Sturzprävention: Tai-Chi und Yoga senken das Frakturrisiko um 42 Prozent
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 05:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Stürze gehören zu den größten Gefahren für die Selbstständigkeit älterer Menschen. Mehrere aktuelle Studien und ein Blick auf die Messe REHACARE in Düsseldorf zeigen, welche Rolle Muskelkraft, Ernährung und technische Hilfsmittel bei der Sturzprävention spielen – und wie unterschiedlich weit Forschung und Alltagsversorgung dabei bereits sind.
Muskelabbau im Alter: eine mögliche Ursache entdeckt
Ein Team der Universität Missouri unter Leitung von David Arnold hat einen möglichen Mechanismus für den altersbedingten Muskelabbau, die sogenannte Sarkopenie, identifiziert. Die Signalübertragung an der neuromuskulären Verbindungsstelle versagt demnach im Alter durch einen Mangel am Protein NaV1.4. In Tierversuchen konnten die Forscher diesen Kommunikationsfehler rückgängig machen und die Muskelkraft steigern.
Zusammen mit dem dänischen Biotech-Unternehmen NMD Pharma wurde ein Behandlungsansatz getestet, der auf das Protein ClC-1 zielt: Dessen teilweise Blockierung machte gealterte Muskeln im Tiermodell wieder deutlich empfänglicher für Nervenreize.
Der entsprechende Wirkstoffkandidat wird bereits in klinischen Studien für andere neuromuskuläre Erkrankungen beim Menschen erprobt. Die Ergebnisse wurden im Journal of Clinical Investigation veröffentlicht.
Nach Angaben der Forscher ist fast die Hälfte aller Menschen über 80 Jahren von Muskelschwund betroffen. Arnold selbst war zudem Prüfer einer multizentrischen klinischen Studie zum Wirkstoff Ignaseclant von NMD Pharma bei der Charcot-Marie-Tooth-Krankheit, deren Topline-Ergebnisse auf der Muscular Dystrophy Association Clinical & Scientific Conference 2026 vorgestellt wurden.
Bewegung als wirksamster Hebel gegen Knochenabbau
Eine im BMJ veröffentlichte Metaanalyse eines Forschungsteams der Nanjing University wertete Daten aus 124 Einzelstudien mit über 18.000 Erwachsenen ab 40 Jahren aus. Die besten Ergebnisse für die Knochendichte erzielten zügiges Gehen beziehungsweise Joggen sowie die Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining.
Der optimale Nutzen zeigte sich ab einem Schwellenwert von rund 600 MET-Minuten pro Woche, was etwa zwei bis drei Stunden zügigem Spazierengehen oder leichtem Joggen entspricht; in Modellen wurden die besten Ergebnisse sogar bei etwa 900 bis 1000 MET-Minuten pro Woche erreicht, wobei der Zusammenhang nicht linear verläuft.
Mind-Body-Übungen wie Tai-Chi und Yoga erhöhten die Knochendichte nur mäßig, senkten aber das Frakturrisiko um 42 Prozent. Die Aussagekraft dieser Befunde gilt allerdings als begrenzt, und bei älteren Menschen oder Personen mit Übergewicht fielen die Effekte tendenziell geringer aus.
Auch eine Studie des Ludwig Boltzmann Institute for Rehabilitation Research unter Leitung von Špela Matko und Vincent Grote, veröffentlicht in European Geriatric Medicine, untersuchte ein zwölfwöchiges Kraft- und Neuromotorik-Training bei 126 gesunden Älteren zwischen 60 und 80 Jahren im Rahmen des Center of Active Ageing Project in St. Pölten. 80 Prozent der Teilnehmenden verbesserten ihre funktionelle Leistung, allerdings galten nur 46 Prozent als sogenannte Responder oberhalb einer definierten Verbesserungsschwelle. Die Autoren betonen, dass es sich um eine einarmige Studie ohne Kontrollgruppe handelte, aus der keine Kausalität abgeleitet werden kann.
Koffein: widersprüchliche Signale für Muskeln und Denkleistung
Eine im European Journal of Nutrition veröffentlichte Studie der Universität Oulu an 2.264 Teilnehmenden der Northern Finland Birth Cohort 1966 fand bei einem Konsum von fünf oder mehr Tassen Kaffee täglich weniger Körperfett und mehr Muskelmasse bei vergleichbarem Body-Mass-Index.
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Gleichzeitig zeigten sich bei Männern ein niedrigeres freies Testosteron und ein niedrigerer freier Androgen-Index, bei Frauen niedrigere frei verfügbare Androgene.
