Wellnessbordelle» - Erotikgewerbe zieht verstärkt aufs Land: «Wellnessbordelle» bevorzugen die Provinz - 60 Sperrbezirke in Hessens Innenstädten In Hessens Innenstädten ist für neu entstehende Bordelle meist kein Platz mehr. Grund sind nicht nur die Sperrbezirke, die in den jeweiligen Kommunen der Ansiedlung von Rotlichtbetrieben einen Riegel vorschieben. Entscheidend ist oft der Flächenbedarf, denn Freudenhäuser versuchen heute auch, mit weitläufigen Wellnessangeboten bei Freiern zu punkten.
Vergrößern Wellnessbordelle» - Erotikgewerbe zieht verstärkt aufs Land | Bild: ©

Seit diesem Herbst ist sogar die Innenstadt im mittelhessischen Stadtallendorf Sperrbezirk, aber ein Großbordell vor den Toren der Kommune ließe sich nicht verhindern.

Das war ursprünglich die Absicht der Stadt. Weil drei potenzielle Bordellbetreiber planerische Anfragen gestellt hatten, beantragte Stadtallendorf beim zuständigen Regierungspräsidium (RP) in Gießen die Aufnahme in die Sperrbezirksverordnung. Nach eineinhalbjähriger Verfahrensdauer genehmigte das RP jetzt das beantragte Vollverbot nicht, aber einen Teil-Sperrbezirk für den Kernbereich der Kommune. Als Gegenstück firmiert der übrige Grund und Boden der Stadt nun zwangsläufig als Toleranzzone.

Wegen der langen Regelungsdauer zogen die drei Erotikgewerbler, die Anlass für den kommunalen Gang zum RP gegeben hatten, zwischenzeitlich weiter und werden nun womöglich vor den Toren einer anderen Stadt Arbeitsplätze für Prostituierte und sexuelle Dienstleistungen für Freier anbieten. «In Gewerbegebieten zum Beispiel gibt es wenig Konfliktstoff», sagt Martin Gorski, Geschäftsführer mehrerer Bordelle in Hessen. «Sperrbezirke brauchen die Städte dann erst gar nicht einzurichten.»

Abseits der Großstädte betreibt Gorskis GmbH - wenn Fläche der Maßstab ist - bevorzugt Großbordelle, von denen sich einschlägige Investoren und folglich wohl auch Kunden in den vergangenen Jahren mehr versprechen als von den klassischen Laufhäusern in Innenstadtlage. Geworben wird mit «Wohlfühlatmosphäre», Poollandschaften und Relaxen in der Sauna. «Auch im Erotikgewerbe ist Wellness längst der Trend», sagt Gorski. «Und wo soll ich mit 5000 Quadratmetern hin, außer in die Provinz?»

In die 60 Sperrbezirke Hessens jedenfalls nicht. Ginge es nach dem Frankfurter Hurenverein Dona Carmen, gäbe es die Tabuzonen seit Einführung des Prostitutionsgesetzes 2002 nicht mehr. «Was einst Gewerbsunzucht hieß, ist nicht mehr sittenwidrig», sagt Dona-Carmen-Sprecherin Rosina Henning. Ländern ohne Sperrbezirke, wie Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, fiele es leicht, Bordelle neben einer Kita allein per Baurecht zu verhindern. Gießens Regierungspräsident Lars Wittek (CDU) hält dagegen und sieht in der «Aufnahme Stadtallendorfs in die Sperrbezirksverordnung einen wichtigen Schritt zum Schutz der Jugend».

Ein Sperrgebiet sei stets das «letzte Mittel», erläutert der Sprecher des Regierungspräsidiums (RP) Darmstadt, Dieter Ohl. Wer Prostitution mit Gewaltkriminalität verbinde, müsse sich auch die Frage stellen, «ob die Damen in Randlagen der Städte oder auf dem Land eigentlich sicher genug arbeiten». Auf dem Land sei der Kontrollaufwand höher, bestätigt Michael Conrad im Kasseler RP. Nordhessen übe auf neu entstehende Bordelle offensichtlich Anziehungskraft aus. «Wir haben hier viel Provinz und gute Autobahnanschlüsse.»

Für einen naturnahen Standort entschieden sich in Südhessen die Besitzerinnen dreier Wohnmobile, in denen das gewerbliche Liebeslager dann bereitet ist, wenn abends im Fenster das rote Herzchen aufleuchtet. Die rollenden Bordelle parken gern am Rand des Bürstädter Walds. Trotz gelegentlicher Bürgeranfragen können Forstleute und das Ordnungsamt in Bürstadt daran nichts Strafbares finden. «Uns hätte sich überdies eine unbeantwortbare Frage gestellt», sagt ein Mitarbeiter des Landesbetriebs Hessen-Forst: «Kann im Staatswald ein Sperrbezirk beantragt werden?»

Stadtallendorf (ddp-hes)