Urinieren im Sitzen oder Stehen: Studie findet kaum Unterschiede bei gesunden Männern
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 11:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Frage, ob Männer im Stehen oder im Sitzen urinieren sollten, wird seit Jahren sowohl im Alltag als auch in der Medizin diskutiert. Eine im Jahr 2026 im Fachjournal Neurourology and Urodynamics veröffentlichte randomisierte Crossover-Studie der Colombian Urology Research Group liefert nun differenzierte Messwerte zu den physiologischen Auswirkungen beider Positionen bei gesunden Männern.
Kaum messbare Unterschiede bei gesunden Probanden
Für die Untersuchung analysierte das Forschungsteam 52 gesunde Männer im Alter von 18 bis 39 Jahren, die keine urologischen Vorerkrankungen aufwiesen. Zwischen den jeweiligen Messungen lag eine Pause von mindestens 24 Stunden. Bei der Gegenüberstellung der Messwerte zeigte sich bei der maximalen Harnflussgeschwindigkeit ein Wert von 26,15 ml/s im Stehen gegenüber 27,62 ml/s im Sitzen.
Die Differenz von -1,47 ml/s erwies sich als statistisch nicht signifikant. Auch beim ausgeschiedenen Urinvolumen lagen die Ergebnisse mit 377 ml im Stehen und 391 ml im Sitzen eng beieinander; der Unterschied von 14,7 ml war ebenfalls statistisch nicht signifikant.
Hinsichtlich der Zeitspanne bis zum Erreichen des maximalen Harnflusses wurden im Stehen 14,46 Sekunden und im Sitzen 11,15 Sekunden gemessen. Wurde ein einzelner Ausreißer aus der Berechnung herausgenommen, betrug die zeitliche Differenz lediglich 2,65 Sekunden und verlor nach einer strengeren statistischen Korrektur ihre Signifikanz.
Das Forschungsteam bewertete diesen Aspekt als unwahrscheinlich von klinischer Bedeutung. Ein Äquivalenztest auf einen Unterschied von höchstens 2,5 ml/s konnte die Gleichwertigkeit beider Positionen allerdings statistisch nicht abschließend bestätigen. Um ein tatsächliches Fehlen von Unterschieden nachzuweisen, wären nach Berechnungen der Autoren mindestens 78 Probanden erforderlich gewesen.
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Bei den persönlichen Vorlieben der 52 Teilnehmer gaben 35 Männer (67,3 Prozent) an, keine bestimmte Haltung zu bevorzugen. 14 Probanden (26,9 Prozent) saßen lieber, während 3 Teilnehmer (5,8 Prozent) das Stehen präferierten. Das Restharnvolumen wurde im Rahmen dieser Versuchsreihe nicht erfasst, weshalb die Forscher weiterführende Erhebungen mit größeren Kohorten und unter Einbezug von Patienten mit Harnwegsbeschwerden anregen.
Uneinheitliche Expertenmeinungen bei Vorerkrankungen
Fachmediziner betonen, dass für beschwerdefreie Männer beide Haltungen medizinisch unbedenklich sind. Dr. Christoph Pies sieht keine Veranlassung für eine allgemeine Vorgabe; entscheidend sei eine bequeme Körperhaltung. Auch Prof. Fatih Altunrende hält beide Varianten für gesunde Männer für akzeptabel.
Liegen hingegen gesundheitliche Einschränkungen vor, gehen die fachlichen Einschätzungen teilweise auseinander. Dr. Akash Kapadia verweist darauf, dass das Sitzen betroffenen Männern mit Entleerungsstörungen oder schwachem Strahl durch eine leichtere Entspannung des Beckenbodens helfen könne.
Auch bei einer Prostatavergrößerung könne die sitzende Haltung Erleichterung bringen, bedürfe aber stets einer urologischen Abklärung. Eine bereits 2014 im Fachblatt PLOS ONE publizierte Metaanalyse von elf Studien kam zu dem Ergebnis, dass Männer mit Beschwerden der unteren Harnwege im Sitzen durchschnittlich rund 25 ml weniger Restharn in der Blase zurückbehielten.
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Urologin Rena Malik merkte an, dass das Sitzen bei einer Prostatavergrößerung ab etwa 50 Jahren zudem hygienische Vorteile bieten könne, was bislang jedoch als Vermutung gilt.
Demgegenüber rät Dr. Tobias Jäger von der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e.V. dazu, nach Möglichkeit im Stehen Wasser zu lassen. In dieser Position entleere sich die Blase besser; verbleibender Resturin könne andernfalls das Risiko für Blasensteine und Harnwegsinfektionen erhöhen.
Eine Umfrage unter 194 Männern aus dem Jahr 2020 deutete ebenfalls auf Vorzüge des Stehens bei vergrößerter Prostata hin. Teilnehmer, die im Sitzen urinierten, berichteten darin häufiger über Beschwerden, wenngleich die genaue Ursache hierfür unklar blieb.
Deutliche kulturelle Unterschiede im Alltag
Die tatsächlichen Gewohnheiten unterscheiden sich international erheblich. Eine weltweite Befragung mit mehr als 7.000 Teilnehmern aus dem Jahr 2023 zeigte, dass in den USA lediglich rund 10 Prozent der Männer im Sitzen urinieren, während der Anteil in Deutschland bei 40 Prozent lag.
Erhebungen des Instituts YouGov bestätigen dieses Bild: Demnach gaben 40 Prozent der deutschen Männer an, immer im Sitzen zu urinieren. In Großbritannien erklärten hingegen 33 Prozent der Männer, die sitzende Position niemals einzunehmen, während in Australien etwa ein Viertel der Befragten regelmäßig sitzt.
