Zucker und Antibiotika: Studie findet 24,1 Prozent weniger Mikrobiom-Vielfalt
Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 15:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deAktuelle Berichte thematisieren verstärkt den Einfluss von Zucker und Süßstoffen auf die Darmgesundheit sowie die Notwendigkeit ausgewogener Ernährungskonzepte. Neue wissenschaftliche Untersuchungen liefern detaillierte Einblicke in die Mechanismen, über die Ernährungsmuster, Zuckerkonsum und chemische Süßungsmittel mikrobielle Gemeinschaften im Verdauungstrakt verändern können.
Wechselwirkungen zwischen Zucker und Antibiotikatherapien
Eine am 30. September 2026 in der Fachzeitschrift Nature publizierte Untersuchung der NYU Langone, des Memorial Sloan Kettering Cancer Center (MSK) und des City of Hope analysierte den Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und dem Darmmikrobiom während intensiver medizinischer Behandlungen.
Die Forscher erfassten 9.419 Mahlzeiten und 1.009 Stuhlproben von 158 Patienten im Rahmen einer Kohorte von 173 allogen stammzelltransplantierten Personen im Zeitraum von 2017 bis 2022. Insgesamt 138 der Patienten (80 Prozent) erhielten Breitbandantibiotika.
Unter der Gabe von Breitbandantibiotika ging die Alpha-Diversität des Mikrobioms je zusätzlichen 100 Gramm Süßem um 24,1 Prozent zurück (95-Prozent-Konfidenzintervall: 7,7 bis 38,1 Prozent).
Pro 100 Gramm reinem Zucker sank der Wert um 20,6 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall: 2 bis 35,6 Prozent). Zudem nahm das Vorkommen von Enterococcus faecium um 0,89 Einheiten relativer Häufigkeit je 100 Gramm Süßem zu.
Bei Patienten mit einer Zuckeraufnahme über dem Median stieg das Sterberisiko je zusätzlichem Tag unter Breitbandantibiotika um 12 Prozent (Hazard Ratio 1,12; 95-Prozent-Konfidenzintervall: 1,01 bis 1,23; P = 0,027).
In der Gruppe mit niedrigem Zuckerkonsum zeigte sich hingegen kein statistisch signifikanter Zusammenhang (Hazard Ratio 1,07; P = 0,23). Für die zwei Tage vor einer Stuhlprobe ermittelten die Wissenschaftler, dass jede weiteren 100 Gramm Zucker im Schnitt mit einer zusätzlichen Abnahme des Vielfaltsmaßes um rund 21 Prozent einhergingen.
Begleitende Mausexperimente bestätigten die Dynamik: Bei einer Kombination von Saccharose mit dem Antibiotikum Biapenem zeigte sich an Tag 3 eine 16,3-fach (P = 0,048) und an Tag 6 eine 33,4-fach (P = 0,001) höhere Belastung durch Enterokokken im Vergleich zu Tieren ohne Zuckerzufuhr.
Bei der Stammzelltransplantation gegen Leukämien oder Lymphome wird das körpereigene Immunsystem zuvor durch Zytostatika zerstört; die Patienten erhalten routinemäßig eine Antibiotikaprophylaxe sowie bei Infektionsverdacht hochdosierte Wirkstoffe.
Die Autoren betonen jedoch, dass die Daten keinen Beleg dafür liefern, dass Zucker Antibiotika neutralisiere oder Süßes automatisch Infektionen auslöse. Ob diese Mechanismen auch bei gesunden Menschen auftreten, ist bislang offen.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt grundsätzlich, maximal 10 Prozent der täglichen Gesamtenergie über freie Zucker aufzunehmen, was bei einer Energiezufuhr von 2.000 Kilokalorien etwa 50 Gramm entspricht. Eine spezifische Empfehlung für den Zeitraum einer Antibiotikabehandlung existiert bislang nicht.
Labortests und Beobachtungsdaten zu Süßstoffen
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Neben gewöhnlichem Zucker geraten auch Süßstoffe in den Fokus der Mikrobiomforschung. Wissenschaftler der University of Cambridge untersuchten im Fachjournal Molecular Systems Biology 39 Süßstoffe im Zusammenspiel mit 25 Darmbakterienarten im Labor. Rund 75 Prozent der getesteten Substanzen veränderten das Wachstum mindestens einer untersuchten Art; einige hemmten oder stoppten das Wachstum gesundheitsfördernder Mikroben.
In Labormodellen unterdrückte beispielsweise die Kombination aus dem Steviol-Derivat Isosteviol und dem Antidepressivum Duloxetin die Bakterien Roseburia intestinalis sowie Parabacteroides merdae stark und brachte die Zusammensetzung des simulierten Mikrobioms aus dem Gleichgewicht.
Insgesamt führten Tests von Süßstoffen in Kombination mit Koffein, Vanillin oder Arzneimitteln zu über 100 Fällen veränderten Bakterienwachstums (34 verstärkt, 68 abgeschwächt). Da es sich um eine Laborstudie handelt, ist eine direkte Übertragbarkeit auf den menschlichen Organismus nicht belegt. Gefördert wurde die Arbeit durch EU Horizon 2020 und das UK Medical Research Council.
