Arnsdorf (ddp-lsc). Wie mit einem Purzelbaum fallen die Saftbeutel aus der Abfüllmaschine. Binnen Sekunden wurden sie dort mit dem würzig-süßen Saft der Aroniabeeren befüllt. Jetzt liegen die Plastikbeutel auf dem Fließband, bevor sie in Pappkartons verpackt werden. «Das ist meine Lieblingsmaschine», erzählt Kirstin Walther, Chefin der Saftkelterei Walther im sächsischen Arnsdorf, ihren Besuchern. Ungewöhnlich an dieser Betriebsbesichtigung ist, dass sie im Internet satt findet. Die Führung, bei der Walther den Weg der Äpfel, Quitten oder Aroniabeeren durch Quetschwalze, Saftpresse und Separator bis in die Beutel erklärt, ist als Kurzfilm auf dem Videoportal «Youtube» eingestellt und kann im «Saftkanal» auf der Homepage der Kelterei angesehen werden.
Die Anmerkungen und Fragen der Besucher sind als Kommentare im «Saftblog» nachzulesen, einer Art Tagebuch im Internet, das die Unternehmerin seit Anfang 2006 führt. Warum die Saftbehälter gedreht werden müssen, will etwa jemand wissen. Damit der am Beutel sitzende Zapfhahn an der richtigen Stelle im Karton liege, mutmaßt ein anderer. Die Chefin klärt schnell auf: Der noch heiße Saft müsse die Verpackung rundum benetzen, damit diese steril werde.
Mit «Saftblog» und «Saftkanal» besinnt sich Walther, die seit fünf Jahren die 1927 von ihren Urgroßeltern gegründete Kelterei führt, auf alte Tugenden des mittelständischen Unternehmens. «Früher stand der Chef noch auf dem Hof und unterhielt sich mit seinen Kunden», schreibt sie im «Saftblog». Dabei seien Anregungen, Lob und Kritik besprochen worden.
Heute rollen hingegen meist nur noch Lastwagen auf den Hof des Betriebs, dessen 17 Mitarbeiter zwei Millionen Liter Saft im Jahr herstellen. Mit ihren Kunden, die nicht selten weit entfernt wohnen, unterhält sich Walther deshalb im Internet und erfährt dabei nicht nur, wie der Saft schmeckt und ob die Lieferung der oft per Mail bestellten Saftboxen klappt, sondern auch, wie sich manches Produktionsproblem beheben lässt. So hätten ihre Leser geholfen, als anfangs einige Saftbeutel zu gären begannen und explodierten, erzählt sie. Die im Blog per Bild dargestellte Panne war bald behoben. Walther sieht nicht nur an diesem Beispiel belegt, dass «unsere Kunden oft die besten Ideen haben».
Mit der Nutzung von Blogs, Videos und Kurznachrichten, die sie an Kunden verschickt, gehörte Walther zu den Vorreitern in Deutschland, wie ihre inzwischen zahlreichen Einladungen zu entsprechenden Konferenzen belegen. Heute ist sie damit freilich nicht mehr allein: Die Möglichkeiten des sogenannten Web 2.0 spielten im Marketing von Unternehmen eine zunehmende Rolle, sagt Ansgar Zerfaß vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Vor allem kleine Firmen könnten auf diese Weise nicht nur neue Kunden erreichen, sondern durch die direkte Kommunikation auch Nachteile gegenüber Großunternehmen mit üppigen Werbebudgets ausgleichen.
Dank der interaktiven Kanäle könnten sie sehr persönlichen Kontakt zu Kunden halten und spontan auf Kritik reagieren - anders als Konzerne, in denen Verlautbarungen oft lange abgestimmt werden müssten, erläutert Zerfaß. Das Web 2.0 biete den «Davids so Chancen, Nachteile gegenüber den Goliaths wettzumachen».
Kirstin Walther nutzt die Möglichkeiten und bemüht sich dabei um eine ebenso familiäre Atmosphäre, wie sie früher auf dem Hof der Kelterei herrschte. Mit einer legeren Strickjacke bekleidet nimmt sie ihre Besucher mit auf virtuelle Rundgänge durch die Produktion und liest neugierig, was in ihrem und anderen Blogs über den Arnsdorfer Saft geschrieben wird. Die Konsumenten, sagt sie, hätten sich «schon immer über die Qualität der Produkte unterhalten» - nur dass ein besonders guter oder schlechter Saft früher Stadtgespräch war, während heute Lob und Kritik im Internet landen. «Da ist es besser, man redet mit», sagt die Unternehmerin, die sich deshalb oft auch spätabends noch an den Laptop setzt und aus ihrem Betrieb berichtet.
Der Aufwand, so glaubt sie, lohnt sich: Seit sie Saftboxen über das Internet verkauft und ihre Kunden per Blog und «Saftkanal» informiert, hat sich der Absatz der einst hoch verschuldeten Kelterei mehr als verdoppelt. «Ohne diese Kommunikation», sagt sie, «wären wir heute definitiv pleite».
(walthers.de)
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