Zucker und Antibiotika: Studie zeigt 24,1 Prozent weniger Mikrobiom-Vielfalt
Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 18:43 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Ernährung eine entscheidende Rolle für die Widerstandsfähigkeit des Mikrobioms während medizinischer Behandlungen spielt.
Eine im Fachjournal Nature veröffentlichte Studie untersuchte detailliert, wie eine zuckerreiche Ernährung die durch Breitbandantibiotika verursachten Störungen der Darmflora verstärken kann. Die Ergebnisse legen nahe, dass insbesondere die Kombination aus hoher Zuckerzufuhr und antibiotischer Therapie das Risiko für gefährliche bakterielle Fehlbesiedlungen erhöht.
Systematische Untersuchung bei Stammzelltransplantationen
Die Datengrundlage der Untersuchung bildete eine Beobachtung von 173 Patienten, die sich am New York Memorial Sloan Kettering Cancer Center sowie am City of Hope National Medical Center einer allogenen hämatopoetischen Stammzelltransplantation (allo-HCT) unterzogen. Im Zeitraum zwischen 2017 und 2022 wurden insgesamt 9.419 Mahlzeiten dokumentiert und 1.009 Stuhlproben von 158 Probanden analysiert.
Die Forscher stellten fest, dass eine erhöhte Aufnahme von Süßwaren unmittelbar vor dem Einsatz von Breitbandantibiotika mit einem deutlichen Rückgang der mikrobiellen Vielfalt einhergeht.
Den Daten zufolge sank die sogenannte Alpha-Diversität des Mikrobioms pro 100 Gramm zusätzlichem Konsum von Süßigkeiten um weitere 24,1 Prozent (95 %-Konfidenzintervall 7,7 % bis 38,1 %). Eine ergänzende Analyse der Makronährstoffe bestätigte diesen Trend: Pro 100 Gramm reinem Zucker reduzierte sich die Diversität um 20,6 Prozent.
Vermehrung pathogener Keime und klinische Risiken
Ein zentraler Aspekt der Studie ist die Expansion potenziell schädlicher Bakterien wie Enterococcus faecium. Diese Erreger können die Darmflora dominieren und das Risiko für schwerwiegende Blutstrominfektionen erhöhen. Laut den Berichten stieg die CLR-Abundanz (Centered Log-Ratio) von Enterococcus faecium pro 100 Gramm Süßwarenkonsum um 0,89 Einheiten.
Besonders relevant für die klinische Praxis ist der Zusammenhang mit der Mortalitätsrate. Bei Patienten, deren Zuckeraufnahme über dem Median lag, erhöhte jeder zusätzliche Tag einer Breitbandantibiotika-Therapie das Sterberisiko um 12 Prozent (Hazard Ratio 1,12; P=0,027).
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In der Gruppe mit geringem Zuckerkonsum konnte statistisch kein vergleichbarer Zusammenhang festgestellt werden (Hazard Ratio 1,07; P=0,23). Die Forscher betonten zudem, dass Patienten nach einer Stammzelltransplantation bei einer solchen Fehlbesiedlung ein höheres Risiko für schwere Komplikationen tragen.
Validierung im Tiermodell und wissenschaftliche Einordnung
Um die Beobachtungen zu verifizieren, wurden ergänzende Versuche mit Mäusen durchgeführt. Diese bestätigten, dass die Gabe von Saccharose in Kombination mit Antibiotika die Vermehrung von Enterokokken massiv fördert.
Am dritten Tag der Behandlung war die Konzentration der Bakterien um das 16,3-Fache (P=0,048) und am sechsten Tag um das 33,4-Fache (P=0,001) höher als in Vergleichsgruppen. Interessanterweise führte die alleinige Gabe von Zucker oder Antibiotika zu deutlich geringeren Schäden am Mikrobiom.
Trotz dieser Ergebnisse mahnen Fachleute zur differenzierten Betrachtung. Ein Wissenschaftler namens Van den Brink erklärte, dass die Daten zwar noch nicht für allgemeingültige klinische Empfehlungen ausreichen, ein Verzicht auf übermäßigen Zucker während einer Infektion jedoch als unbedenklich gelte. Die Übertragbarkeit auf Patienten mit weniger schweren Infektionen müsse zudem noch geklärt werden.
Ein Kommentar in der Süddeutschen Zeitung wies zudem darauf hin, dass die Studie zwar den Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Mikrobiom-Schäden aufzeigt, jedoch nicht direkt untersucht hat, ob eine gezielte Reduktion der Zuckerzufuhr während der Behandlung die Infektions- oder Sterberisiken tatsächlich senkt.
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Zusätzlich verdeutlichen weitere aktuelle Forschungsarbeiten die Komplexität des Themas. Eine im Juli veröffentlichte Studie in Nature Communications deutet darauf hin, dass neben der Ernährung auch das Geschlecht und hormonelle Faktoren die Zusammensetzung der Darmflora beeinflussen.
Parallel dazu untersuchen Forscher der Sun Yat-sen Universität die Mechanismen, durch die das Mikrobiom über Stoffwechselprodukte wie kurzkettige Fettsäuren das Immunsystem und die antivirale Abwehr stärken kann. Diese Erkenntnisse unterstreichen die Notwendigkeit, Ernährungsfaktoren in der Mikrobiomforschung künftig noch präziser zu berücksichtigen.
