Bingen (ddp-rps). Der Dialog zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland muss aus Sicht des Islamwissenschaftlers Marwan Abou Taam in anderer Form geführt werden. «Er darf nicht als Dialog zwischen deutscher Mehrheitsgesellschaft und muslimischer Minderheit geführt werden», sagte Abou Taam am Dienstag in Bingen bei einer Fachtagung des rheinland-pfälzischen Innenministeriums. Abou Taam, Islamexperte beim Landeskriminalamt, forderte: «Die Anliegen der Muslime müssen als Anliegen von Bürgern begriffen werden.»
Zu der Tagung unter dem Motto «Dialog zwischen muslimischen Organisationen, Kommunen und Sicherheitsbehörden in Rheinland-Pfalz» hatte das Ministerium in eine Bingener Moschee eingeladen. Der Dialog, so hieß es, sei Voraussetzung für die erfolgreiche Integration der Zuwanderer, die wiederum «positiven Einfluss auf die innere Sicherheit» nehme.
LKA-Experte Abou Taam sieht eine grundlegende Ursache für die Integrationsprobleme gerade junger Migrantenkinder darin, dass einerseits die Ansprüche der deutschen Gesellschaft an sie wüchsen, andererseits jedoch die Chancen, die man ihnen biete, hinterhinkten. Frappierend sei dies bei der durch zahlreiche Studien belegten Benachteiligung im Bildungssystem.
Auf der Suche nach sozialer Anerkennung betrieben junge Migranten eine «Selbstethnisierung und Identitätskonstruktion». Diese Entwicklung stehe im Gegensatz zum Trend in vielen Herkunftsländern. «Manche Stadtteile in Berlin sind traditioneller als Istanbul», betonte Abou Taam.
Ausdruck dieser Entwicklung sei eine «Rekonstruktion des Patriarchats in den Vorstädten«, erläuterte der Islamexperte. So sei seit den 90er Jahren eine Zunahme von «Verbrechen im Namen der Ehre» festzustellen. «In den 70er- und 80er-Jahren war das kaum ein Problem», sagte er. Abou Taam übte in diesem Zusammenhang ausdrücklich Kritik an den muslimischen Geistlichen: «Nur selten setzen sie ihre Autorität zugunsten der Frauen ein». Dabei werde Gewalt im Namen einer vermeintlichen Ehre in den Herkunftsländern selbst von solchen Geistlichen unter Hinweis auf den Koran abgelehnt, die nach westlichen Maßstäben als fundamentalistisch eingestuft würden.
Aus Sicht der Polizei schilderte die Berliner Beamtin Dilek Bölükgiray ihre Erfahrungen im Umgang mit jungen Migranten. «Für viele von ihnen ist eine Beleidigung schlimmer als Körperverletzung, die es ihrer Meinung nach rechtfertigt zuzuschlagen», sagte sie. Neben der klassischen Polizeiarbeit sei es wichtig, Kooperationen mit Schulen, Jugendclubs und Moscheen einzugehen und vor allem Kontakt zu den Eltern aufzubauen.
Eine positive Entwicklung bei der Integration sah Birgit Zeller vom Landesjugendamt in den Gründungen islamischer Einrichtungen. Einwanderer brächten mit eigenen Kindergärten und Schulen zum Ausdruck, dass sie sich ihrer Benachteiligung im Bildungssystem bewusst seien. «Diese Einrichtungen sind ihr Weg, Bildungsgerechtigkeit herzustellen», sagte Zeller.
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