Leipzig (ddp). Auch die Musikindustrie spürt erste Auswirkungen der Finanzkrise: Auf der am Sonntag endenden Leipziger Musikmesse Pop Up sind weniger Aussteller vertreten. Immer mehr Magazine verschwinden vom Markt. Weil auch die Lage der Plattenfirmen immer schwieriger wird, brechen für neue Musikgruppen noch härtere Zeiten an. Mit dem Chef des Hamburger Musiklabels «tapete», Gunther Buskies, sprach ddp-Korrespondent Marcus Engert am Rande der Pop Up über die aktuelle Stimmung im Musikgeschäft. Buskies, geboren 1972, arbeitete lange für Universal und Warner Music. 2002 gründete er mit Dirk Darmstädter, dem Ex-Sänger der Jeremy Days, das Plattenlabel «tapete». Es ist heute eines von zwei größeren unabhängigen Plattenlabels in Hamburg.

ddp: Herr Buskies, sie haben 2002 die Plattenfirma «tapete» gegründet. Merken Sie in der Branche Auswirkungen der Finanzkrise?

Buskies: Offen gesagt, merken wir das eigentlich weniger als befürchtet. Der Musikmarkt ist schon in den letzten Jahren auf das hoffentlich kleinste zu erwartende Niveau geschrumpft. Uns sind nur noch die Konsumenten geblieben, die Musik wie ein Grundnahrungsmittel konsumieren. Der Rest hat vergessen, dass man für Musik Geldeinheiten eintauschen muss oder hat keine Ahnung, wo und wie man Musik kaufen kann. Also trifft es andere Branchen sicherlich härter. Uns wurden eben schon sämtliche Arme und Beine in den letzten Jahren amputiert. Viel mehr kann man nicht verlieren.

ddp: Was bedeutet das für Ihr Geschäft?

Buskies: Die Abwärtsspirale ist am Grund eingeschlagen und kann sich nicht tiefer drehen. Die Indielabels veröffentlichen neue, unbekannte aber sehr interessante Musik. Künstler, auf die diese Attribute zutreffen, finden schon seit Jahren kaum noch in Massenmedien statt und haben daher mit Massenerscheinungen wie der aktuellen Krise weniger zu tun. So empfinden wir das zumindest. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir uns in dieser Situation besonders wohl fühlen. Wir würden uns auch wünschen, ein Land in eine ähnlich unumkehrbare Abhängigkeit gezwungen zu haben wie es die Automobilbranche wohl geschafft hat. Dann gäbe es eine Abwrackprämie für alte CDs und LPs. Das wäre doch toll: Milliarden für gute Musik statt globaler Konzerne.

ddp: Kalkulieren Sie als Labelchef neue Projekte nun anders durch als noch vor einem Jahr?

Buskies: Nein, wir rechnen schon seit Jahren verschiedene Szenarien pro Projekt durch: «Best Case», also den besten anzunehmenden Fall «Worst Case», also das Schlimmstmögliche, und «Realistic Case», quasi die Mitte. Meist pendelt es sich zwischen den letzten beiden ein. Aber wir jammern nicht mehr. Die Kollegen, die jetzt noch aktiv sind, haben sich das mittlerweile abgewöhnt. Das will keiner mehr hören.

ddp: Bevor man Platten verkauft oder Konzerte spielen kann, müssen neue Alben erst einmal bekannt gemacht werden. Bei Ihnen macht das eine eigene «Promotionabteilung», die mit Werbeabteilungen, Magazine, Rezensenten kommuniziert...

Buskies: Ja, und hier merken wir schon die Krise. Es gehen mehr und mehr Magazine ein oder haben damit zu kämpfen, dass weniger Anzeigen von anderen Branchen geschaltet werden.

ddp: Die Magazine dagegen beklagen, dass auch die Musikbranche weniger wirbt. Wie geht das also in den nächsten Jahren weiter? Geht überhaupt noch etwas ohne Anzeigenkauf?

Buskies: Klar, kein Musikmagazin kann ohne Anzeigen leben. Aber ohne spannende und neue Musik können sie auch kein Heft füllen. In den nächsten Jahren, so schätze ich, geht die Marktbereinigung noch weiter. Die Hauptzentralen der großen internationalen Plattenfirmen werden ihren Abteilungen hierzulande wahrscheinlich irgendwann verbieten, nationale Künstler unter Vertrag zu nehmen. Das macht sich bei den Analysten bestimmt besser, wenn man nur global vermarktbare Produkte bearbeitet. Vielleicht sind wir dann zusammen mit ein paar anderen musikinteressierten Firmen noch auf den Beinen und kümmern uns um den Rest. ddp/men/nje