Ärzte warnen: 30 Millionen zusätzliche Praxisbesuche durch Attestpflicht
Veröffentlicht: 08.07.2026 um 16:09 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Die Bundesregierung will die telefonische Krankschreibung abschaffen und eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag einführen. Der Koalitionsausschuss beschloss das Maßnahmenpaket am 2. Juli 2026. Ziel ist es, den hohen Krankenstand in Deutschland zu senken.
Kanzler Merz begründet die Pläne mit der gestiegenen Krankheitsrate. Bisher gilt die Attestpflicht erst ab dem vierten Tag. Arbeitgeber können aber schon heute frühere Atteste verlangen.
Ärzte warnen vor zusätzlicher Bürokratie
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) reagierte scharf. Sie rechnet mit rund 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen pro Jahr. Der administrative Mehraufwand entspräche etwa 208.000 Arbeitstagen für das medizinische Personal.
Der Vorstand der KBV sprach von einer Zumutung. Die Neuregelung sei ein Misstrauenssignal gegenüber Patienten und Ärzten. Auch der Hausärzteverband kritisierte die Pläne als reine Symbolpolitik.
Experten des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) relativierten die Debatte. Deutschland liege bei verlorener Arbeitszeit mit 6,8 Prozent auf Rang sieben im internationalen Vergleich. Die elektronische Krankschreibung (eAU) sorge zudem für eine lückenlose Erfassung.
Zweifel an Missbrauch der Telefon-AU
Die Regierung argumentiert mit möglichem Missbrauch der telefonischen Krankschreibung. Doch die Daten der Krankenkassen stützen diese These kaum.
AOK-Chefin Carola Reimann betonte: Es gebe keine Evidenz für systematischen Missbrauch. Nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller Krankmeldungen seien telefonisch ausgestellt worden. Der Anstieg der Krankheitsfälle seit 2022 sei vor allem auf die eAU zurückzuführen. Die DAK bestätigt: Ein systematischer Missbrauch sei nicht feststellbar.
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Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) warnten sogar vor einem Nebeneffekt: Wer sich mit leichten Infekten in die Praxis schleppen müsse, stecke andere Patienten an.
Widerstand in der Koalition
Die Pläne sind auch innerhalb der Regierung umstritten. Der Arbeitnehmerflügel der CDU (CDA) forderte die Streichung der Maßnahmen. Ein Vertreter nannte das Vorhaben ein unnötiges Misstrauenssignal.
Aus der SPD kamen Forderungen nach pragmatischen Lösungen und wissenschaftlicher Fundierung. Statt einer pauschalen Pflicht seien Betriebsvereinbarungen der bessere Weg.
Arbeitsrechtler wiesen auf mögliche Hürden hin: Bestehende Arbeitsverträge könnten durch das Günstigkeitsprinzip geschützt sein, wenn darin eine spätere Attestpflicht vereinbart wurde.
Telemedizin als Profiteur?
Während Hausarztpraxen eine Überlastung fürchten, könnte die Telemedizin profitieren. 2024 wurden bereits 2,7 Millionen Videosprechstunden durchgeführt – ein Plus von 25 Prozent zum Vorjahr. Rund 40 Prozent aller Krankmeldungen dauern weniger als vier Tage.
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Das geplante GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz flankiert die Änderungen. Es sieht über 60 Reformen im Gesundheitswesen vor – darunter Kürzungen der Bundeszuschüsse 2027 und 2028 sowie höhere Beiträge für Bürgergeldbeziehende.
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger begrüßte die Verschärfung. Die Pharmaindustrie kritisierte dagegen andere Teile des Gesetzespakets als negatives Signal für den Forschungsstandort.
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