KI-Embargo: USA sperren Claude-Modelle – Europa rüstet mit 422 Mrd. auf
19.06.2026 - 16:56:19 | boerse-global.de
Europa reagiert mit Milliardeninvestitionen und dem Aufbau eigener Infrastruktur.
Mitte Juni 2026 ordnete das US-Handelsministerium ein Embargo gegen die KI-Modelle Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 von Anthropic an. Begründung: nationale Sicherheit. Da eine technische Trennung nach Nationalitäten kurzfristig nicht umsetzbar war, deaktivierte Anthropic die Dienste weltweit für alle ausländischen Nutzer. Hintergrund waren Berichte über Sicherheitsrisiken durch sogenannte Jailbreaks, die erweiterte Fähigkeiten der Modelle im Bereich Cybersicherheit freigelegt hätten.
Ifo-Präsident warnt vor existenzieller Bedrohung
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In Europa wertet man den Schritt als Beleg für die Verwundbarkeit der eigenen Wirtschaft. Ifo-Präsident Clemens Fuest warnte am heutigen Freitag vor einer existenziellen Bedrohung: Die USA kontrollieren schätzungsweise 75 bis 80 Prozent der weltweiten Hochleistungs-Rechenkapazität für KI. Europa kommt auf weniger als 5 Prozent. Fuest fordert einen beschleunigten Ausbau von Rechenzentren, Chipfabriken und Energieinfrastrukturen sowie deutlich kürzere Genehmigungsverfahren.
Deutsch-französische Allianz für digitale Souveränität
Die unmittelbare politische Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Am Mittwoch veröffentlichten Deutschland und Frankreich auf der Fachmesse VivaTech in Paris ein gemeinsames Positionspapier. Die beiden größten EU-Volkswirtschaften definieren darin digitale Souveränität über sechs Dimensionen – von rechtlicher Durchsetzung über Datenschutz bis zur Resilienz kritischer Infrastrukturen. Die Digitalminister beider Länder betonten: Die Strategie setze künftig verstärkt auf Open-Source-Lösungen, modulare Architekturen und den Ausbau eigener Cloud-Kapazitäten.
Konkrete Forschungsvorhaben flankieren die politische Initiative. Das französische Forschungsinstitut INRIA und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) kündigten am Donnerstag den Aufbau eines gemeinsamen KI-Entwicklungszentrums an. Ziel: Bündelung von Ressourcen und Talenten für eigene Chips und KI-Modelle – unabhängig von US-Exportkontrollen. Erste Ergebnisse erwartet man innerhalb der nächsten zwei Jahre.
Milliarden für Rechenpower und Infrastruktur
Die Europäische Union legt massive Finanzmittel auf, um den technologischen Rückstand aufzuholen. Ein Anfang Juni vorgestelltes Paket sieht über zehn Jahre rund 422 Milliarden Euro für den Chips Act 2.0, Rechenzentren und Open-Source-Offensiven vor. Die InvestAI-Fazilität soll zusätzlich bis zu 200 Milliarden Euro an privaten Investitionen mobilisieren.
Auch national laufen die Projekte an:
- Spanien: Die Regierung gab grünes Licht für eine KI-Gigafabrik mit einem Volumen von 719 Millionen Euro. Standorte: Tarragona und Madrid.
- Frankreich: In Kooperation mit Nvidia wurde eine neue Hochleistungsrechner-Infrastruktur aktiviert. Foxconn und Bull kündigten eine Partnerschaft zur Endmontage von KI-Rechnern im französischen Angers an.
- Wirtschaft: Das Soofi-Konsortium präsentierte mit „Soofi S“ ein offenes Industriemodell mit 30 Milliarden Parametern. T-Systems und SupplyOn gaben eine Partnerschaft zur Vernetzung von rund 140.000 Unternehmen bekannt.
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Sicherheitsbehörden kehren US-Anbietern den Rücken
Die Bestrebungen nach Souveränität erfassen auch die innere Sicherheit. Frankreichs Premierminister Lecornu gab am Mittwoch bekannt: Der Inlandsgeheimdienst DGSI beendet die Zusammenarbeit mit dem US-Datenanalysten Palantir. Nachfolger wird das französische Unternehmen ChapsVision. In Deutschland schloss Vizeadmiral Daum für die Bundeswehr den Zugriff von Palantir auf nationale Geheimdokumente aus. Parallel bündeln die deutschen Unternehmen Celonis und Deepset ihre Kräfte für eine souveräne KI-Plattform für den europäischen Markt.
Branchenverbände wie der Bundesverband IT-Mittelstand (BITMi) und die Open Source Business Alliance begrüßen die Entwicklung. Sie mahnen jedoch: Die Vermeidung von Abhängigkeiten müsse konsequent durch das Vergaberecht und den Abbau bürokratischer Hürden für mittelständische IT-Unternehmen unterstützt werden. Offene KI-Modelle seien die einzige technische Garantie gegen willkürliche Abschaltungen durch Drittstaaten.
