Freiburg (ddp-bwb). Im Ludwig Heilmeyer Tumorzentrum der Universitätsklinik Freiburg bemalen fünf Jugendliche einen selbstgebastelten Berg. Die Mädchen und Jungen im Alter von 13 bis 17 Jahren gehören zum Kinder- und Jugendprojekt «Löwenherz», das im Krankenhaus untergebracht ist. Krank ist keiner von ihnen; ihre Eltern sind es: Ihre Mütter oder Väter haben Krebs. Um die persönliche Belastung für die Kinder erträglicher zu machen, wurde 2007 ein gemeinnütziger Verein gegründet, der bereits mehrere Auszeichnungen erhalten hat.
Der Berg, den die Kinder gebastelt haben, stehe «für die Hindernisse, die es so im Leben gibt», sagt Max, der Jüngste in der Gruppe, gerade heraus. Die 17-jährige Ann-Christin bevorzugt Rot, andere arbeiten gelbe, grüne und violette Farben in die Hangpartien der wuchtigen Konstruktion aus Maschendraht und Packpapier ein. Sie plaudern, witzeln, geben selbstkritische Kommentare ab. Der gerade 16 Jahre alt gewordene Djery hat eine Höhle eingearbeitet, «als Rückzugsort», wie er betont.
Seit Februar 2007 ist das Projekt «Löwenherz» in der Freiburger Region für 152 Kinder krebskranker Eltern solch ein Rückzugsort. Hier werde ihnen «Raum für Ängste, Wut, Trauer und Ohnmacht» gegeben, erklärt die Gründerin und Leiterin des Projektes, Psychologin Elke Reinert. Aber auch für Dinge, die Spaß machen, entlasten und entspannen, fügt sie hinzu. Denn die Kinder überforderten sich häufig selbst, «weil sie ihre Eltern schonen wollen». Das koste «unglaublich viel Kraft für anderes». Darunter litten auch Schulleistungen und Freundeskreis.
Aber auch die Eltern wüssten häufig nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen, erklärt die Klinikpsychologin. Die Krebspatienten glaubten, ihre Kinder durch «Geheimhaltung» des Krankheitsausmaßes zu schonen. Doch das verunsichere noch mehr. «Selbst ein Baby bekommt die Notlage mit», sagt Reinert. Wenn sie nicht einbezogen würden, glaubten Kinder, selbst die Ursache für etwas Schlimmes zu sein und könnten dadurch bis ins Erwachsenalter Schaden nehmen - auch wenn ihre Eltern zu den 75 Prozent gehören, die wieder genesen.
Heilpädagogin und Kunsttherapeutin Anna Hupe bietet den betroffenen Kindern zusammen mit Kollegin Hanna Nöthig in altersgerechten Kleingruppen die Möglichkeit, wieder sie selbst zu sein. Sie dürfen toben, Geschichten spielen, sich Kuschelhöhlen bauen und Krankenhausszenen nachstellen. Und wer will, kann über die Krankheit der Mutter oder des Vaters sprechen. Sie lachen, albern und trauen sich vor den anderen zu weinen, denn «die wissen ja auch, wie sich das anfühlt», wenn der Verlust eines Elternteils droht, berichtet Hupe. Für Kinder ab zwölf Jahren ist auch Erlebnispädagogik im Angebot.
Eltern reagierten nach anfänglicher Skepsis, was eine Psychologin, eine Therapeutin und eine Pädagogin mit ihren Kinder anstellen könnten, erleichtert, erzählt Leiterin Reinert. Kinder wie Eltern lernen, über die Krankheit offen zu sprechen und «Brücken zu bauen über den möglichen Tod hinaus». Jugendliche dagegen seien nicht so leicht zu gewinnen. Deshalb will das Projekt nun an Schulen herantreten, und die «Löwenherz»-Jugendgruppe plant, ihre Erfahrungen über eine Internetseite den Altersgenossen näher zu bringen. Doch das kostet, wie alle anderen Aktivitäten, Geld, das der Verein samt 1,1 Personalstellen zu 100 Prozent selbst aufbringen muss.
(ddp)





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