Attestpflicht: Koalition plant Krankschreibung ab Tag eins
04.07.2026 - 02:40:03 | boerse-global.de
Die Koalition will die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag einführen und die telefonische Krankschreibung abschaffen. Ärzte und Krankenkassen laufen Sturm.
Attestpflicht ab Tag eins
Bisher reichte eine ärztliche Bescheinigung in der Regel ab dem vierten Krankheitstag. Das soll sich jetzt ändern: Die schwarz-rote Koalition plant, die Pflicht zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bundesweit auf den ersten Tag vorzuziehen.
Bundeskanzler Friedrich Merz begründet den Schritt mit hohen Krankenständen. Diese würden zu einem Wettbewerbsnachteil für den Standort Deutschland führen. Laut aktuellen Daten lag der Krankenstand 2024 bei durchschnittlich 14,8 Arbeitstagen pro Beschäftigtem.
Parallel dazu soll die telefonische Krankschreibung ersatzlos gestrichen werden. Sie war während der Pandemie eingeführt und später verstetigt worden.
Merz stellte klar: Patienten müssten nicht zwingend am ersten Tag physisch in der Praxis erscheinen. Eine formale AU-Bescheinigung müsse jedoch ab Tag eins vorliegen. Die Regierung plant zudem schärfere Strafen für unberechtigt ausgestellte Bescheinigungen und führt Konzepte für Teilkrankschreibungen ein.
Mediziner warnen vor Kollaps
Die Reaktion der Ärzteverbände fällt vernichtend aus. Markus Blumenthal-Beier, Bundesvorsitzender des Hausärzteverbandes, bezeichnete die Pläne als „absolut katastrophal“. Er erwartet eine immense Bürokratiebelastung für die Praxen. Viele Patienten würden künftig ohne medizinische Notwendigkeit die Sprechstunden aufsuchen – zulasten Schwerkranker.
Barbara Römer, Vorsitzende des Hausärzteverbandes Rheinland-Pfalz, sprach von einem „bürokratischen Super-GAU“. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung nannte die Neuregelung eine „unverschämte Zumutung“. Die Vorstände Andreas Gassen, Stephan Hofmeister und Sibylle Steiner warnten vor überfüllten Wartezimmern und einem erhöhten Infektionsrisiko.
Neue Regelungen wie die geplante Attestpflicht ab dem ersten Tag erhöhen den administrativen Druck auf Arbeitgeber und Personalabteilungen massiv. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt, wie Sie Ihre Arbeitsverträge rechtssicher an die aktuelle Gesetzgebung anpassen und teure Bußgelder vermeiden. 19 sofort einsetzbare Muster-Formulierungen kostenlos sichern
Die Telefon-AU habe sich bewährt, um Infektionsketten zu unterbrechen, betonte auch die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen. Statistiken zufolge machte sie zwischen 2020 und 2023 lediglich 0,8 bis 1,2 Prozent aller AU-Bescheinigungen aus.
Politischer Streit und fachliche Zweifel
Innerhalb der Koalition ist die Reform umstritten. Unionspolitiker wie Jens Spahn verteidigen die Pläne zur Senkung des Krankenstandes. SPD-Chef Lars Klingbeil sieht in der Attestpflicht das „kleinere Übel“ im Vergleich zu den von der Wirtschaft geforderten Karenztagen.
Bundestagspräsidentin Bärbel Bas und der SPD-Gesundheitsexperte Christos Pantazis betonten jedoch, dass die konkrete Ausgestaltung noch geprüft werden müsse. Pantazis wies darauf hin, dass es bisher keine wissenschaftlichen Belege für einen nennenswerten Missbrauch der Telefon-AU gebe.
Kritik kommt auch von den Landesebenen. Der rheinland-pfälzische Gesundheitsminister Clemens Hoch nannte die Attestpflicht ab dem ersten Tag „absurd“. In Mecklenburg-Vorpommern warnte die Ärztekammer vor einem „bürokratischen Monster“. Paradoxerweise könnte die Reform zu noch mehr Krankschreibungen führen: Ärzte bescheinigen bei einem Praxisbesuch oft längere Zeiträume als am Telefon.
Ob Krankmeldungen oder Arbeitszeiten – für Arbeitgeber wird die lückenlose Dokumentation durch neue Urteile und Gesetze immer komplexer. Erfahren Sie in diesem Gratis-Leitfaden, wie Sie die gesetzliche Nachweispflicht effizient umsetzen und rechtssicher handeln. Kostenlose Checkliste zur Arbeitszeiterfassung jetzt herunterladen
Kassen fürchten Chaos
Unterstützung erhält die Ärzteschaft von den Krankenkassen. DAK-Chef Andreas Storm warnte vor einem Chaos in den Hausarztpraxen. Die Abschaffung der bewährten telefonischen Regelung gefährde die Versorgungssicherheit.
Als mögliche Alternative verweist die Politik auf die Stärkung der Videosprechstunde. Praktiker beurteilen das jedoch skeptisch – wegen technischer Hürden und des hohen Zeitaufwands.
Während Unternehmerverbände die Reform als notwendigen Schritt zur Disziplinierung begrüßen, kritisiert die Gewerkschaft ver.di die Pläne als Ausdruck eines Generalverdachts gegenüber Arbeitnehmern. Die abschließende gesetzliche Ausgestaltung steht in den kommenden Wochen an.
