geringfügig beschäftigt.
Politische Fronten sind abgesteckt
Die Bewertung der Vorschläge fällt je nach Partei unterschiedlich aus. SPD, Grüne und Linke befürworten die Abschaffung des Sonderstatus bereits länger. CSU-Chef Markus Söder mahnt dagegen zur Vorsicht und kündigt eine zurückhaltende Position Bayerns im Bundesrat an. Die AfD fordert sogar eine Ausweitung der Minijobs.
Das Reformpaket der Rentenkommission enthält weitere Maßnahmen. Ab 2028 soll eine obligatorische Kapitalrente nach schwedischem Vorbild kommen. Der Zusatzbeitrag startet bei 0,5 Prozent und steigt später auf 2 Prozent des Bruttolohns. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) bewertet diesen Ansatz als sinnvoll. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) kritisiert dagegen die Mehrbelastung für Unternehmen – geschätzt auf über 40 Milliarden Euro jährlich.
