Felix Klein

Antisemitismusbeauftragter: Ärzte wissen nicht genug über die Nazizeit

14.08.2020 - 10:02:40

Fritz Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, möchte im Zuge der Änderung der Approbationsordnung für Ärzte erreichen, dass diese während ihres Studiums mehr Kenntnisse über den Missbrauch der Medizin in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland erlangen.

Klein erklärte dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" für die am Freitag erscheinenden Ausgaben seiner Zeitungen, es existiere hier "eine Lücke" in der Ausbildung der Ärzte. Es gebe "viel zu viele Mediziner", deren Kenntnisse über die Rolle, die die Medizin im Dritten Reich gespielt habe, unzureichend seien. Das gelte besonders für Fragen der Ethik, stellte Klein fest.

Zum Beispiel mangele es den angehenden Ärzten an Wissen über die Menschenversuche des Arztes Josef Mengele im KZ Auschwitz, aber auch weiterer Mediziner, bei denen Gefangene auf grausamste Weise gequält und anschließend ermordet wurden. Es habe sich hierbei um klare "Verstöße gegen den hippokratischen Eid" gehandelt, betonte Klein. "Damals wurde das Leben totgespritzt". Es sei wichtig, heutige Mediziner stärker mit diesen ethischen Fragen zu konfrontieren. Die ethischen Grundlagen der medizinischen Berufe müssten ein prüfungsrelevantes Fach werden, verlangte der Antisemitismusbeauftragte der Regierung, der seit 2018 im Amt ist, weiter. Aus diesem Grunde setze er sich für eine Änderung der Approbationsordnung für Ärzte ein. Und da ohnehin auch bei anderen Personen der Wunsch nach einer Überarbeitung der Approbationsordnung bestehe und diese bereits in Arbeit sei, passe sein Anliegen gut in die laufenden Gespräche hinein. Klein sagte, er sei über dieses Thema bereits "in Gesprächen" mit dem Gesundheitsministerium unter Jens Spahn (CDU). Ein Sprecher des Ministeriums bestätigte das und fügte hinzu, ein Entwurf für die neue Approbationsordnung werde wohl bereits im Herbst dieses Jahres vorgelegt werden.

Karl Lauterbach, der Gesundheitsexperte der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag, erklärte gegenüber dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland", er unterstütze die Forderung des Antisemitismusbeauftragten ausdrücklich. Das Thema sei bisher viel zu wenig beachtet worden. Er betrachte "eine Änderung der Approbationsordnung" daher für angemessen, so Lauterbach weiter. Er rief in Erinnerung, wie die jüdische Ärzteschaft ab 1933 aus den Krankenhäusern und aus dem Beruf gedrängt wurde, und auch an den Umstand, dass ein erheblicher Teil der Ärzte Mitglied in der NSDAP war. Forschungsergebnisse zeigen, dass dies tatsächlich auf etwa die Hälfte der deutschen Mediziner zutraf. Bei den Lehrern oder Juristen lag der Organisationsgrad hingegen maximal bei 25 Prozent. Lauterbach erinnerte sich weiter, das Thema habe in seinem eigenen Medizinstudium keine Rolle gespielt, und das müsse sich ändern, verlangte er.

In seiner "Nürnberger Erklärung" von 2012 hatte der Deutsche Ärztetag festgestellt, heute sei "deutlich mehr über Ziele und Praxis der vielfach tödlich endenden unfreiwilligen Menschenversuche mit vielen tausend Opfern" und auch über die Ermordung von mehr als 200.000 psychisch kranken und behinderten Menschen bekannt als in früherer Zeit. Ebenso seien mehr als 360.000 als "erbkrank" eingestufte Menschen zwangssterilisiert worden. Anders als heute noch vielfach fälschlicherweise angenommen, sei der Anstoß "gerade für diese gravierendsten Menschenrechtsverletzungen" nicht etwa von Vertretern der nationalsozialistischen Politik, sondern tatsächlich von den Ärzten selbst gekommen. Sie seien unter Beteiligung maßgeblicher Vertreter der Ärzteschaft und der medizinischen Fachgesellschaften sowie "unter maßgeblicher Beteiligung von herausragenden Vertretern" der medizinischen Fakultäten der Hochschulen sowie von anerkannten Forschungseinrichtungen im Bereich der Biomedizin erfolgt. Der Deutsche Ärztetag betonte, er erkenne "die wesentliche Mitverantwortung von Ärzten" an den Verbrechen der NS-Medizin an, heißt es weiter in der Erklärung aus dem Jahr 2012, und er sehe das in der Vergangenheit Geschehene als eine Mahnung für die Gegenwart und die Zukunft.

 

Redaktion ad-hoc-news.de, RSM

@ ad-hoc-news.de