Nahost, Gaza

Angesichts einer möglichen Bodenoffensive Israels gegen die Hamas befürchten die UN eine Katastrophe im Gazastreifen.

14.10.2023 - 12:15:51

Panik in Gaza vor drohender Bodenoffensive. Sie fordern, den Räumungsaufruf für eine Million Menschen zu widerrufen. Die Lage im Überblick.

  • Palästinensische Gläubige beten außerhalb der Altstadt von Jerusalem, während israelische Streitkräfte Wache stehen. - Foto: Oren Ziv/dpa

    Oren Ziv/dpa

  • Palästinenser fliehen nach israelischen Luftangriffen. - Foto: Mohammed Talatene/dpa

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  • Israelische Panzer fahren auf die Grenze zum Gazastreifen im Süden Israels zu. - Foto: Ariel Schalit/AP/dpa

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  • Ausgebrannte Wagen stehen auf dem Gelände eines Musikfestivals nahe der Grenze zum Gazastreifen. Mindestens 260 israelische Festivalbesucher wurden bei dem Angriff am vergangenen Samstag (07.10.2023) getötet. - Foto: Ariel Schalit/AP/dpa

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Palästinensische Gläubige beten außerhalb der Altstadt von Jerusalem, während israelische Streitkräfte Wache stehen. - Foto: Oren Ziv/dpaPalästinenser fliehen nach israelischen Luftangriffen. - Foto: Mohammed Talatene/dpaIsraelische Panzer fahren auf die Grenze zum Gazastreifen im Süden Israels zu. - Foto: Ariel Schalit/AP/dpaAusgebrannte Wagen stehen auf dem Gelände eines Musikfestivals nahe der Grenze zum Gazastreifen. Mindestens 260 israelische Festivalbesucher wurden bei dem Angriff am vergangenen Samstag (07.10.2023) getötet. - Foto: Ariel Schalit/AP/dpa

Das israelische Militär hat den Einwohnern des nördlichen Gazastreifens heute einen weiteren Zeitraum ohne Angriffe zugesichert, um sich in den Süden der abgeriegelten Küstenenklave zu begeben. Angesichts einer drohenden Bodenoffensive gegen die islamistische Hamas herrscht unter der palästinensischen Bevölkerung in dem dicht besiedelten Gebiet Angst und Verzweiflung. Seit dem beispiellosen Massaker an israelischen Zivilisten durch Terroristen vor genau einer Woche fliegt das israelische Militär massive Luftangriffe auf Ziele im Gazastreifen. Dabei wurde nach Angaben des israelischen Militärs einer der mutmaßlichen Hamas-Drahtzieher der blutigen Angriffe getötet.

Nach dem Evakuierungsaufruf der israelischen Armee haben sich deren Angaben zufolge Hunderttausende im Gazastreifen auf den Weg Richtung Süden gemacht. «Wir sind uns im Klaren, dass dies Zeit brauchen wird», sagte Militärsprecher Richard Hecht. Die Hamas versuche auch, die Zivilisten aufzuhalten.

Neuer Zeitraum für Evakuierung

Bewohner von Beit Hanun im Norden der Küstenenklave sollten zwischen 10.00 Uhr und 16.00 Uhr (09.00 bis 15.00 Uhr MESZ) auf einer vorgegebenen Fluchtroute nach Chan Junis im Süden gehen, wie ein Sprecher der Armee in arabischer Sprache auf der Plattform X (früher Twitter) mitteilte. Darüber habe man die Bevölkerung auf verschiedenen Wegen unterrichtet - schon am Vortag seien zum Beispiel Flugblätter abgeworfen worden. Auf der Route sei in den angegeben Stunden Bewegung «ohne Schaden» möglich. Seit der Aufforderung zur Evakuierung haben sich nach Schätzungen der Vereinten Nationen bis Freitagabend bereits Zehntausende Menschen auf die Flucht begeben.

Die UN befürchten nach Angaben eines Sprechers eine «katastrophale Situation», sollte die Armee in das dicht besiedelte Küstengebiet einmarschieren. Augenzeugen berichteten von Panik unter der Bevölkerung. Die UN forderten Israel auf, die Anweisung zur Evakuierung der etwa 1,1 Millionen Menschen zu widerrufen. UN-Generalsekretär António Guterres forderte sofortigen Zugang zum Gazastreifen für humanitäre Hilfe. «Auch Kriege haben Regeln», betonte er am Freitag in New York.

Mutmaßlich Verantwortlicher des Hamas-Massakers getötet

Bei Bombenangriffen auf Einsatzzentralen der Hamas im Gazastreifen hat das israelische Militär nach eigenen Angaben den Leiter des Hamas-Luftüberwachungssystems in Gaza-Stadt, Merad Abu Merad, getötet. Er sei maßgeblich für die Steuerung der Terroristen während des Massakers verantwortlich gewesen, teilte das israelische Militär am Samstag mit. Israelische Kampfflugzeuge hätten in der Nacht Dutzende Hamas-Ziele im gesamten Gazastreifen angegriffen und dabei «Nukhba»-Terroristen getroffen, die sich in einem Aufmarschgebiet der Küstenenklave aufhielten. Die «Nukhba»-Terroristen gehörten zu den Kräften, die das Eindringen nach Israel anführten.

