TCM-Analyse, Studien

TCM-Analyse: 17 Studien mit 1.555 Teilnehmern liefern nur schwache Evidenz

Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 11:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Unterschiedliche Rezepturen, kleine Stichproben und Qualitätsabweichungen begrenzen die Aussagekraft klinischer TCM-Forschung.
Getrocknete Heilkräuter und pflanzliche Rohstoffe in Holzschalen auf einem Steintisch in einer Apotheke. Illustration mit AI erstellt.

Die wissenschaftliche Überprüfung der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) nach modernen Standards der evidenzbasierten Medizin steht vor erheblichen methodischen Hürden. Ein Fachbeitrag analysiert die strukturellen Schwächen entsprechender Untersuchungen und benennt die schlechte Homogenität klinischer TCM-Studien als Kernproblem für systematische Bewertungen.

Neben variierenden Rezepturen und Diagnosemustern beeinträchtigen lückenhafte Studiendesigns und Qualitätsunterschiede bei pflanzlichen Rohstoffen die Belastbarkeit wissenschaftlicher Aussagen.

Variable Rezepturen und Diagnosemuster belasten Studienvergleiche

Ein zentraler Grund für die unzureichende Vergleichbarkeit liegt in der Natur der therapeutischen Ansätze. Rezepturen der chinesischen Medizin variieren häufig je nach diagnostiziertem Syndrom. Selbst wenn Studien denselben Rezeptnamen verwenden, führt bereits eine veränderte Einzelzutat dazu, dass faktisch ein anderes Präparat vorliegt. Dies erschwert die Durchführung strikter systematischer Reviews grundlegend.

Hinzu kommt, dass auch die Differenzierung der Syndrome – wie etwa das Muster aus Qi-Mangel und Blut-Stase – zwischen einzelnen Forschern erheblich voneinander abweicht. Auch die tatsächliche Wirksamkeit der eingesetzten Mittel unterliegt starken Schwankungen: Sie hängt maßgeblich vom Anbauort, der jeweiligen Anbaumethode sowie den angewandten Extraktions- und Verarbeitungsverfahren ab.

Um die Homogenität künftiger Untersuchungen zu verbessern, empfehlen Fachleute, klinische Studien vorrangig auf klassischen Rezepturen mit einer geringeren Anzahl an Zutaten aufzubauen.

Methodische Mängel bei Studiendesign und Sicherheitsbewertung

Neben den Schwankungen der Interventionen weisen viele vorliegende Arbeiten formale Schwachstellen im Studiendesign auf. Zahlreiche Untersuchungen beschreiben weder die Methode der Randomisierung noch die Verdeckung der Zuteilung, sodass der Randomisierungsprozess unklar bleibt. Zudem lässt sich eine Verblindung bei TCM-Interventionen – beispielsweise bei Scheinstudien im Bereich der Akupunktur – in der Praxis nur schwer umsetzen.

Hinzu kommen statistische Einschränkungen:
- Die Mehrheit der TCM-Studien umfasst weniger als 100 Teilnehmer.
- Viele Arbeiten dokumentieren keine Studienabbrecher oder Nachbeobachtungsverluste und werten ausschließlich Fälle aus, bei denen eine Wirkung eintrat, anstatt eine Intention-to-Treat-Analyse durchzuführen. Dies birgt Risiken für systematische Verzerrungen.
- Längerfristige Nachbeobachtungen fehlen meist vollständig. Insbesondere die Erfassung von Sicherheitsaspekten wie Leber- oder Nierentoxizität gilt als ausgeprägte Schwachstelle der bisherigen Forschung.

Rohstoffqualität und regulatorische Anforderungen

Die Problematik der Homogenität beschränkt sich nicht allein auf Rezepturvarianten. Professor Choi Ho-young von der Kyung-Hee-Universität (Abteilung für Materia Medica) wies in einem Interview darauf hin, dass ein Fertigprodukt selbst bei identischen Inhaltsstoffen und gleichem Gehalt nicht als gleichwertig angesehen werden könne.

