Israel Freude, Freilassung

In Israel und Deutschland herrscht Erleichterung über die Freilassung weiterer Geiseln - getrübt allerdings von der Sorge um die rund 200 noch Verschleppten.

26.11.2023 - 14:16:34

Israel: Freude über Freilassung weiterer Geiseln. Palästinenser jubeln über entlassene Häftlinge.

Nach der Freilassung weiterer Geiseln aus der Gewalt der islamistischen Hamas im Gazastreifen war die Freude am Sonntag groß. Erst ein diplomatisches Tauziehen nach einer plötzlichen Verzögerung durch die Terrororganisation hatte am Samstagabend die Freilassung einer zweiten Gruppe ermöglicht. Im Gegenzug entließ Israel weitere 39 palästinensische Häftlinge aus dem Gefängnis. Ähnlich sollte im Zuge der bis Dienstagfrüh anhaltenden Feuerpause am Sonntag eine dritte Gruppe von Geiseln freikommen.

Nach Informationen der Nachrichtenseite «Ynet» sollen wieder 13 israelische Geiseln freigelassen werden. Es wird demnach erwartet, dass sich diesmal auch US-Staatsbürger darunter befinden. Auch sollten Familienmitglieder diesmal nicht getrennt werden, wie es bei der zweiten Gruppe am Vortag der Fall gewesen sei, berichtete «Ynet» unter Berufung auf israelische Beamte. Unter den am Samstag freigelassenen Geiseln war auch ein zunächst für tot gehaltenes, neunjähriges israelisch-irisches Mädchen.

Auf den Straßen im israelisch besetzten Westjordanland und in Ost-Jerusalem wurden die 39 am Samstag entlassenen palästinensischen Häftlinge von einer Menschenmenge mit Jubel begrüßt. Dabei wurden Hamas-Fahnen geschwenkt, wie die «The Times of Israel» berichtete.

Weitere deutsche Doppelstaatler frei

Bei den vier am Samstag freigekommenen Deutschen handelt es sich nach Angaben ihrer Familien um eine 67-jährige Frau sowie ihre 38-jährige Tochter und deren Kinder im Alter von 3 und 8 Jahren. «Ich denke an sie und an die, die noch in den Händen der Hamas sind. Wir arbeiten mit aller Kraft daran, dass auch sie bald in Freiheit sind», schrieb Außenministerin Annalena Baerbock in der Nacht zum Sonntag auf der Plattform X, ehemals Twitter. Schon am Freitag waren vier Deutsch-Israelis als Teil einer Gruppe von 24 Geiseln freigekommen.

Die Freude über die Freilassung wurde allerdings getrübt durch die Sorge um die weiter in Gefangenschaft verbleibenden rund 200 Verschleppten. Die zur Zeit andauernde Feuerpause soll mindestens vier Tage bis Dienstagfrüh dauern. Gemäß der Vereinbarung zwischen Israel und der Hamas sollen in dieser Zeit zunächst insgesamt 50 israelische Geiseln freigelassen werden. Zusätzlich kamen unter anderem bereits auch 14 Thailänder und ein philippinischer Staatsbürger frei. Eine Verlängerung der Feuerpause auf bis zu zehn Tage und weitere Freilassungen sollen möglich sein, wie das im Konflikt vermittelnde Golfemirat Katar mitteilte.

Auslöser des jüngsten Gaza-Kriegs war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, das Terroristen aus dem Gazastreifen am 7. Oktober in Israel nahe der Grenze begangen hatten. Dabei wurden mehr als 1200 Menschen getötet. Etwa 240 Geiseln wurden nach Gaza verschleppt, auch mehrere Deutsche.

Israel reagierte mit massiven Luftangriffen, einer Blockade des Gazastreifens und begann Ende Oktober eine Bodenoffensive. Dabei wurden nach Angaben der islamistischen Hamas fast 15.000 Menschen getötet. Mehr als 36.000 wurden demnach verletzt. Die Zahlen lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.