Die American Academy of Neurology berichtete in der Zeitschrift Neurology über eine Beobachtungsstudie mit 12.772 Erwachsenen in Brasilien über eine durchschnittliche Beobachtungsdauer von rund 8 Jahren.
Bei den Teilnehmern (Durchschnittsalter zu Beginn 52 Jahre) ging der höchste Konsum künstlicher Süßstoffe (durchschnittlich 191 Milligramm pro Tag) mit einem um 62 Prozent schnelleren Rückgang von Gedächtnis und Denkfähigkeit einher als beim niedrigsten Konsum (20 Milligramm pro Tag), was rechnerisch rund 1,6 Jahren zusätzlicher kognitiver Alterung entspricht. Bei mittlerem Konsum lag der Wert um 35 Prozent höher (entsprechend rund 1,3 Jahren).
Sorbit wies mit durchschnittlich 64 Milligramm täglich den höchsten Konsumwert auf. Von sieben untersuchten Süßstoffen waren sechs (Aspartam, Saccharin, Acesulfam-K, Erythrit, Sorbit und Xylit) mit einem beschleunigten Abbau assoziiert; bei Tagatose zeigte sich dieser Zusammenhang nicht. Die Korrelation fiel bei Personen mit Diabetes sowie bei unter 60-Jährigen am stärksten aus. Als reine Beobachtungsstudie belegt die Analyse keine Kausalität.
Zusammenspiel von Ernährungsweise und Mikrobiomzusammensetzung
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Eine am 7. Oktober 2026 veröffentlichte Studie der Universität Kopenhagen im Journal Microbiome analysierte 150 gesunde dänische Erwachsene (75 vegan lebende Personen und 75 Allesesser im Alter von 18 bis 65 Jahren, Durchschnittsalter 31 Jahre).
Veganer wiesen eine geringere Diversität an Darmbakterien auf als Allesesser, obwohl sie fast 70 Prozent mehr Ballaststoffe verzehrten. Proteine lieferten bei Veganern 12 Prozent der Gesamtkalorien, bei Allesessern 17 Prozent. Veganer mit einem höheren Proteinanteil erreichten jedoch eine mikrobielle Diversität, die jener von Allesessern entsprach.
Insgesamt 109 Bakterienarten unterschieden sich zwischen den beiden Gruppen: 82 Arten traten bei Allesessern häufiger auf, 27 bei Veganern. Letztere wiesen zudem mehr ballaststoffabbauende Bakterien auf.
Der Einzeller Blastocystis fand sich bei 27 von 75 Veganern, gegenüber 14 von 75 Allesessern, und war mit niedrigerem Blutdruck assoziiert. Zudem wiesen Veganer niedrigere Blutzucker-, Gesamt- und LDL-Cholesterinwerte sowie geringere Entzündungsmarker auf. Blutdruck und Körpergröße unterschieden sich nicht.
Oluf Borbye Pedersen vom Novo Nordisk Foundation Center for Basic Metabolic Research der Universität Kopenhagen erklärte, die geringere Diversität hänge möglicherweise mit dem geringeren Proteinverzehr zusammen, und nannte Bohnen, Linsen, Hanfsamen, Chiasamen, Quinoa, Mandeln und Nüsse als pflanzliche Proteinquellen. Spezifische Ernährungsempfehlungen formulierte er dabei nicht.
Weitere Forschungsarbeiten beleuchten die Rolle mikrobieller Signaturen bei Immunreaktionen. Das Max-Planck-Institut für Biologie Tübingen berichtete im Fachjournal Science, dass Personen mit starker Fieberreaktion nach einer Impfung vorab eine höhere Entzündungsaktivität und ein verändertes Darmmikrobiom aufwiesen.
Bestimmte Darmbakterien mit Geißeln, die das Protein Flagellin tragen, können das Immunsystem stimulieren. Im Tiermodell zeigten keimfreie Mäuse, die das Mikrobiom stark reagierender Personen erhielten, stärkere Entzündungsreaktionen.
Teilnehmer mit überwiegend pflanzlicher Ernährung neigten eher zu schwächeren Reaktionen, während fettreiche Kostformen und Zusatzstoffe die Präsenz begeißelter Bakterien begünstigten.
Laut einer Veröffentlichung der Universität Genf in Science Translational Medicine führt zudem eine höhere Grundaktivität bei der Interferon-Ausschüttung vor mRNA-Impfungen zu ausgeprägteren Impfreaktionen. Das Robert Koch-Institut verweist darauf, dass starke Nebenwirkungen keinen Hinweis auf einen besseren Schutz darstellen.
Trotz des großen Interesses an der Darmgesundheit in sozialen Netzwerken – Berichte im International Journal of Pharmaceutical and Healthcare Marketing verweisen auf mehr als 27,7 Millionen Aufrufe unter einschlägigen Trends – existiert in der Wissenschaft bislang keine einheitliche Definition eines gesunden Mikrobioms.
Die mikrobielle Zusammensetzung wird bereits in den ersten drei Lebensjahren individuell geprägt, unter anderem durch die Art der Geburt, die Stilldauer sowie frühe Antibiotikagaben.
