Ausschreitungen, Terrorangriff

Der Bischof einer christlichen Gemeinde wird bei einer Messe attackiert - von einem 16-Jährigen.

16.04.2024 - 09:42:58

Ausschreitungen nach Terrorangriff auf Bischof in Sydney. Daraufhin zieht ein wütender Mob zu der Kirche, die Lage eskaliert. Der Premier warnt vor Selbstjustiz.

  • Vor einer orthodoxen assyrischen Kirche in Sydney spielten sich chaotische Szenen ab. - Foto: Mark Baker/AP/dpa

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  • Die Spurensicherung im Einsatz. - Foto: Bianca De Marchi/AAP/dpa

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  • Ein Polizeifahrzeug mit zertrümmerter Windschutzscheibe. - Foto: Paul Braven/AAP/dpa

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  • Nach dem Messerangriff auf den Bischof versammelten sich zahlreiche Menschen vor der Kirche. - Foto: Aap Image/AAP/dpa

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  • Die Spurensicherung im Einsatz. - Foto: Bianca De Marchi/AAP/dpa

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  • Ein Polizeifahrzeug mit zertrümmerter Windschutzscheibe. - Foto: Paul Braven/AAP/dpa

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  • Nach der Attacke auf den Bischof versammelten sich zahlreiche Menschen vor der Kirche. - Foto: Aap Image/AAP/dpa

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  • Vor einer orthodoxen assyrischen Kirche in Sydney spielten sich chaotische Szenen ab. - Foto: Mark Baker/AP/dpa

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  • Eine Polizistin bei der Spurensuche in der Christ the Good Shepherd Church in Wakeley. - Foto: Mark Baker/AP

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Vor einer orthodoxen assyrischen Kirche in Sydney spielten sich chaotische Szenen ab. - Foto: Mark Baker/AP/dpaDie Spurensicherung im Einsatz. - Foto: Bianca De Marchi/AAP/dpaEin Polizeifahrzeug mit zertrümmerter Windschutzscheibe. - Foto: Paul Braven/AAP/dpaNach dem Messerangriff auf den Bischof versammelten sich zahlreiche Menschen vor der Kirche. - Foto: Aap Image/AAP/dpaDie Spurensicherung im Einsatz. - Foto: Bianca De Marchi/AAP/dpaEin Polizeifahrzeug mit zertrümmerter Windschutzscheibe. - Foto: Paul Braven/AAP/dpaNach der Attacke auf den Bischof versammelten sich zahlreiche Menschen vor der Kirche. - Foto: Aap Image/AAP/dpaVor einer orthodoxen assyrischen Kirche in Sydney spielten sich chaotische Szenen ab. - Foto: Mark Baker/AP/dpaEine Polizistin bei der Spurensuche in der Christ the Good Shepherd Church in Wakeley. - Foto: Mark Baker/AP

Mit einem Messerangriff auf den Bischof der assyrischen Gemeinde in Sydney hat ein Jugendlicher schwere Krawalle in der australischen Küstenmetropole ausgelöst. Nach seiner live im Internet übertragenen Tat, von den Ermittlern rasch als Terrorattacke eingestuft, zog am Montagabend (Ortszeit) ein wütender Mob vor die Kirche im westlichen Vorort Wakeley. Die Lage eskalierte, aus Dutzenden Krawallmachern wurden schnell Hunderte, die sich Straßenschlachten mit der Polizei lieferten.

Am Tag darauf blickt der zuletzt schon mit einer tödlichen Messerattacke in einem Einkaufszentrum konfrontierte Premierminister auf eine weitere Nacht der Gewalt zurück und appelliert an seine Landsleute, keine Selbstjustiz zu üben. Doch was genau ist passiert - und wie konnte es dazu kommen?

Am frühen Abend, draußen ist es schon dunkel, hält Bischof Mar Mari Emmanuel eine Messe in der Christ the Good Shepherd Church in Wakeley. Wie viele Gläubige der Zeremonie per Livestream folgen, lässt sich nicht sagen - was sie sehen, löst aber zweifellos Entsetzen in der christlichen Gemeinde aus, deren Geschichte bis ins alte Mesopotamien zurückreicht.

Ein Teenager, laut Polizeiangaben gerade einmal 16 Jahre alt, läuft auf den bärtigen Bischof zu. In seiner Hand: die Tatwaffe, offenbar ein Klappmesser. Der Jugendliche sticht mehrmals auf Kopf und Oberkörper des Bischofs ein, verletzt auch einen zu Hilfe eilenden Priester schwer. Augenzeugen stürmen nach vorn, überwältigen den Jungen mit dem markanten Wangenbart.

Polizei geht von «religiös motiviertem Extremismus» aus

Es ist unschwer zu erahnen, wie sehr die Emotionen in diesem Moment hochkochen. Der 16-Jährige sei von den Kirchenbesuchern zu Boden gedrückt worden, berichtet der Sender Sky News Australia. Als die Polizei eintrifft und den Täter festnimmt, muss er selbst schwer verletzt im Krankenhaus operiert werden.

