CO2-Kosten, Konzerne

CO2-Kosten: 40 Konzerne warnen vor Produktionsverlagerung aus EU

19.06.2026 - 19:26:58 | boerse-global.de

40 Top-Konzerne warnen vor Werksschließungen durch hohe CO2-Preise. Die EU-Kommission kündigt Reformen für Juli 2026 an.

Industrie-Brandbrief: CO2-Kosten treiben Konzerne aus Europa
CO2-Kosten - Industrielandschaft bei Sonnenuntergang mit Fabrikschornsteinen, die stilisierte, leuchtende CO2-Symbole ausstoßen. Im Vordergrund ein Finanzgrafik aus Stahl. 19.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Rund 40 führende Industriekonzerne haben einen Brandbrief an EU-Ratspräsident Costa und Kommissionspräsidentin von der Leyen geschickt. Ihre Botschaft: Die explodierenden CO2-Kosten treiben die Industrie aus Europa.

Ohne grundlegende Reform des Emissionshandels (ETS) drohen massive Produktionsverlagerungen, Werkschließungen und der Verlust tausender Arbeitsplätze. Der CO2-Preis liegt derzeit bei rund 80 Euro pro Tonne – ein Niveau, das die Unternehmen als existenzbedrohend einstufen.

Brüssel lenkt ein – Reform für Juli angekündigt

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Die EU-Kommission hat bereits reagiert: Für Juli 2026 stellte sie neue Reformvorschläge in Aussicht. Auch aus der Politik kommt Unterstützung. Bayerns Wirtschaftsminister Aiwanger bezeichnete die aktuelle Höhe der CO2-Abgabe als unangemessen. Die Kritik: Die EU betreibe einen internationalen Alleingang bei den Klimakosten, der die Wettbewerbsfähigkeit massiv gefährde.

Der Druck kommt nicht von ungefähr. Deutschlands industrielle Substanz schwindet – und das seit Jahren.

Deutschland verliert industrielle Substanz

Der Arbeitgeberverband NiedersachsenMetall schlägt in die gleiche Kerbe. Eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt: Die Zahl der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe sank 2025 auf ein Zehnjahrestief von 6,6 Millionen. Hauptursachen: hohe Energiepreise, bürokratische Hürden und lahme Genehmigungsverfahren.

Die Folgen sind längst Realität. Der Chemiekonzern Evonik weitet seinen Stellenabbau massiv aus. Zusätzlich zu den bereits geplanten 2.800 Stellen bis Ende 2026 sollen bis 2029 weitere 3.200 wegfallen – davon 2.150 in Deutschland. Das Werk in Witten mit 266 Mitarbeitern wird 2027 komplett geschlossen. Evonik-Chef Christian Kullmann begründet den Schritt mit schwachem globalem Wachstum und unsicherer Weltlage.

Insolvenz in Leuna: Rohstoffpreise als Brandbeschleuniger

Auch im Osten zeigt sich die Krise. Die Polyamid GmbH in Leuna stellte einen Insolvenzantrag in Eigenverwaltung – 480 Mitarbeiter betroffen. Das Unternehmen führt die Schieflage auf Rohstoffpreise zurück, die je nach Herkunft um 40 bis 100 Prozent gestiegen sind. Erst im April 2026 war der Standort von einer Auffanggesellschaft übernommen worden.

Flankiert wird die Debatte durch grundsätzliche Kritik an der Energiepolitik. Professorin Claudia Kemfert vom DIW bemängelt, dass der Solarenergie-Ausbau ausgebremst werde, während die staatliche Kraftwerksstrategie neue Gaskraftwerke begünstige. Ihr Gegenvorschlag: mehr Fokus auf Speichertechnologien und flexible Biogasanlagen.

Gegenstimmen: Hat die Industrie zu lange profitiert?

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Doch die Warnungen der Konzerne bleiben nicht unwidersprochen. Marktbeobachter erinnern daran, dass die Schwerindustrie jahrelang vom Emissionshandel profitiert hat. Zwischen 2008 und 2015 kassierte die Branche durch kostenlose CO2-Zertifikate Vorteile in Milliardenhöhe. Allein auf die deutsche Schwerindustrie entfielen rund 4,5 Milliarden Euro.

Die IG Metall warnt davor, das ETS-System aufzuweichen. Das würde den notwendigen Umbau zur klimaneutralen Produktion nur verzögern. Unternehmen wie Saarstahl und Dillinger investieren bereits in „grünen Stahl“ und planen entsprechende Kapazitäten bis 2029/30.

Die Frage bleibt: Reformiert die EU den Emissionshandel – oder riskiert sie die Abwanderung ganzer Industriezweige?

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