Vier der alten Reichsbahn-Wagen, darunter ein Ausreise-Original, stehen heute im Fuhrpark des Verkehrsbetriebs Thüringen in Erfurt. Am 1. Oktober, am Jubiläumstag der ersten Ausreisewelle, sollen sie wieder von Prag ins bayrische Hof rollen - als Erinnerungsfahrt mit fünf Zwischenstopps, organisiert vom Dresdner Verein Kultur Aktiv. Rindt wird samt Orchesterkollegen als einer der Zeitzeugen im Erinnerungszug sitzen.
Beim Geruch des alten Kunststoffbezugs kommen bei ihm die Erinnerungen hoch. Laut sei es in dem voll besetzten Zug gewesen wie bei einer Klassenfahrt, auf einmal seien alle Redehemmungen gewichen. «Wir mussten ja keine Angst mehr vor Bespitzelung haben», erinnert sich der heute zwischen Brandenburg und Dresden pendelnde Orchestermanager.
Schon während seiner Kindheit in Dresden wollte er die Welt sehen und schmiedete Fluchtpläne. «Ich wollte einen Tunnel graben oder als Hirsch verkleidet über die grüne Grenze», erzählt der in Magdeburg geborene Künstler. Stattdessen studierte er Horn in der Hoffnung, als Musiker «einmal rauszukommen». Dies erwies sich jedoch bei den Landesbühnen Sachsen in Radebeul als Illusion.
Mit 21 entschloss sich Rindt mit seiner damaligen Freundin zur Flucht. «Sie konnte nicht studieren und wurde ständig von der Stasi verhört, weil ihre Eltern 1988 nach einem Besuch im Westen geblieben waren. Ich wollte ja schon immer weg», sagt er. Als auch noch sein Pianist, den er für seine Abschlussprüfung gebraucht hätte, in den Westen verschwand, war für ihn der Moment gekommen.
Sämtliche Fluchtpläne über die grüne Grenze wurden verworfen, als am 1. Oktober rund 4000 Botschaftsflüchtlingen die Ausreise aus Prag gelang. «Meine Eltern haben uns geraten, es auf diese Weise zu versuchen», erinnert sich Rindt. Der Abschied von seiner Familie am 3. Oktober 1989 blieb bis heute das prägendste Erlebnis: «Wir wussten ja nicht, wann man sich wieder sieht und ob vielleicht geschossen wird.»
Anlass zur Panik bot jedoch auch dieser Fluchtweg reichlich: Getarnt als Wanderurlauber wurden die beiden auf beiden Seiten der tschechoslowakischen Grenze gefilzt und kontrolliert. In Prag verstellten Soldaten mit Maschinengewehren dem Flüchtlingsstrom die Zugangsstraße zur BRD-Botschaft. «Irgendwann ist ein Vater mit seinen Kindern an der Hand hingegangen. Da gingen die Soldaten plötzlich langsam auseinander», berichtet Rindt.
Rund 8000 Flüchtlinge in und vor der weiträumig abgesperrten Botschaft erfuhren noch am selben Tag, dass die DDR die Grenze zur Tschechoslowakei geschlossen hatte. Kurz darauf brachten jedoch die Radionachrichten die Befreiungsbotschaft, unmittelbar nach dem Wetterbericht: «Soeben erreicht uns die Nachricht, dass alle Flüchtlinge innerhalb und außerhalb der Prager Botschaft noch heute in die BRD ausreisen können.» Rindt schweigt einen Moment und fügt dann hinzu: «Einen Moment war es still auf dem Platz. Dann brach ein totaler Jubel aus. Jeder lag jedem in den Armen.»
Lange habe der zehn Waggons lange bereitgestellte Sonderzug am tschechischen Grenzbahnhof Decin gestanden, nachdem Stasi-Mitarbeiter den Ausreisenden die Ausweise abgenommen hatten. «Sie sagten uns, es gebe Probleme in Dresden», erzählt er. Zu dieser Zeit gab es vor dem Dresdner Hauptbahnhof bereits schwere Ausschreitungen.
Erst nachts setzte sich der Zug in Bewegung. «Ich habe die ganze Zeit rausgeguckt und niemanden gesehen außer Polizisten mit Hunden», sagt er. Irgendwo bei Pirna hätten Menschen wie wild aus einem Haus gewinkt. «Da war offensichtlich, dass sie nicht an die Gleise rankamen», fügt er nachdenklich hinzu.
Als der Zug über die Marienbrücke in Dresden fuhr und die Silhouette der Heimatstadt auftauchte, öffnete Rindt eine Flasche böhmischen Sekt. Befreit fühlte er sich aber erst, als er an den Marken der Autos an einem Bahnübergang merkte: Er war im Westen. «Das war ein unglaubliches Gefühl, in Freiheit zu sein. In Hof kamen Einheimische mit Blumen und Tüten mit Essen und haben uns umarmt. Man konnte es nicht glauben!», sagt er. Dass dies der Anfang des Umbruchs sein würde, habe er bis zur Wende nicht glauben können.
Nach Studien- und Musikerjahren in Köln kehrte der Hornist 1996 nach Dresden zurück und gründete mit seiner jetzigen Frau Katrin Köster, die er in Köln kennengelernt hatte, und mit Schlagzeuger Sven Helbig die «Dresdner Sinfoniker». Das auf zeitgenössische Musik spezialisierte Orchester mit Musikern aus Europas besten Konzerthäusern sorgt seitdem mit experimentellen Aufführungen für Aufsehen. Auf der Erinnerungsfahrt sollen Sinfoniker-Hornisten an den Haltestationen aus einem Gepäckwaggon des «Zugs der Freiheit» heraus spielen.
(ddp)


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