Verschreibungskaskaden, Studie

Verschreibungskaskaden: Studie identifiziert 24 problematische Medikamentenkombinationen

Veröffentlicht am: 20.09.2026 um 06:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine kanadische Untersuchung erfasst 24 problematische Medikamentenfolgen. Fachleute empfehlen Reviews, um Nebenwirkungen früher zu erkennen.

Verschreibungskaskaden: Studie zeigt Risiken für ältere Patienten
Ein minimalistischer, heller medizinischer Untersuchungsraum mit leeren Glasbehältern auf einem Edelstahltisch. Illustration mit AI erstellt.

Medizinische Fachberichte warnen zunehmend vor den Folgen unkontrollierter Medikamentenkombinationen und dem Missbrauch von Wirkstoffen bei Patienten mit chronischen Beschwerden.

Insbesondere ältere Menschen, die dauerhaft mehrere Präparate einnehmen, sind einem oft unterschätzten Risiko ausgesetzt: der sogenannten Verschreibungskaskade, bei der ein Medikament Nebenwirkungen auslöst, die wiederum mit einem weiteren Präparat behandelt werden – statt die eigentliche Ursache zu erkennen.

Große kanadische Studie identifiziert 24 problematische Kaskaden

Eine im BMJ veröffentlichte Studie untersuchte im September 2026 Daten von 2.297.942 Menschen ab 66 Jahren in Ontario, Kanada, von denen 54,3 Prozent Frauen waren, auf Basis von Datensätzen aus 2022 und 2023. Von ursprünglich 65 potenziell unangemessenen Verschreibungskaskaden, die in einem Delphi-Verfahren mit zwölf Spezialisten aus acht Ländern identifiziert worden waren, erfüllten letztlich 24 die strengen Kriterien der Studie: Das Erstmedikament musste von mindestens 5 Prozent der untersuchten Population eingenommen werden, das Folgerezept musste bei mindestens 1 Prozent der Erstnutzer innerhalb eines Jahres verschrieben worden sein.

Zu den häufigsten Kaskaden zählten laut der Studie Eisenpräparate, die in 11,9 Prozent der Fälle zu einer Verschreibung von Abführmitteln führten, Statine, die in 10,9 Prozent der Fälle mit Schmerzmitteln kombiniert wurden, sowie Cholinesterase-Inhibitoren, die bei 10,3 Prozent der Nutzer binnen eines Jahres eine Verschreibung von Schlafmitteln nach sich zogen.

Die stärksten statistischen Signale zeigten sich bei der Kombination von Kortikosteroiden und Antipsychotika mit einer adjustierten Risikorate (ASR) von 2,55 sowie bei Laxantien, die zu Antidiarrhoika führten, mit einem Wert von 2,53. Betroffen sind demnach vor allem Wirkstoffgruppen wie Statine, Eisenpräparate und Demenzmedikamente.

Die Autoren der Studie forderten kein regulatorisches Vorgehen oder einen Rückruf betroffener Präparate, plädierten jedoch dafür, vor jeder Neuverordnung eine Pause einzulegen und zu prüfen, ob die Symptome tatsächlich eine neue Behandlung erfordern oder Folge der bestehenden Medikation sind.

Polypharmazie als wachsendes Problem im internationalen Vergleich

Das Phänomen beschränkt sich nicht auf Nordamerika. Das japanische Gesundheitsministerium aktualisierte im Juli 2026 seine Materialien zu Polypharmazie, um Ärzte und Patienten stärker für die Risiken der Mehrfachmedikation zu sensibilisieren.

In Polen organisiert der Nationale Gesundheitsfonds (NFZ) in Kielce am 23. September eine Veranstaltung unter dem Titel „Sprawd? swoj? apteczk?" (Prüfe deine Hausapotheke), bei der Bürger zwischen 10.00 und 13.00 Uhr in den Kundenräumen des NFZ eine kostenlose Apothekerberatung und einen Medikationsreview in Anspruch nehmen können.

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Teilnehmer sollen dazu eine vollständige Liste aller eingenommenen Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel mitbringen. Als Polypharmazie gilt dabei die gleichzeitige Einnahme von mindestens fünf Medikamenten.

Blutdrucktherapie: Betablocker nicht mehr erste Wahl

Auch bei der Behandlung von Bluthochdruck rücken Nebenwirkungen einzelner Wirkstoffklassen stärker in den Fokus. Der Kardiologe Philipp Stawowy vom Deutschen Herzzentrum der Charité weist darauf hin, dass moderne Blutdrucksenker insgesamt gut verträglich seien, Betablocker jedoch häufiger zum Therapieabbruch führten – etwa wegen Erschöpfung, Müdigkeit oder möglicher Depressionen.

