Ganztagsanspruch ab August: 100.000 Fachkräfte fehlen bundesweit
Veröffentlicht: 09.07.2026 um 07:10 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Kurz vor dem Start des Ganztagsanspruchs fordern Gewerkschaften bessere Bedingungen.
Neues Arbeitsrecht sorgt für Zündstoff
GEW und DGB laufen Sturm gegen die Beschlüsse des Koalitionsausschusses vom Anfang Juli. Besonders die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag treffen auf scharfe Kritik. Die GEW spricht von einem Misstrauensvotum gegenüber den Beschäftigten und warnt vor zusätzlicher Bürokratie.
Bisher mussten Arbeitnehmer in vielen Bereichen erst ab dem vierten Tag ein Attest vorlegen. 2024 lag der Krankenstand im Bildungsbereich bei 6,4 Prozent – Atemwegsinfekte und psychische Erkrankungen waren die häufigsten Ursachen. Kurzzeiterkrankungen bis zu drei Tagen machten weniger als zehn Prozent der Fehltage aus.
Widerstand gegen Befristungen und Stellenabbau
Auch die geplante Ausweitung der sachgrundlosen Befristung auf bis zu 48 Monate sorgt für Unmut. Ver.di und GEW bezeichnen das als „Befristungswahnsinn“. Während die IG Metall das Reformpaket als gemischt bewertet, fordern Kritiker innerhalb der Gewerkschaften eine kämpferischere Haltung gegen den Stellenabbau im öffentlichen Dienst und Angriffe auf den Acht-Stunden-Tag.
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Ganztagsanspruch: Start ohne ausreichend Personal
Am 1. August 2026 tritt der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder in Kraft – zunächst für die erste Klasse. Die GEW NRW fordert verbindliche Qualitätsstandards und weist auf massive Finanzierungslücken hin. Der kommunale Investitionsrückstand liegt bei 186 Milliarden Euro, allein 55 Milliarden entfallen auf die Schulinfrastruktur.
Der Bund stellt 3,5 Milliarden Euro für den Ausbau bereit. Dennoch fehlen bundesweit schätzungsweise 100.000 Fachkräfte. In Nordrhein-Westfalen spitzt sich die Lage zu: Hier fehlen bereits über 3.000 Grundschullehrkräfte.
Dramatische Altersstruktur an Schulen
Die Situation verschärft sich weiter. Mehr als jede dritte Lehrkraft ist über 50 Jahre alt. Zwischen 2025 und 2027 werden voraussichtlich 3.000 weniger Lehrkräfte ausgebildet als nötig.
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Um darauf aufmerksam zu machen, organisierten Gewerkschaften diese Woche mehrere Demonstrationen in NRW. In Siegen protestierten am 7. Juli rund 700 Teilnehmer unter dem Motto „Sozialer Sommer“. Einen Tag später demonstrierten in Bielefeld etwa 450 Menschen für den Erhalt des Acht-Stunden-Tages und eine sichere Rente.
Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) startete im Kreis Wesel eine Petition für kleinere Lerngruppen und nachhaltige Personalplanung. Für den 10. Juli ist eine weitere Großdemonstration des DGB in Bremen angekündigt.
NRW plant Strukturreformen
Parallel zu den Protesten treibt das NRW-Schulministerium eigene Änderungen voran. Der Schulausschuss stimmte einer neuen Ausbildungs- und Prüfungsordnung für die gymnasiale Oberstufe zu. Ab dem Schuljahr 2027/2028 soll ein fünftes Abiturfach mit Präsentationsprüfung kommen. Schulministerin Dorothee Feller spricht von einem zeitgemäßen Rahmen.
Kritischer wird die geplante Einführung verpflichtender Sprachförderung in sogenannten ABC-Klassen ab 2028 gesehen. Kitaträger und Gewerkschaften äußern massive Bedenken zur praktischen Umsetzung und zur Belastung des Personals.
Trotz der Spannungen konnte die GEW bei den jüngsten Wahlen zum Gesamtpersonalrat der Lehrkräfte – etwa im Raum Wiesbaden am 8. Juli – ihre Position als stärkste Kraft verteidigen. Ein deutliches Signal in einer Phase weitreichender Umbrüche.
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