Das israelische Militär teilte zudem mit, Soldaten hätten eine «Terrorzelle» identifiziert, die versucht habe, vom Libanon aus nach Israel einzudringen. Mehrere Terroristen seien getötet worden.

Menschen auf der Flucht

Im Gazastreifen machten sich Menschen in Autos, auf Lastwagen, mit Eselskarren und zu Fuß auf der einzigen Hauptstraße des Gebiets Richtung Süden auf. Die dort herrschende Hamas versuchte, fliehende Zivilisten davon abzuhalten, dem israelischen Aufruf zur Räumung des Nordens zu folgen. Sie sollten nicht auf die «Propagandanachrichten» reinfallen, hieß es.

Laut Hamas-Angaben sollen Luftangriffe der israelischen Streitkräfte 70 Menschen auf der Flucht in den Süden des Gazastreifens getötet und 200 weitere verletzt haben. Die meisten Opfer seien Kinder und Frauen, erklärte ein Sprecher der Islamistenorganisation am Freitag. Drei Konvois seien bei dem «Massaker» getroffen worden. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Vom israelischen Militär gab es keine Bestätigung. Die Berichte würden geprüft, hieß es dort.

Israelische Vermisste tot gefunden

Neben Bombenangriffen auf Hamas-Ziele unternahm das israelische Militär zudem erste begrenzte Vorstöße in den Gazastreifen. Dabei hätten die Soldaten am Freitagabend Leichen vermisster Landsleute entdeckt, berichtete die Zeitung «Jerusalem Post». Angaben zur Anzahl gab es zunächst nicht. Laut einem israelischen Armeesprecher sei Ziel dieser Einsätze, «das Gebiet von Terroristen und Waffen zu säubern». Dabei habe man auch versucht, Vermisste zu finden. Boden- und Panzertruppen hätten nach Spuren gesucht und «Terrorzellen ausgeschaltet».

Nach Angaben des militärischen Arms der Hamas sollen 13 der rund 150 aus Israel verschleppten Geiseln bei den israelischen Luftangriffen auf das Küstengebiet getötet worden sein. Darunter seien auch ausländische Staatsangehörige, behaupteten die Al-Kassam-Brigaden. Auch dies konnte nicht unabhängig überprüft werden. Israels Armee wollte dem Bericht nach eigenen Angaben nachgehen.

Netanjahu: erst der Anfang der Offensive gegen Hamas

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bezeichnete die derzeitigen Gegenangriffe im Gazastreifen nach dem Hamas-Terror mit Hunderten getöteten Israelis nur als «Anfang» der Offensive gegen die militanten Islamisten. «Wir werden die Hamas zerstören und gewinnen, aber es wird Zeit brauchen», sagte er am Freitagabend in einer Ansprache an die Nation. «Unsere Feinde haben gerade erst begonnen, den Preis zu zahlen. Ich werde unsere Pläne nicht näher erläutern, aber ich sage Ihnen, das ist erst der Anfang.» Das jüdische Volk habe seit Jahrzehnten nicht mehr solche Schrecken erlebt, so Netanjahu.

Terroristen im Auftrag der Hamas hatten am Samstag vergangener Woche ein Massaker unter israelischen Zivilisten in Grenzorten und auf einem Musikfestival angerichtet - das schlimmste seit Israels Staatsgründung. Mehr als 1300 Menschen kamen dabei ums Leben. Auch wurden mehr als 3000 Verletzte gemeldet. Die Zahl der bei israelischen Angriffen im Gazastreifen getöteten Palästinenser ist auf 2215 gestiegen. Zudem seien 8714 Menschen verletzt worden, teilte das Gesundheitsministerium im Gazastreifen mit.

Kritik an Israels Evakuierungsaufruf

Saudi-Arabien und Ägypten kritisierten den Aufruf des israelischen Militärs zur Massenevakuierung des nördlichen Gazastreifens. Saudi-Arabien lehne die «Zwangsumsiedlung» ab, teilte das Außenministerium am Freitag mit. Alle Formen der militärischen Eskalation, die sich gegen Zivilisten richteten, müssten gestoppt werden. Das ägyptische Außenministerium verurteilte die Anweisung zur Evakuierung der Gaza-Einwohner als «schwerwiegende Verletzung der Regeln des humanitären Völkerrechts».

Biden zeigt sich besorgt über humanitäre Lage

US-Präsident Joe Biden versicherte Israel erneut die Solidarität der Vereinigten Staaten, äußerte sich aber auch besorgt zur Lage im Gazastreifen. «Wir dürfen die Tatsache nicht aus den Augen verlieren, dass die überwältigende Mehrheit der Palästinenser nichts mit Hamas oder den abstoßenden Attacken der Hamas zu tun hat und dass sie in der Folge auch leiden», sagte Biden am Freitag.

@ dpa.de