Verschreibungskaskaden, Medikamente

Verschreibungskaskaden: Wie Medikamente neue Krankheiten auslösen

Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 12:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Riskante Medikamente werden seltener eingesetzt, doch Notfälle, Verschreibungskaskaden und ein tödlicher Dosierungsfehler zeigen anhaltende Gefahren.

Medikationsrisiken im Alter: Weniger Fehlverordnungen, neue Warnsignale
Ein ruhiges, sonnendurchflutetes Wohnzimmer mit einem leeren Sessel an einem Fenster, das sanftes Licht in den Raum wirft. Illustration mit AI erstellt.

Ältere Menschen mit kognitiven Störungen erhalten trotz bekannter Risiken weiterhin häufig Medikamente, die ihren Zustand verschlechtern können. Eine Studie auf Basis der US-amerikanischen Medical Expenditure Panel Survey (MEPS) aus den Jahren 2011 bis 2022 hat nun den langfristigen Verlauf dieser Problematik untersucht und liefert sowohl ermutigende als auch besorgniserregende Befunde.

Rückgang der Verordnungen, aber weiterhin hohe Belastung

Die Analyse umfasste 2.796 selbstständig lebende Senioren ab 65 Jahren mit kognitiver Störung. Im Fokus standen sogenannte CogPIMs – kognitiv potenziell ungeeignete Medikamente wie Anticholinergika, Antipsychotika, Benzodiazepine und Z-Substanzen (bestimmte Schlafmittel).

Der Anteil der Betroffenen, die solchen Wirkstoffen ausgesetzt waren, sank laut der Studie von 39,3 Prozent im Jahr 2011 auf 29,3 Prozent im Jahr 2022. Trotz dieses Rückgangs bedeutet das: Auch 2022 war noch rund jeder dritte Betroffene solchen Präparaten ausgesetzt.

Die gesundheitlichen Folgen dieser Exposition sind laut der Studie erheblich. Für das Jahr 2022 zeigte sich ein statistischer Zusammenhang zwischen der Einnahme von CogPIMs und einer schlechteren psychischen gesundheitsbezogenen Lebensqualität (Odds Ratio 1,72).

Zudem war die Medikamenteneinnahme mit einer erhöhten Rate an Notaufnahmebesuchen (adjustierte Inzidenzratenverhältnis 1,41) und Krankenhausaufenthalten (1,38) verbunden. Ambulante Arztbesuche waren davon nicht betroffen.

Verschreibungskaskaden als zusätzliches Risiko

Ergänzend zu diesen Erkenntnissen liefert eine im September 2026 veröffentlichte Studie aus Ontario, Kanada, Hinweise auf ein verwandtes Problem: verschreibungsbedingte Kaskaden, bei denen ein Medikament Nebenwirkungen auslöst, die wiederum mit einem weiteren Medikament behandelt werden – oft ohne dass der ursprüngliche Zusammenhang erkannt wird.

Die im britischen Fachjournal BMJ veröffentlichte Untersuchung analysierte Daten von 2.297.942 Personen ab 66 Jahren aus den Jahren 2022 und 2023, davon 54,3 Prozent Frauen. Von 65 untersuchten potenziell ungeeigneten Verschreibungskaskaden erfüllten 24 alle drei festgelegten Priorisierungskriterien.

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Zu den häufigsten Sequenzen zählten laut der Studie die Kombination aus Eisensupplement gefolgt von einem Laxans (11,9 Prozent), Statin gefolgt von einem Schmerzmittel (10,9 Prozent) sowie Cholinesterasehemmer gefolgt von einem Schlafmittel (10,3 Prozent).

Die stärkste zeitliche Assoziation fand sich zwischen der Gabe eines Kortikosteroids und einer anschließenden Verordnung eines Antipsychotikums, mit einem adjustierten Sequenzverhältnis von 2,55.

Ein tödlicher Dosierungsfehler als Warnsignal

Wie gravierend Medikationsfehler in der Praxis ausfallen können, zeigt ein Fall aus der Steiermark, den das Oberlandesgericht Graz rechtskräftig entschieden hat. Ein Hausarzt und eine Pflegerin verabreichten einem 86-jährigen Pflegeheimpatienten in Deutschlandsberg wochenlang 42 statt der vorgesehenen 6 Tabletten pro Woche – die siebenfache Dosis.

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Der Mann starb unter anderem an einer Hirnblutung. Ursache war eine missverständliche Verordnung: „1 tgl WD: 6 Stück" wurde als sechs Tabletten täglich statt als eine Tablette an sechs Tagen pro Woche gelesen. Beide Beteiligte wurden wegen grob fahrlässiger Tötung verurteilt, der Arzt zu 28.000 Euro Geldstrafe und die Pflegerin zu 9.000 Euro, beide zusätzlich zu vier Monaten bedingter Haft.

Reaktionen aus der Fachwelt

Angesichts solcher Risiken hat der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) zum Tag der Patientensicherheit Standards für das pharmazeutische Aufnahme-, stationäre und Entlassmanagement vorgestellt. Ziel sei die vollständige Erfassung der Vormedikation, ein systematischer Medikationsabgleich sowie eine sichere Überleitung zwischen den Versorgungsbereichen.

Der Verband weist darauf hin, dass chronisch kranke Patienten an Sektorengrenzen – etwa beim Übergang zwischen Krankenhaus und Pflegeeinrichtung – besonders durch Informationsverluste, Wechselwirkungen und ungeeignete Dosierungen gefährdet seien.

Auch aus der Forschung zu Versorgungslücken kommt Kritik: Ein Kommentar im Fachjournal Journal of the American Geriatrics Society (JAGS) bemängelt, dass rund 1,4 Millionen Menschen in 15.600 US-amerikanischen Pflegeheimen trotz häufiger Erkrankungen wie Bluthochdruck, Depression, Diabetes und Alzheimer weitgehend von klinischen Studien ausgeschlossen bleiben.

Die Autoren fordern den Aufbau eines Netzwerks für Pflegeheim-Studien, das Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion stärker berücksichtigt. Sie verweisen darauf, dass eine stärkere Einbeziehung dieser Gruppe in COVID-19-Studien möglicherweise Probleme bei Dosierung, Verabreichung und Überwachung frühzeitig aufgezeigt hätte.

Einordnung

Die verschiedenen Untersuchungen zeichnen ein konsistentes Bild: Obwohl der Anteil riskanter Verordnungen bei kognitiv beeinträchtigten Senioren über die vergangenen Jahre gesunken ist, bleibt das Problem strukturell bestehen – sei es durch einzelne ungeeignete Wirkstoffe, durch Verschreibungskaskaden oder durch schlichte Verständnisfehler bei Dosierungsangaben.

Fachverbände wie die ADKA setzen auf systematische Abgleichprozesse, während Forscher zusätzlich eine bessere Studienlage für besonders vulnerable Gruppen wie Pflegeheimbewohner fordern.

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