Berlin
Wittich - Von der FDP zu den Freibeutern
11.07.09 | 16:26 UhrWarum Studentin Merle von Wittich von den Jungliberalen in die Piratenpartei wechselte
Berlin (ddp-bln). Etwas erschöpft sitzt Studentin Merle von Wittich in einem Café in Berlin Mitte. «Wir haben den ganzen Tag für unsere Teilnahme an der Bundestagswahl in Brandenburg gesammelt», sagt sie. «In Potsdam kamen 110 Unterschriften zusammen.» Die 20-Jährige ist Aktivistin der Piratenpartei, bis vor wenigen Wochen war sie noch FDP-Mitglied.
Die Piratenpartei hat derzeit rund 3600 Mitglieder (Berlin rund 250). Bei der Europawahl 2009 erreichten «Die Piraten» bundesweit 0,9 Prozent, in Berlin 1,4 Prozent. Nun plant die neue Partei «den Wiedereinzug in den Bundestag in voller Fraktionsstärke und ... Eintritt in eine Regierungskoalition», wie aus einem Papier der Partei hervorgeht. Seit Juni ist sie durch den ehemaligen SPD-Abgeordneten Jörg Tauss im Parlament vertreten, gegen den wegen des Verdachts des Besitzes von Kinderpornografie ermittelt werden soll.
Auch Merle von Wittich weiß, wie heikel das für die Partei ist. «Alle Piraten sind gegen Kinderpornografie», sagt sie mit Nachdruck. Allerdings werde das Thema im Zusammenhang mit Tauss nicht nur «oft verzerrt» dargestellt, auch für ihn müsse natürlich bis zur Klärung die Unschuldsvermutung gelten. Sie selbst, sagt Wittich, bekämpfe auch nicht die von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) durchgesetzte Sperrung aller Seiten solchen Inhalts. Sie sei für Löschung, betont die Studentin. Schließlich leiste Sperrung nur einer Zensur Vorschub. «Zensi, Zensa, Zensursula» - das Spottlied der Piraten über die Ministerin findet sie trotzdem recht lustig.
Ihr politisches Handwerk lernte Zahnarzttochter Wittich bei der FDP-Nachwuchsorganisation, den Jungliberalen (Juli). Dort war sie unter anderem für den Vorstand des Kreisverbandes Charlottenburg-Wilmersdorf-Spandau tätig, berichtet sie. Natürlich habe sich auch die FDP mit Computer- und Datenschutz beschäftigt - dem Kernanliegen der Piraten - aber eben nicht genug. Der Parteiübertritt kam Anfang Juli. Ein Begriff sei ihr die Piratenpartei seit zwei Jahren.
Die Jungliberalen hätten ihren Übertritt ziemlich «entspannt» aufgenommen, viel mit ihr telefoniert und über den Kreisvorsitzenden sogar eine Doppelmitgliedschaft angeboten. Das habe sie aber abgelehnt. «Ich will, dass wir als Piraten ernst genommen werden. Immerhin haben die meisten keine politische Erfahrung», räumt sie ein. Die meisten Leute seien «schon mit Ernsthaftigkeit» dabei. Gleichzeitig hofft die junge Frau, dass allen der Idealismus erhalten bleibt: «Denn diese Partei hat die Chance, ohne Strukturen zu arbeiten.»
Ganz ohne Straffung der Parteiaktivitäten gehe es aber nicht, sagt die angehende Betriebswirtin mit Spezialisierungsrichtung Public Management. «Unsere Bundestagskandidaten bekommen Rhetorikschulungen», erklärt sie.
Gerade wurde die Studentin Mitbegründerin einer Partei-Crew. Einer maximal zehn Mitglieder umfassenden Einheit, die die nicht vorhandenen Ortsverbände ersetzt und von einem Kapitän samt 1. Maat geleitet wird. Merle ist Kapitän der Crew «1984».
Ganz persönliches Anliegen ist ihr dabei die Bildungspolitik. Ein Feld, für das es in der Partei bereits eine Arbeitsgruppe gebe. Und letztlich brauche ihre Heimatstadt Osnabrück auch einen Ableger der Piratenpartei, sagt sie, um kurz darauf im Café verschwörerisch von einem Bekannten begrüßt zu werden. «Er ist noch FDP-Mitglied, überlegt jetzt aber, ob er zu uns übertritt», sagt sie schmunzelnd.
(ddp)
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Warum Studentin Merle von Wittich von den Jungliberalen in die Piratenpartei wechselte
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