Krater, Zerstörung

Ein israelischer Kampfjet greift im dicht besiedelten Flüchtlingslager Dschabalia ein mehrstöckiges Gebäude an.

01.11.2023 - 15:40:34

Krater der Zerstörung: «Häuser und Menschen verschluckt». Ziel sei ein Drahtzieher des Hamas-Massakers in Israel gewesen, erklärt die Armee. Die Folgen sind verheerend.

  • Palästinenser inspizieren die Schäden nach den Angriffen. - Foto: Fadi Wael Alwhidi/dpa

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  • Dschabalia ist nach UN-Angaben das größte Flüchtlingslager im Gazastreifen. - Foto: Fadi Majed/AP/dpa

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  • Nach israelischen Angaben wurde bei dem Luftangriff auf Dschabalia auch der Hamas-Kommandant Ibrahim Biari getötet. - Foto: Abdul Qader Sabbah/AP

    Abdul Qader Sabbah/AP

Palästinenser inspizieren die Schäden nach den Angriffen. - Foto: Fadi Wael Alwhidi/dpaDschabalia ist nach UN-Angaben das größte Flüchtlingslager im Gazastreifen. - Foto: Fadi Majed/AP/dpaNach israelischen Angaben wurde bei dem Luftangriff auf Dschabalia auch der Hamas-Kommandant Ibrahim Biari getötet. - Foto: Abdul Qader Sabbah/AP

Die Bilder von Tod und Zerstörung in dem palästinensischen Flüchtlingslager Dschabalia im nördlichen Gazastreifen sind erschütternd. Ein tiefer Krater klafft in der Erde, wo vorher noch Gebäude standen. Verzweifelte Menschen suchen in Trümmern nach Überlebenden. Kinder werden geborgen.

Nach Darstellung der israelischen Armee galt der Luftangriff einem Drahtzieher des Massakers an israelischen Zivilisten am 7. Oktober. 50 Terroristen seien bei dem Einsatz in Dschabalia getötet worden. Israels Armee kann eigener Darstellung noch nicht sagen, wie viele Zivilisten getötet wurden.

In sozialen Medien kursieren sofort schreckliche Bilder von verstümmelten Leichen. Vor dem nahe gelegenen Indonesischen Krankenhaus sind Reihen weißer Leichensäcke zu sehen. Die Klinik wird mit Verletzten überschwemmt.

Die im Gazastreifen herrschende Hamas verschanze sich dort absichtlich hinter ziviler Infrastruktur, sagte Militärsprecher Daniel Hagari vor Journalisten. «Sie wollen dieses Bild der Zerstörung.»

Hagari sprach von einem Dilemma für die Armee. Einerseits wisse sie, dass sich in der Gegend noch immer Zivilisten aufhielten - obwohl das Gebiet aufgrund der Präsenz der Hamas als «rote Zone» ausgewiesen sei. Zugleich sei die Aktivität der Hamas in dem Flüchtlingslager für die israelische Armee eine Bedrohung, auf die sie reagieren müsse.

Schockierende Szenen nach der Explosion

Mohammed al-Aschkar aus Dschabalia erzählt, er habe eine schwere Explosion gehört. Dann habe eine schwarze Wolke die Umgebung verdunkelt. Al-Aschkar, der mit 56 Angehörigen in dem Gebäude wohnt, rief nach seiner Familie. Einige von ihnen seien verletzt, aber niemand getötet worden. Unter seinen Nachbarn gebe es jedoch Tote. «Als ich aus meinem Wohnhaus kam, das schwer beschädigt wurde, sah ich ein riesiges Loch in der Erde. Es hatte Häuser und Menschen verschluckt.» Seine Familie habe den Norden des Gazastreifens trotz wiederholter Aufrufe der israelischen Armee nicht verlassen, «weil wir dachten, dass Zivilisten nicht angegriffen werden».

Ein Krankenwagenfahrer erzählt, er habe nach der Explosion Dutzende von Menschen am Boden liegen sehen. Er berichtet von zerfetzten Leichen. Der Mann, der nur seinen Vornamen Mohammed nennen will, wirft Israel ein «Massaker» an Einwohnern Dschabalias vor «die keine Chance hatten, dem Tod zu entkommen». Er habe geweint, als er tote und verletzte Kinder gesehen habe, «weil ich an meine Kinder dachte und Angst hatte, dass sie die nächsten Opfer sein könnten».

Der militärische Arm der im Gazastreifen herrschenden Hamas, die Kassam-Brigaden, behauptete, bei dem Luftangriff seien auch sieben Geiseln getötet worden, darunter drei ausländische Staatsbürger. Die Angaben ließen sich jedoch nicht unabhängig überprüfen.

Größtes Flüchtlingslager im Gazastreifen

Dschabalia ist nach UN-Angaben das größte Flüchtlingslager im Gazastreifen. Dort leben Menschen, die in Kriegen mit Israel seit 1948 fliehen mussten. Sie werden von dem UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA betreut. Israel hat UNRWA vorgeworfen, sie trage zur Verewigung des Konflikts bei. Die israelische Armee hatte sich 2005 vollständig aus dem Gazastreifen zurückgezogen und alle israelischen Siedlungen dort geräumt. Dschabalia ist ein sehr dicht besiedeltes Wohngebiet, aber nicht wie andere Flüchtlingslager durch einen Zaun oder ähnliches von der Umgebung abgetrennt.

