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Seit Jahrzehnten laufen T.S.O!-Konzerte nach demselben Muster ab: Geklatscht wird nicht, es gubt «Buh»-Rufe statt Beifall. Kenner würdigen «ihre» Kapelle mit einem herzlich skandiertenen «Scheiß-T.S.O!».
Hans-Jürgen Schmidt zählt zu jenen Musikern, die den Blödsinn kultivieren, aber auch aushalten müssen. «Begonnen hat alles 1977 am Rande des Studentenfaschings der Hochschule für Verkehrswesen Friedrich List, HfV, in Dresden», erinnert er sich. Schmidt ist einer der zwei Schlagzeuger und Gründungsmitglied. «Weil wir während der Faschings-Vorbereitung Lieder schrammelten, schlug jemand einen Miniauftritt im Vorraum der Mensa vor.» Das Ganze sei im wahrsten Sinne des Wortes eine Schnapsidee gewesen.
Die Premiere fällt in eine Zeit und in ein Land, wo Musiker öffentlich nur mit Lizenz auftreten dürfen und Tanzmusik streng nach der Quote 60:40 gespielt werden muss. 60 Prozent Ost-Songs, 40 Prozent kapitalistisches Liedgut. Dafür leistet sich jeder größere DDR-Betrieb eigene Klangkörper, die Kulturabteilungen ab Kreisstadt aufwärts finanzieren komplette Orchester. Nur musikalische Experimente haben es schwer.
In Dresden ist auch das etwas anders als anderswo. Die Stadt hat mit Philharmonie und Staatskapelle zwei klassische Orchester von Weltrang, an der Musikhochschule Carl Maria von Weber experimentieren Klangtüftler und Pianist Günter Hörig (1927-2009) lehrt Jazz. Es gibt offizielle und illegale Studentenbands, die in Clubs und Kirchen gegen staatliche Hörgewohnheiten anspielen. Fehlte nur noch eine Punkband.
«TSO war als Verballhornung der offiziellen Tanzorchester gedacht, die es in jedem Bezirk gab», erinnert sich Schmidt. T.S.O! trat mit schrottreifen Instrumenten und sehr mangelhaften Musikkenntnissen auf. Die Outfits waren schrill. «Der Start fiel nicht zufällig in die Zeit des aufkommenden Punk», sagt Schmidt. «Genau wie diese Bands spielten wir Coverversionen von Beat-Songs der Kinks, der Rolling Stones oder der Beatles.» Später kamen Titel der Neuen Deutschen Welle hinzu.
Der erste T.S.O!-Auftritt kam so gut an, dass Sicherheitskräfte das Treppenhaus wegen Überfüllung sperrten. Die Veranstalter platzierten T.S.O! ein Jahr später auf der Bühne.
Schon bei den ersten Auftritten schlug sich die Kabarett-Herkunft des damaligen Frontmanns Frank Schüller nieder. Auch wenn wechselseitige Weinduschen zwischen Bühne und Publikum eine Ausnahme blieben, entwickelten sich die noch immer gepflegten Rituale und Gitarrist Bernd Röhrig perfektionierte dieses «Dialogprinzip» systematisch.
Die DDR ging, T.S.O! blieb und entwickelte sich sogar weiter. Neuerdings spielt es unter dem Motto «Viel Holz, wenig Strom» auch unplugged und gelegentlich in Kirchen. Eine Sängerin, eine Flötistin, ein Saxofonist oder ein Cellist runden als Gäste das Klangbild ab. «Wir proben auch. Aber zu selten», sagt Schmidt und muss selbst schmunzeln: «Doch, doch - ein musikalischer Anspruch ist schon da.«
Schmidt, der nach dem Diplom noch einen Doktortitel draufsattelte, arbeitet heute für die Bundesregierung in Berlin. Auch die Musiker-Kollegen sind in festen Jobs gebunden. Sie leben in Berlin, Dresden und Hamburg. Oder brauen, wie Bassist Thomas Böhme - einziger Berufsmusiker in der Band -, in der eigenen Musikkneipe in Dresden-Laubegast Bier. Die meisten haben Kinder oder sogar Enkel, von denen einige bereits selbst musizieren.
Weil aus der Feier zum 30-jährigen Band-Jubiläum irgendwie nichts wurde, soll vielleicht 2010 das nun 33. Jahr des Bestehens gefeiert werden. Mehr als rund zwölf Auftritte pro Jahr sind organisatorisch und logistisch jedoch kaum drin. Gerade bemühe man sich um ein besseres Management, sagt Schmidt. Klares Ziel sei auch «mehr Berlin». Das sei leider aber nicht so einfach mit dem «schwer vermittelbaren Image».
Kein Wunder. Auf der T.S.O!-Webseite unterstellen zwei (natürlich falsche) Gründungsmythen der DDR-Staatssicherheit und der NATO die Idee zur Gründung der Band. Zudem überschrieb das Orchester seinen Auftritt am kommenden 12. Dezember in der Alten Feuerwache in Berlin-Schöneweide mit dem ironischen Motto «Seniorenklatschen». Gemeint ist damit nur das Alter der Fans der ersten Stunde. Die meisten von ihnen, in die Jahre gekommene Studenten der HfV oder in der Hauptstadt gestrandete Sachsen, wissen, was sie ihrer Band schuldig sind: TSO-Konzerte beginnt stets mit der Forderung «Aufhören!».
( das-tso.de )
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