Versteckter, Hunger

Versteckter Hunger: 50.000 Todesfälle jährlich und kaum gezielte Behandlung

Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 15:45 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Mangelernährung bleibt oft unerkannt; Fachverbände und Politik setzen auf Screening, bessere Therapie und Reformen.
Ein leeres Tablett mit einem Glas Wasser in einem sterilen, hellen Krankenhauszimmer. Illustration mit AI erstellt.

Das Phänomen des sogenannten versteckten Hungers betrifft längst nicht nur Entwicklungsländer, sondern gewinnt auch in wirtschaftlich entwickelten Staaten an Dringlichkeit. Fachberichte und Erhebungen machen zunehmend darauf aufmerksam, dass Nährstoffdefizite und Mangelernährung selbst bei ausreichender oder übermäßiger Kalorienzufuhr auftreten.

Gleichzeitig weisen Fachgesellschaften darauf hin, dass betroffene Risikopatienten im klinischen und ambulanten Alltag oft keinen adäquaten Zugang zu ernährungstherapeutischen Behandlungen erhalten.

Hohe Dunkelziffer in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen

Nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) fordert Mangelernährung in Deutschland jährlich etwa 50.000 Todesfälle. Daten der Krankenkassen verdeutlichen die Diskrepanz in der Versorgung: Rund 30 Prozent aller stationär behandelten Patienten in Deutschland sind von Mangelernährung betroffen oder bedroht.

Allerdings wird lediglich rund ein Prozent der Patienten gezielt auf einen Nährstoffmangel hin untersucht oder entsprechend behandelt. Bis Ende 2027 soll ein Konzept für eine bessere Erkennung und Therapie von Mangelernährung in Kliniken erarbeitet werden.

Eine vergleichbare Situation zeigt sich in Österreich. Eine von DIAETOLOGIE AUSTRIA ausgewertete Pflegequalitätserhebung, die 8.405 Patientinnen und Patienten aus 45 Krankenhäusern für die Jahre 2017 bis 2019 erfasste, wies bei 23,3 Prozent der Personen ein Mangelernährungsrisiko aus.

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Von den Betroffenen wurden lediglich 32,7 Prozent an Diaetologinnen und Diaetologen überwiesen; rund zwei Drittel erhielten keine entsprechende Behandlung. Dabei belegen Studien, dass eine individuelle Ernährungsunterstützung bei internistischen Krankenhauspatienten mit Ernährungsrisiko die 30-Tage-Sterblichkeit von rund 10 auf 7 Prozent senken kann. Der Verband fordert daher ein systematisches Screening bei Spitalsaufnahmen und verweist auf die Malnutrition Awareness Week vom 9. bis 13. November.

Risiken durch veränderte Ernährungsmuster

Neben stationären Versorgungslücken treten Mängel auch durch veränderte Ernährungsgewohnheiten in der Allgemeinbevölkerung zutage. Wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung für das Jahr 2017 festhielt, wies etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung einen Vitamin-D-Mangel auf, und rund ein Drittel war von einer Jod-Unterversorgung betroffen.

Eine Modellrechnung der University of Surrey im Fachblatt The Lancet Planetary Health untersuchte fast 300 pflanzliche Ersatzprodukte auf dem britischen Markt. Während die meisten Produkte mit Vitamin B12 angereichert waren und 60 Prozent Kalzium enthielten, waren nur 12 Prozent mit Jod angereichert.

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Der Ersatz von lediglich einem Drittel der Milchprodukte durch vegane Alternativen senke die Jodaufnahme um 9 bis 21 Prozent. Bei einem vollständigen Umstieg der britischen Bevölkerung stiege der Anteil unterversorgter Teenagerinnen von 54 auf 80 Prozent.

Auch das Schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen verzeichnet eine zunehmende Unterversorgung, namentlich bei Schwangeren. In der Schweiz liefert Jodsalz gut 60 Prozent und Milchprodukte 26 Prozent des Jodbedarfs.

Zusätzliche Risiken entstehen durch neue Behandlungsformen. Fachärzte weisen darauf hin, dass GLP-1-Medikamente bei schnellem Gewichtsverlust gefährliche Nährstoffmängel begünstigen können, wenn in wenigen Monaten zehn Kilo abgenommen werden.

Internationale Reformansätze und Initiativen

Auf internationaler Ebene reagieren Fachkreise und Politik mit unterschiedlichen Maßnahmen. In Spanien beschloss der Ministerrat eine Begrenzung stark verarbeiteter Lebensmittel in öffentlichen und privaten Einrichtungen wie Krankenhäusern, Pflegeheimen und Kitas, verbunden mit Ernährungssupervision und verbindlichem Mangelernährungs-Screening.

In Italien fordern Fachverbände wie FAVO, SINuC, SINPE und ACC in der Haushaltsgesetzgebung für 2027 einheitliche Regelungen für den Zugang zu medizinischer Spezialnahrung für Krebspatienten, da mehr als die Hälfte der Betroffenen bereits bei der Erstvisite Mangelernährungsanzeichen aufweist.

Auch auf kommunaler Ebene wächst das Problembewusstsein: Im norwegischen Finnmark adressiert das Projekt „Ernäringsbroen“ die Zusammenarbeit zwischen Spitälern und Kommunen, um die Versorgung bei Unterernährung nachhaltig zu verbessern.

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