Hamas versteckt laut Israel militärische Ziele unter Zivilisten

Der israelische Militärsprecher Daniel Hagari beschrieb am Mittwoch die Hintergründe des Luftangriffs in Dschabalia während eines Bodeneinsatzes im Gazastreifen. «Aus einem mehrstöckigen Gebäude im Bereich Dschebalia haben Terroristen unsere Truppen beschossen», sagte Hagari. Wie viele andere Gebäude hätten Terroristen der im Gazastreifen herrschenden Hamas dieses nahe einer Schule, eines medizinischen Zentrums und Regierungsbehörden als Zufluchtsort genutzt.

Die Terroristen seien durch einen Luftangriff ausgeschaltet worden. Dabei handele es sich um den Hamas-Kommandanten Ibrahim Biari, ein mutmaßlicher Drahtzieher des Massakers an Zivilisten in Israel vom 7. Oktober. Biari sei zuständig gewesen «für den Bereich, aus dem viele der Terroristen zum Massaker am 7. Oktober aufbrachen», sagte Hagari. Er habe sich am Dienstag gemeinsam mit Dutzenden anderen Terroristen in einem Kommandozentrum in Dschabalia aufgehalten. Dies umfasse auch unterirdische Tunnel unter Gebäuden mit Zivilbevölkerung.

Die Hamas bestätigte den Tod von Biari zunächst nicht, Augenzeugen berichteten jedoch, er sei bei dem Angriff getötet worden. Die Hamas veröffentlicht die Namen ihrer getöteten Mitglieder für gewöhnlich erst nach einem Krieg.

Der Angriff habe zum Einsturz des Gebäude und des darunter liegenden Tunnelsystems geführt, sagte Hagari. Andere Gebäude seien daraufhin ebenfalls zusammengebrochen. Dies zeige einmal mehr «den zynischen Missbrauch von Zivilisten als menschliche Schutzschilde» durch die Hamas. Es sei von Hamas-Chef Jihia al-Sinwar beabsichtigt, das Bild eines zerstörten Gazas zu zeigen» und Israel verantwortlich zu machen für das Leid. «Sie werden die echten Schuldigen nicht verbergen können, und zwar sie selbst, die Verderben über Gaza gebracht haben.»

Schwere Zerstörungen und hohe Totenzahlen im Gazastreifen

Fast vier Wochen Krieg in dem Küstenstreifen, in dem das Leben für mehr als zwei Millionen Einwohner schon vorher sehr schwer war, haben verheerende Schäden angerichtet. Das UN-Nothilfebüros OCHA nannte zuletzt eine Schadensbilanz der Hamas-Behörden: Demnach sollen 45 Prozent aller Häuser im Gazastreifen durch die israelischen Angriffe zerstört (gut 16.000), unbewohnbar (gut 11.000) oder beschädigt (rund 150.000) worden sein. Das israelische Militär sagt, Hamas verstecke legitime militärische Ziele zwischen den Häusern.

Nach jüngsten Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums in Gaza wurden seit Kriegsbeginn 8 796 Palästinenser getötet. Die Mehrheit davon seien Frauen und Kinder. Mehr als 22.000 Menschen seien verletzt worden. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.

Israel lehnt Waffenruhe als Kapitulation vor Hamas ab

Angesichts des Leids der Zivilbevölkerung mehren sich die Aufrufe zu einer Waffenruhe. Doch Israel lehnt dies als Kapitulation vor der Hamas ab. Der israelische Friedensaktivist Gershon Baskin, der in der Vergangenheit an Verhandlungen mit der Hamas über die Freilassung des entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit beteiligt gewesen war, beschrieb den Angriff in Dschabalia als Kriegsverbrechen.

Gleichzeitig schrieb er in einem X-Post: «Eins muss klar sein: Die Hamas hat ihr Recht verloren, als Organisation zu existieren, die ein Gebiet neben Israel kontrolliert.» Die Islamistenorganisation habe mit dem beispiellosen Massaker im israelischen Grenzgebiet «Linien überschritten und damit ihre Existenzberechtigung verloren».

Die Hamas könne zwar besiegt werden, indem man ihre Anführer und Kommandeure töte. Die zerstörerische Ideologie der Hamas könne jedoch nur besiegt werden, wenn die Palästinenser stattdessen ein Recht auf Selbstbestimmung bekämen, schrieb Baskin. Im Gebiet des historischen Palästina müsse «jede Person dieselben Rechte» haben, fordert er. Nur mit gegenseitiger Anerkennung Israels und der Palästinenser könne «der sehr lange Weg zum Frieden» beginnen. Daran glauben in der umkämpften Region aber wohl mit jedem Tag weniger Menschen.

@ dpa.de