Sturzprävention im Alter: Kraft- und Gleichgewichtstraining statt Vitaminpillen
Veröffentlicht am: 26.09.2026 um 19:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Fachbeiträge und Veranstaltungsankündigungen rücken verstärkt die gezielte Prävention und kontinuierliche körperliche Aktivität in den Mittelpunkt, um Stürze bei älteren Menschen zu vermeiden. Da Sturzereignisse zu den gravierendsten Gesundheitsrisiken im höheren Lebensalter zählen, fordern medizinische Fachgesellschaften und Unfallversicherer eine stärkere Sensibilisierung sowie praxisnahe Maßnahmen im Alltag.
Hohe Fallzahlen und gesundheitliche Folgen
Die epidemiologische Relevanz von Stürzen belegen Daten der Schweizer Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). In der Schweiz sterben jährlich 1700 Menschen an den Folgen eines Sturzes, wobei 95 Prozent der Betroffenen über 65 Jahre alt sind.
Stürze stellen bei Senioren die häufigste Verletzungsursache dar, und die Hälfte dieser Unfälle ereignet sich im häuslichen Umfeld. Die direkten Kosten belaufen sich laut BfU auf jährlich 1,8 Milliarden Franken.
Auch saisonale Gefahren erhöhen die Risiken. Frank Hildebrand von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) wies darauf hin, dass nasses Laub auf Gehwegen wie Schmierseife wirke und das Sturzrisiko vor allem für ältere Menschen steigere. Als typische und schwerwiegende Folgen nannte er Oberschenkelhalsbrüche und schwere Kopfverletzungen.
Warum immer mehr Senioren im Alltag unsicher werden – und was wirklich dagegen hilft. Ein Physiotherapeut erklärt, wie gezieltes Training in wenigen Minuten täglich Stürze verhindern kann. Der Trainingsplan für mehr Kraft und Stabilität
Carl Neuerburg von der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) warnte zudem davor, dass anhaltender Bewegungsmangel dieses Problem zusätzlich verschärfe. Die Fachgesellschaften raten daher dazu, Handläufe zu nutzen, gut beleuchtete Wege zu wählen, rutschhemmendes Schuhwerk zu tragen und ausreichend Zeit für Wege einzuplanen.
Bei Bedarf sollten Hilfsmittel wie ein Gehstock oder Rollator verwendet werden. Treten Stürze wiederholt auf, sollten mögliche Ursachen wie Sehprobleme oder medikamentöse Nebenwirkungen ärztlich abgeklärt werden.
Evidenz gegen Nahrungsergänzungsmittel und für aktives Training
In der Prävention wird zunehmend auf gezielte Bewegung statt auf passive Maßnahmen gesetzt. Eine in der Fachzeitschrift The BMJ veröffentlichte Metaanalyse von 69 randomisierten Studien mit insgesamt 153.902 Teilnehmern zeigte keinen klinisch bedeutsamen Nutzen einer Gabe von Vitamin D, Kalzium oder deren Kombination zur Vorbeugung von Frakturen und Stürzen.
Die untersuchten Personen waren im Mittel 71 Jahre alt und wurden im Median über zwei Jahre beobachtet. Die Studienautoren betonten, dass diese Resultate nicht für Patienten mit Osteoporose, Kortisoneinnahme oder nachgewiesenem Mangel gelten; Fachleute empfehlen stattdessen gezieltes Kraft- und Gleichgewichtstraining.
Diesen Ansatz verfolgen auch klinische Einrichtungen. Das Zentrum für Prävention und Behandlung von Stürzen der Universitätsspitäler Genf (HUG) bietet seit zwei Jahren ein Rehabilitationsprogramm an zwei Nachmittagen pro Woche an. Die dortige Ärztin Aurélie Tahar empfiehlt zur Sturzprävention neben regelmäßiger körperlicher Aktivität auch eine proteinreiche Ernährung, um den Muskelerhalt zu unterstützen.
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Praktische Schulungen und kommunale Initiativen
Neben klinischen Programmen setzen Kommunen vermehrt auf alltagsnahe Übungsformate. Beim Stadtverkehr Euskirchen wurde in Kooperation mit dem Kreissportbund Euskirchen, dem Regionalverkehr Köln (RVK) und dem Sanitätshaus Rahm ein kostenloses Rollator-Training durchgeführt. Saskia Glesmann vom Stadtverkehr Euskirchen erklärte, das Ziel bestehe in mehr Sicherheit für ältere Menschen.
Im Rahmen der Schulung riet RVK-Mitarbeiter Uwe Madsak dazu, sich für Busfahrer frühzeitig sichtbar zu machen und an Haltestellen rückwärts vor dem Rollator auszusteigen. Polizeihauptkommissar Jörg Meyer hob zudem hervor, dass Fußgänger mit dunkler Kleidung bei Dunkelheit erst aus rund 25 Metern Entfernung erkennbar seien, während Reflektoren die Sichtbarkeit auf bis zu 150 Meter erhöhen.
Ergänzend dazu finden im Rahmen grenzüberschreitender Aktionswochen, etwa bei der niederländischen Valpreventieweek, Kurse zum sicheren Fallen und zur Stärkung des Gleichgewichts statt.
