München/Dornbirn (ddp-bay). Er ließ eine tote Kuh über Berlin abstürzen und inszenierte sich selbst als blutüberströmten Schmerzensmann: Die Performances des Gegenwartskünstlers Wolfgang Flatz provozieren stets - so sehr, dass man ihn in seiner Heimat Österreich einst in die Psychiatrie eingewiesen hat. Seit 1975 wohnt und arbeitet Flatz deshalb in München. Nun hat ihm seine Geburtsstadt Dornbirn ein Museum gebaut, das am Freitag eröffnet wird.
«Ich betrachte das Museum nicht als Aussöhnung mit meiner Heimat, sondern einfach als positive Entwicklung beider Seiten», sagt Flatz dazu im ddp-Interview. Dornbirn, ein Städtchen im malerischen Vorarlberg, sei vor fünf Jahren mit der Museums-Idee auf ihn zugegangen. Nun wird auf 55 Quadratmetern eine Dauerausstellung zu sehen sein, die die Entwicklung seines Werks in den vergangenen 35 Jahren widerspiegeln soll. Sie wurde von Flatz zusammen mit dem Regensburger Kurator Rado Poggi konzipiert.
Das Museums-Logo ist programmatisch für die Arbeitsweise des Künstlers: In Comic-Manier ist ein Flatz-Männchen gezeichnet, das durch ein Fernrohr in die Gegend späht. Der Künstler ist ein genauer Beobachter seiner Mitmenschen: In seinem Werk weist er auf die zerstörerischen Triebe der Gesellschaft hin, indem er sie darstellt. Gewalt ist sein Grundthema, mit dem er sich in immer neuen Varianten auseinandersetzt.
Das birgt Schock-Potenzial. Nicht nur Tierschützer protestierten beispielsweise, als Flatz mit Zustimmung des Berliner Kultursenats für die Performance «Fleisch» im Jahr 2001 eine tote Kuh aus 40 Metern Höhe auf die Prenzlauer Allee abstürzen ließ. Vor 8000 Zuschauern wollte Flatz so auf Massenschlachtungen und BSE-Skandale hinweisen.
Diese Körperlichkeit seiner Kunst ist ein zentrales Thema der Dauerausstellung. Die Werkreihe «Physical Sculpture» stellt eine Verbindung zwischen der Physis des Künstlers und der der Zuschauer her: Eröffnet wird die Reihe durch ein Foto, das den Rücken von Flatz zeigt, auf den in riesigen Lettern der Titel der Werkreihe tätowiert ist. Ein paar Meter weiter müssen die Besucher selbst tätig werden und 60 Kilogramm schwere Boxsäcke zur Seite schieben, um den Rest der Ausstellung zu sehen.
Selbstinszenierung ist ein wesentlicher Teil des Gesamtkunstwerks Flatz´. Dabei schont er sich nicht. In der Silvesternacht 1990 ließ er sich kopfüber zwischen zwei Stahlplatten aufhängen und läutete als lebender Glockenschwengel bis zur Ohnmacht das neue Jahr ein.
Obwohl es Flatz explizit nicht darauf ankommt, eine Marke zu etablieren, ist sein Erscheinungsbild längst zu einem Markenzeichen geworden. Zu Interviews kommt er meist mit dunkler Sonnenbrille und glimmender Zigarette. Der kahl rasierte Schädel, riesige Totenkopfringe und eine schwarze Lederjacke geben das Bild des harten Rockers, das der Künstler durch seine ruhige Art konterkariert. Flatz liebt es, Ambiguität zu stiften und den Betrachter über die Verwirrung zur Reflexion zu bringen.
Auch wegen des gesellschaftskritischen Impulses wird sein Werk international wahrgenommen. Er hat bisher dreimal an der Documenta teilgenommen. Kurator Poggi bezeichnet Flatz als «geistigen Bombenleger», der «spürbare Kunst» schaffe.
Seine kritische Haltung wird jedoch nicht immer verstanden. Daher rührt auch das schwierige Verhältnis zu Österreich. 1975 wurde Flatz bei einer seiner Performances in die Psychiatrie eingewiesen, kurz vorher war er festgenommen worden. Aus seiner «kulturellen Emigration nach München» wird er auch jetzt nicht zurückkehren. Er fühle sich wohl als «hässliche Warze» auf dem Gesicht der reichen Stadt. Mit dem Entgegenkommen seiner Geburtsstadt zeigt sich der Künstler jedoch zufrieden: «Ein eigenes Museum mit 56 Jahren - das ist doch nicht schlecht, oder?»
(ddp)


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