Höherer Kaffeekonsum ging bei beiden Geschlechtern mit niedrigeren verzweigtkettigen Aminosäuren einher; bei Männern zeigten sich zudem niedrigere Insulinwerte, aber höhere LDL- und IDL-Cholesterinwerte. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass es sich um eine Beobachtungsstudie ohne Kausalitätsnachweis handelt.
Ergänzend fanden Forscher der Medizinischen Universität Graz Hinweise darauf, dass Kaffee die zelluläre Reinigungsfunktion Autophagie in Leber, Herz und Muskeln anregt – sowohl bei koffeinhaltigem als auch entkoffeiniertem Kaffee, vermutlich durch Polyphenole.
Kuhmilch könne diesen Effekt durch tierische Proteine, insbesondere die Aminosäure Methionin, abschwächen, weshalb die Forscher schwarzen Kaffee oder pflanzliche Alternativen wie Mandel- oder Kokosmilch empfehlen.
Bezogen auf die Denkleistung fällt das Bild differenzierter aus: Eine auf der Internationalen Konferenz der Alzheimer's Association 2024 vorgestellte Studie australischer und US-amerikanischer Forscher mit rund 8.500 Teilnehmenden über 60 Jahren fand bei hohem Kaffeekonsum von vier oder mehr Tassen täglich einen deutlich schnelleren Abbau der fluiden Intelligenz.
Moderater Konsum von ein bis drei Tassen täglich galt hingegen als unbedenklich bis leicht schützend. Tee zeigte einen gegenteiligen Effekt: Ab vier Tassen täglich schnitten die Teilnehmenden bei Tests zur fluiden Intelligenz besser ab. Die Forscher weisen auf Einschränkungen hin, darunter Selbstauskünfte und fehlende Daten zum früheren Kaffeekonsum.
Sturzgefahr durch Laub und alltägliche Schutzmaßnahmen
Neben Muskelkraft und Ernährung spielen auch äußere Faktoren eine Rolle. Frank Hildebrand, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie, warnt, dass nasses Laub auf Gehwegen wie Schmierseife wirke und gerade ältere Menschen durch Oberschenkelhalsbrüche und schwere Kopfverletzungen gefährdet seien.
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Die Fachgesellschaft empfiehlt regelmäßige Bewegung durch Spaziergänge, Krafttraining und Gleichgewichtsübungen, die Nutzung von Handläufen, gut beleuchtete Wege, rutschhemmende Schuhe, ausreichend Zeit im Alltag sowie bei Bedarf Gehhilfen wie Rollator oder Gehstock. Bei wiederholten Stürzen raten Experten zur Ursachenforschung, etwa durch die Behandlung von Sehproblemen oder die Umstellung von Medikamenten.
Mobilitätshilfen und Belastung durch Bürokratie
Auf der REHACARE in Düsseldorf, die nach einem Bericht vom 23. September 2026 mit rund 1.000 Ausstellern aus 43 Ländern startete, zeigte sich die technische Bandbreite an Hilfsmitteln.
Das Schweizer Unternehmen Scewo präsentierte den Elektro-Rollstuhl „GO“, der auf sechs Rädern bis zu 12 km/h erreicht, per App gesteuert wird und mit einem zubuchbaren Treppensteigmodul Stufen bis 40 Grad sowie Schwellen bis 7,5 Zentimeter abwärts bewältigen kann. Die Grundversion kostet 18.500 Euro, mit Treppensteigmodul 37.700 Euro.
Marsi Bionics zeigte das mitwachsende Exoskelett EXPLORER mit vier Motoren für gehbehinderte Kinder, während ein team des Fraunhofer-Instituts um Prof. Urs Schneider den Prototyp „Tulip“ vorstellte, der querschnittgelähmten Frauen den Toilettengang erleichtern soll. Laut der Kontinenzgesellschaft können mindestens 10 Millionen Menschen in Deutschland nicht eigenständig auf die Toilette gehen.
Der Rehacare Report 2026 zeichnet zugleich ein kritisches Bild der Versorgungssituation: Zwei Drittel der Befragten fühlen sich durch Bürokratie belastet, 76 Prozent glauben, gute Versorgung nur mit Hartnäckigkeit erreichen zu können. 68 Prozent zeigten sich zufrieden mit ihrer Versorgung, rund ein Drittel nicht. 49 Prozent erleben das System als Sparsystem, 52 Prozent als Unterstützungssystem – unter den 18- bis 29-Jährigen sehen sogar 63 Prozent ein Sparsystem.
Vor diesem Hintergrund sieht das im Juli 2026 beschlossene GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ab 2027/2028 einen pauschalen Abschlag von 3 Prozent auf Hilfsmittelpreise vor. Im Jahr 2023 entfielen laut den Angaben 32 Millionen Versorgungsfälle auf 3,87 Prozent des GKV-Gesamtbudgets.