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Ursächlich hierfür seien Varianzen in den Rohstoffeigenschaften, dem Herstellungsprozess und der Qualitätskontrolle. Dieselbe Heilpflanze zeige je nach verwendetem Pflanzenteil – ob Wurzel, Stängel, Blatt oder Frucht –, Wachstumsumgebung, Erntezeitpunkt, Trocknung, Lagerung und Verarbeitung deutliche Unterschiede in Zusammensetzung und Wirkstoffgehalt.

Zudem führe ein gleicher Gehalt an Leitsubstanzen nicht zu einer identischen chemischen Gesamtzusammensetzung. Lösungsmittel, Temperatur und Extraktionszeit beeinflussen Art und Mengenverhältnis der extrahierten Stoffe maßgeblich.

Internationale Richtlinien spiegeln diesen Umstand wider: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält fest, dass Leitsubstanzen allein keine vollständige Qualitätssicherung darstellen. Behörden wie die US-amerikanische FDA beziehen bei der Zulassung pflanzlicher Arzneimittel neben Wirkstoffanalysen auch Anbau, Ernte und Herstellung ein.

Auch die südkoreanische Behörde für Lebensmittel- und Arzneimittelsicherheit prüft Rohstoffherkunft, Spezifikationen, Kontaminanten und Stabilitätsdaten umfassend, weshalb Verbrauchern empfohlen wird, auf formell zugelassene Arzneimittel und geprüfte Dosierungsangaben zu achten.

Heterogenität in Meta-Analysen und neue Entwicklungsansätze

Wie sich diese Heterogenität in der Praxis auswirkt, verdeutlichte eine im Journal of Pain Research publizierte Meta-Analyse von 17 randomisierten Studien mit 1.555 Teilnehmern zur Behandlung von lumbalen Bandscheibenvorfällen.

Die Kombination aus Akupunktur und Tuina-Therapie zeigte sich zwar gegenüber einer alleinigen Akupunktur bei allen vier erhobenen Endpunkten – den JOA-Funktionswerten, der Schmerzskala VAS, dem Oswestry-Behinderungsindex sowie dem Gesamtansprechen – überlegen. Die Autoren der Meta-Analyse stuften die Gewissheit der gepoolten Ergebnisse jedoch lediglich als niedrig bis sehr niedrig ein.

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Ausschlaggebend war, dass die Primärstudien beide Behandlungsformen methodisch höchst unterschiedlich durchführten, Endpunkte ausschließlich zum Behandlungsende maßen und Details wie Akupunkturpunkte oder spezifische Tuina-Techniken zumeist nicht dokumentierten.

Die Dauer der Behandlungen lag zwischen 10 und 40 Minuten, die Frequenz zwischen täglich und alle drei Tage über Zeiträume von 10 Tagen bis zu 8 Wochen; lediglich zwei Studien gaben im Titel die Verwendung der Baliao-Punkte an.

Um den Besonderheiten pflanzlicher Rezepturen methodisch besser zu begegnen, werden strukturierte Entwicklungsprozesse diskutiert. Der sogenannte TCMCFDD-Prozess zielt darauf ab, ein Multi-Komponenten- und Multi-Target-System für komplexe Erkrankungen zu etablieren.

Da derartige Krankheitsbilder auf Multi-Gen-Störungen und dynamischen Prozessen beruhen, stößt der klassische Ansatz einzelner Zielmoleküle an Grenzen.

Das Modell gliedert sich in vier Phasen – Rezeptur-Mining, pharmazeutische Forschung, Wirksamkeits- und Toxizitätsbewertung sowie klinische Evaluierung – und stützt sich auf traditionelle Kompatibilitätsregeln sowie vorklinische Erfahrungen am Menschen zur Risikominimierung.

Fragen der Evidenzbasierung bleiben Gegenstand des internationalen Austauschs. Bei der 38. Jahrestagung der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für Medizin und der Chinesisch-Deutschen Gesellschaft für Medizin, die vom 16. bis 18. Oktober 2026 an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel angesetzt ist, bildet evidenzbasierte TCM einen Schwerpunkt.

Im Rahmen der Veranstaltung stehen neben einem Grußwort von Ärztekammerpräsident Henrik Herrmann unter anderem Vorträge von Marcin Grzegorzek über den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der chinesischen Medizin auf dem Programm.

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