Zucker und Übergewicht: 63 Milliarden Euro Folgekosten jährlich
22.06.2026 - 07:19:35 | boerse-global.de
Während Ärzteverbände und Krankenkassen auf regulatorische Eingriffe drängen, setzt die Politik weiterhin auf Freiwilligkeit. Aktuelle Studien und Marktentwicklungen zeigen die Komplexität des Themas.
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Uneinigkeit bei der Zuckersteuer
In der deutschen Politik herrscht weiterhin Dissens über eine Sonderabgabe auf zuckerhaltige Produkte. Bereits 2018 sprach sich die damalige Ernährungsministerin Julia Klöckner dagegen aus – und setzte stattdessen auf Ernährungskompetenz. Ein Bündnis aus über 2.000 Ärzten, Krankenkassen und der „Aktion Weniger Zucker“ fordert dagegen verbindliche Maßnahmen.
Die Forderungen sind konkret: Werbeverbote für Kinderprodukte, verständliche Lebensmittelkennzeichnung und steuerliche Anreize für gesündere Alternativen. International gibt es Vorbilder: Großbritannien erhebt seit 2018 Abgaben auf zuckerhaltige Getränke, Chile führte eine Kennzeichnungspflicht ein.
Aktuell fordert der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck gemeinsam mit Ärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt höhere Abgaben auf Alkohol und Tabak nach dem Verursacherprinzip. Ziel: das Gesundheitssystem entlasten.
Hohe Kosten durch Übergewicht
Die Zahlen sind alarmierend. Laut DEGS1-Studie sind 67,1 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen in Deutschland übergewichtig. Bei Kindern und Jugendlichen sind es 15 Prozent. Die Folgekosten für das Gesundheitssystem werden auf bis zu 63 Milliarden Euro geschätzt.
Allein tabakbedingte Erkrankungen verursachen jährlich rund 30 Milliarden Euro. Der durchschnittliche Zuckerkonsum liegt mit 70 Gramm pro Tag deutlich über der WHO-Empfehlung von maximal 50 Gramm.
Eine Normalisierung des Blutzuckerspiegels könnte das Risiko für kardiovaskuläre Todesfälle um 58 Prozent senken – das zeigen Studien des King’s College London und des Universitätsklinikums Tübingen. Eine südkoreanische Kohortenstudie mit über sechs Millionen Teilnehmenden deutet zudem darauf hin: Eine Remission von Prädiabetes kann das Krebsrisiko neutralisieren.
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Zuckerersatz: Keine einfache Lösung
Die Forschung zur Wirkung von Süßstoffen liefert widersprüchliche Ergebnisse. Eine Tierstudie des Dasman Diabetes Institute, vorgestellt auf der ENDO 2026 in Chicago, untersuchte die Folgen eines vollständigen Zucker-Verdachts. Bei Mäusen mit fettarmer, aber zuckerfreier Diät traten metabolische Schäden wie Insulinresistenz und Fettleber auf.
Forscher Rasheed Ahmad betont: Eine ausgewogene Ernährung sei wichtiger als isolierter Zucker-Verzicht. Auch Süßstoffe sind nicht unproblematisch. Die WHO stufte Aspartam 2023 als möglicherweise krebserregend ein. Eine Charité-Studie brachte Erythrit mit erhöhtem Herzinfarktrisiko in Verbindung. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt zudem vor dem Erhitzen von Sucralose über 120 Grad – dabei können krebserregende Stoffe entstehen.
Neue Trends, alte Probleme
Trotz aller Warnungen entstehen regelmäßig neue Produkte, die den Zuckerkonsum ankurbeln. Im Sommer 2026 entwickelte sich Kaffeekonzentrat zum Social-Media-Trend. Kritik gibt es vor allem an gesüßten Varianten: Sie enthalten pro Portion teilweise über sechs Gramm Zucker.
Parallel dazu steht die Getränkeindustrie unter wirtschaftlichem Druck. Ein Steuerstreit zwischen Coca-Cola und der US-Steuerbehörde IRS wird ab dem 25. Juni vor einem Bundesberufungsgericht in Miami verhandelt. Es geht um Gewinnzuweisungen im Ausland. Bei einer Niederlage drohen dem Konzern Nachzahlungen von rund 20 Milliarden Dollar.