Die europäische Leitlinie empfiehlt Betablocker mittlerweile nicht mehr als erste Wahl bei Bluthochdruck. Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigte zudem, dass Betablocker und Kalziumantagonisten im Vergleich zu ACE-Hemmern das Risiko einer Krankenhauseinweisung wegen Depressionen verdoppeln – wobei Frauen in den zugrunde liegenden Hypertonie-Studien mit maximal 38 Prozent unterrepräsentiert waren.

Die ESC-Leitlinie aus dem Jahr 2024 definiert normale Blutdruckwerte bis 120/70 mmHg, erhöhte Werte im Bereich 120–139/70–89 mmHg und Hypertonie ab 140/90 mmHg; bei Hypertonie wird eine sofortige medikamentöse Behandlung empfohlen, während bei erhöhten Werten ohne Risikofaktoren zunächst eine Lebensstiländerung im Vordergrund stehen soll.

Nierenkrankheit als unterschätzter Risikofaktor

Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) weist darauf hin, dass etwa die Hälfte der Menschen mit Herzschwäche zugleich an einer chronischen Nierenkrankheit (CKD) leidet – häufig unentdeckt, da der Kreatininwert allein zur Diagnose nicht ausreicht und zusätzlich eGFR- und UACR-Werte (Albumin-Kreatinin-Quotient) bestimmt werden müssen.

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Die Thematik wird auch bei der 18. Jahrestagung der DGfN vom 8. bis 11. Oktober 2026 in Leipzig aufgegriffen. Der EU-„Safe Hearts Plan" vom Dezember 2025 stuft CKD bereits als zentralen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein.

Die Österreichische Gesellschaft für Nephrologie veröffentlichte zudem eine neue praxisnahe Empfehlung zur Diagnostik und Therapie der chronischen Nierenkrankheit, die weltweit über 800 Millionen Menschen betrifft – wobei 6 bis 10 Prozent der Betroffenen nichts von ihrer Erkrankung wissen. Die Leitlinie enthält Screening-Empfehlungen für Risikogruppen sowie Überweisungskriterien zum Nephrologen.

Nahrungsergänzungsmittel als unterschätztes Risiko

Neben verschreibungspflichtigen Präparaten geraten auch frei verkäufliche Vitaminpräparate stärker in den Blick. Eine Kardiologin warnt, dass Zusatzvitamine nur bei nachgewiesenem Mangel oder besonderem Bedarf sinnvoll seien: Hochdosiertes Vitamin B6 könne Nervenschäden verursachen, eine Überversorgung mit Vitamin D sei ebenfalls möglich, und Vitamin K beeinflusse die Wirkung von Gerinnungshemmern wie Phenprocoumon oder Warfarin.

Eine im Jahr 2026 im Journal JAMA Cardiology veröffentlichte Studie mit 180 Patienten mit koronarer Herzkrankheit untersuchte über zwei Jahre die tägliche Einnahme von 360 Mikrogramm Menaquinon-7 (MK-7) im Vergleich zu Placebo; die Koronarverkalkung nahm unter MK-7 langsamer zu, wobei die Aussagekraft als Therapieendpunkt laut den Studienautoren eingeschränkt bleibt.

Die Deutsche Krebsgesellschaft warnt zudem, dass eine Überversorgung mit bestimmten Vitaminen das Krebsrisiko steigern kann. Eine Studie aus dem Jahr 2019 fand ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko durch hohe Dosen von Vitamin B12, weshalb vor einer Einnahme der Serum-B12-Spiegel bestimmt werden sollte.

Eine Studie im Journal of Clinical Investigation aus dem Jahr 2023 zeigte zudem, dass die Antioxidantien Vitamin A, C und E über eine zusätzliche Einnahme Lungenkrebs begünstigen können, da Tumore zur Bildung neuer Blutgefäße auf solche Stoffe zurückgreifen können – in normaler Nahrungsmenge bestehe dieses Problem hingegen nicht.

Fazit: Regelmäßige Überprüfung der Medikation entscheidend

Die aktuellen Erkenntnisse aus Kanada, Japan, Polen, Deutschland und Österreich zeichnen ein übereinstimmendes Bild: Bei chronisch kranken Patienten mit mehreren gleichzeitig eingenommenen Medikamenten steigt das Risiko, dass Nebenwirkungen fälschlich als neue Erkrankung gedeutet und mit zusätzlichen Präparaten behandelt werden.

Fachleute empfehlen deshalb regelmäßige Medikationsreviews, insbesondere bei älteren Patienten und bei der gleichzeitigen Einnahme von fünf oder mehr Präparaten, um unnötige Verschreibungskaskaden frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden.

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