Steinmeier in Israel erwartet

Zu einem Solidaritätsbesuch wurden am Sonntag die beiden höchsten Repräsentanten des deutschen Staates - Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) - in Israel erwartet. In einer Videobotschaft begrüßte Steinmeier die Freilassungen und betonte: «Der Weg zur Beendigung des Kampfes wird und kann nur über die Freilassung der Geiseln führen. Aller Geiseln!»

US-Präsident vermittelt im Ringen um Geiseln

Bei der Freilassung der zweiten Gruppe von Geiseln hatte die Hamas die Übergabe am Samstag in letzter Minute zunächst gestoppt. Als Grund nannte die Terrororganisation, dass Israel aus ihrer Sicht gegen einen Teil des Geisel-Deals verstoßen habe. Sie warf Israel unter anderem vor, nicht ausreichend Hilfslieferungen in den nördlichen Teil des Gazastreifens ermöglicht zu haben. Israel wies das zurück und drohte mit einer Aufkündigung des Abkommens.

US-Präsident Joe Biden schaltete sich daraufhin am Samstag persönlich ein, wie eine Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrats der US-Regierung mitteilte. Der 81-Jährige habe mit dem Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani, und dem katarischen Premier- und Außenminister, Mohammed bin Abdulrahman Al Thani telefoniert. Am Ende lenkte die Hamas nach Einschreiten Katars am späten Samstagabend ein.

Tot geglaubtes Mädchen kommt frei

Daraufhin kam nach 50 Tagen Gefangenschaft auch ein ursprünglich einmal für tot gehaltenes, neunjähriges israelisch-irisches Mädchen frei. «Wir finden keine Worte, um unsere Gefühle nach 50 schwierigen und komplizierten Tagen zu beschreiben. Wir sind überglücklich, Emily wieder in die Arme schließen zu können», erklärte die Familie. Emily Hand war während ihrer Geiselhaft neun Jahre alt geworden, was in Dublin vor anderthalb Wochen mit einer Party gefeiert worden war.

Ihr Vater hatte in einem emotionalen TV-Interview unter Tränen seine Erleichterung darüber geäußert, dass sie nicht in die Hände der Hamas gefallen sei, weil das noch «schlimmer als der Tod» gewesen wäre. Später hieß es, seine Tochter sei womöglich doch als Geisel in den Gazastreifen verschleppt worden. Am Samstagabend war sie in Freiheit.

Palästinensische Häftlinge gefeiert

Die im Gegenzug freigelassenen palästinensischen Häftlingen seien wegen terroristischer Straftaten verurteilt oder angeklagt worden, erklärte der israelische Armeesprecher Doron Spielman. Dass sich die Freigelassenen unter den Fahnen der Hamas feiern ließen, zeige, um was für Menschen es sich handele. «Es ist eine Schande, dass wir sie freilassen.» Palästinensischen Medien zufolge handelt es sich um sechs Frauen sowie 33 männliche Jugendliche unter 19 Jahren.

Am Samstagabend hatten Dutzende vor einem Gefängnis nördlich von Jerusalem auf die Freilassung gewartet. Palästinensischen Angaben zufolge gingen israelische Soldaten gegen die Wartenden mit Tränengas und Gummigeschossen vor. Laut Sanitätern wurden vier Menschen verletzt. Nach Angaben der «Times of Israel» ist unter den Freigelassenen eine 38-Jährige, die 2015 an einem Kontrollpunkt im Westjordanland eine Gasflasche in ihrem Auto zur Explosion gebracht und dabei einen Polizeibeamten verletzt habe.

Katar hofft auf Verlängerung der Feuerpause

Katar hoffe, dass der Schwung, der durch die Freilassungen und die Feuerpause entstanden sei, es ermögliche, «die Feuerpause über diese vier Tage hinaus zu verlängern und somit ernsthaftere Gespräche über die restlichen Geiseln zu führen», sagte der Sprecher des katarischen Außenministeriums, Majed Al-Ansari, dem US-Fernsehsender CNN.

@ dpa.de