Medienberichten zufolge soll ihm mindestens ein Finger abgeschnitten worden sein. Auf Fragen von Journalisten, ob die Verletzungen von dem Angriff stammen oder ob der wütende Mob dafür verantwortlich sei, entgegnet die Polizeichefin des Bundesstaats New South Wales später, dies sei Teil der Ermittlungen.

Beim Tatmotiv des Teenagers sei man sich hingegen sicher: Alles deute auf «religiös motivierten Extremismus» hin, sagte Polizeichefin Karen Webb. Der Junge habe offensichtlich allein gehandelt, sei schon vorher polizeibekannt gewesen, aber nicht wegen Terrorverdachts aufgefallen.

Bereits 2020 sei er mit einem Messer in der Schule erschienen, berichten australische Medien. Vor einigen Monaten sei er dann wegen einer Reihe von Straftaten - unter anderem wegen des Besitzes eines Messers «in der Absicht, eine strafbare Handlung zu begehen» - angeklagt worden. Wegen guter Führung sei sein Fall gegen eine Kaution abgewiesen worden.

«Plötzlich standen sie selbst in der Schusslinie»

Bischof und Priester seien nach dem Angriff operiert worden und könnten «von Glück sagen, noch am Leben zu sein», sagte Webb. Angst um ihr Leben hatten auch die Einsatzkräfte, die den Verletzten zu Hilfe eilten. Angesichts der aufgebrachten Menge vor der Kirche verschanzten sich die Sanitäter in dem Gotteshaus und trauten sich über Stunden nicht nach draußen, während vor der Tür die zahlenmäßig weit unterlegenen Polizisten ins Visier der Krawallmacher gerieten. «Plötzlich standen sie selbst in der Schusslinie», schilderte Webb. «Aus 50 wurden 500 Leute, für ein paar Stunden war die Lage ziemlich unkontrollierbar.»

Mit Ziegelsteinen und Zaunpfählen seien die Beamten attackiert worden, mehrere wurden verletzt, ein Polizist erlitt einen Kieferbruch. 20 Einsatzfahrzeuge wurden beschädigt, zehn sind nicht mehr einsatzbereit. Insgesamt mussten die Rettungsdienste nach eigenen Angaben 30 Patienten behandeln, viele hatten Pfefferspray abbekommen, sieben Verletzte wurden ins Krankenhaus gebracht. Erst mit Verstärkung anrückender Hundertschaften und Spezialeinheiten gewannen die Sicherheitskräfte wieder die Oberhand.

In Australien, wo die Polizei großen Respekt genießt und für ihr striktes Durchgreifen bekannt ist, haben solche Szenen Seltenheitswert. Am Morgen nach der Gewalt-Nacht versprach Webb, dass die Sicherheitsbehörden alle Gewalttäter ermitteln werden. «Alle, die an diesen Ausschreitungen beteiligt waren, können damit rechnen, dass wir an ihre Tür klopfen werden. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber wir werden euch finden und wir werden euch festnehmen.»

Der Regierungschef warnt vor Selbstjustiz

Das Chaos von Wakeley wühlt die Millionenmetropole Sydney auch deshalb so auf, weil viele Menschen noch immer unter dem Eindruck des jüngsten Geschehens im Osten der Stadt stehen. In einem Einkaufszentrum hatte ein psychisch kranker Mann am Samstag mit einem Messer auf Passanten eingestochen und sechs Menschen getötet. Umso mehr bemühte sich Australiens Premierminister Anthony Albanese nun darum, die Wogen zu glätten.

Dass die Menschen verunsichert und besorgt seien, könne er angesichts der jüngsten Ereignisse gut verstehen. «Aber es ist inakzeptabel, Polizisten an ihrer Arbeit zu hindern und zu verletzen.» Der Regierungschef von New South Wales, Chris Minns, sagte dem Radiosender 2GB Sydney, er ziehe angesichts der Vorfälle eine weitere Verschärfung der Regeln zum Besitz von Messern in Erwägung.

Die assyrische Gemeinde in Aufruhr, Sicherheitskräfte in Not - und auch eine andere Gruppe fühlte sich in dieser Nacht bedroht: die muslimische Minderheit. Religiöse Einrichtungen im Westen Sydneys seien aus Furcht vor Racheakten vorsichtshalber «von hunderten, wenn nicht tausenden Polizisten gesichert worden», sagte der Regierungschef von New South Wales, Chris Minns.

Der Imam der Moschee im Stadtteil Lakemba berichtete, nach dem Angriff auf den Bischof sei mit einem Brandbombenanschlag auf das islamische Gotteshaus gedroht worden. «Ich bin besorgt, dass das als ein muslimisches Problem behandelt wird», wurde Dschamal-Ud-Din El-Kiki in australischen Medien zitiert. «Es geht aber um einen Teenager mit einem Messer, der sich entschlossen hat, eine fürchterliche Tat zu begehen.»

@ dpa.de