Stille Stunde: Schon 300 Stellen bieten reizreduziertes Einkaufen an
Veröffentlicht am: 11.10.2026 um 05:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Gedimmtes Licht, abgeschaltete Hintergrundmusik und leisere Kassengeräusche: Das Konzept der „Stillen Stunde“ findet im deutschen Einzelhandel sowie im Kulturbereich zunehmende Verbreitung. Die Maßnahme zielt darauf ab, Menschen mit sensorischen oder kognitiven Besonderheiten einen stressfreien Einkauf zu ermöglichen. Wie Medienberichte zeigen, greifen immer mehr Handelsstandorte und Kommunen die Idee auf, um Barrieren im Alltag abzubauen.
Ursprung und bundesweite Entwicklung
Das Modell hat internationale Wurzeln: Die Initiative stammt ursprünglich aus Neuseeland, wo sie erstmals 2018 umgesetzt wurde. In Deutschland initiierte der Verein Gemeinsam Zusammen im Jahr 2023 eine bundesweite Kampagne.
Nach Angaben der Leiterin der Initiative, Rebecca Lefèvre, haben sich mittlerweile rund 300 Stellen offiziell als Teilnehmer registriert. Da viele Akteure das Konzept eigenständig umsetzen, ohne sich formal anzumelden, liege die tatsächliche Zahl der teilnehmenden Geschäfte vermutlich höher.
Auf politischer Ebene unterstützt das Bundessozialministerium die übergeordnete Kampagne „Deutschland wird barrierefrei. Mit Dir.“, verfügt laut Berichten jedoch über keine eigenen statistischen Daten zur konkreten Umsetzung vor Ort. Große Handelsketten wie Rewe und Edeka beteiligen sich mit einzelnen Standorten auf freiwilliger Basis, weisen dazu jedoch keine zentralen Gesamtzahlen aus.
Beispiele aus dem Lebensmitteleinzelhandel
In den einzelnen Regionen erproben Marktbetreiber unterschiedliche Modelle für das reizreduzierte Einkaufen:
Immer mehr Märkte dimmen das Licht, schalten die Musik ab und stellen die Kassen leiser — doch die wenigsten Angehörigen wissen, wann und wo. Unser kostenloser Ratgeber bündelt die wichtigsten Anlaufstellen und zeigt, wie Sie den Einkauf ruhig und planbar gestalten. Kostenlosen Ratgeber zur Stillen Stunde anfordern
- Globus Markthalle Mühldorf am Inn: Der Markt führte die Aktion für jeden ersten Dienstag im Monat von 18 bis 20 Uhr ein. Während dieser Zeit wird das Licht gedimmt, Musik und Durchsagen entfallen, und die Kassentöne werden leiser gestellt. Die Initiative geht auf Bezirksrätin Claudia Hausberger, Behindertenbeauftragte des Landkreises Mühldorf, zurück. Sie wies darauf hin, dass in Deutschland mehrere Millionen Menschen von Reizüberflutung betroffen seien, darunter schätzungsweise bis zu 800.000 autistische Personen sowie mehrere Millionen Erwachsene mit ADHS. Marktleiter Tobias Au beobachtet die Resonanz und stellte für 2027 zwei Termine pro Monat in Aussicht.
- Rewe Arnstadt (Thüringen): An diesem Standort gilt das Konzept seit Anfang August einmal wöchentlich dienstags von 16 bis 17 Uhr. Neben gedimmtem Licht und dem Verzicht auf Musik wird in dieser Zeitspanne auch auf Putz- und Verräumarbeiten verzichtet.
- Landkreis Starnberg: Im Rahmen der Woche der seelischen Gesundheit vom 10. bis 20. Oktober beteiligen sich drei Supermärkte mit gedimmtem Licht, leisen Kassen und ohne Durchsagen. Dazu zählen Edeka Häfner in Starnberg (am Dienstag, 13. Oktober, und Donnerstag, 22. Oktober, jeweils von 14 bis 16 Uhr), Edeka Maciol in Pöcking (am Mittwoch, 14. Oktober, von 14 bis 16 Uhr) sowie REWE Höcker in Herrsching (donnerstags ab dem 8. Oktober, jeweils von 14 bis 16 Uhr). Landrat Stefan Frey begrüßte das Projekt, an dem sich auch drei Supermärkte im Nachbarlandkreis Weilheim-Schongau beteiligen.
Ausweitung auf Kultur und Stadtzentren
Neben dem klassischen Lebensmitteleinzelhandel öffnet sich auch der Kultur- und Dienstleistungssektor für sensorisch entlastende Angebote. So bietet das Kunstmuseum Hamburger Bahnhof in Berlin seit dem Frühling einmal monatlich reizreduzierte Zugänge an.
Wer einen Menschen mit Autismus oder ADHS begleitet, kennt den Moment, in dem der Supermarkt zur Belastung wird. Dieser Leitfaden erklärt Schritt für Schritt, wie Sie vor dem Einkauf vorsorgen, Reize reduzieren und im Markt richtig reagieren. Begleit-Leitfaden jetzt kostenlos sichern
In Neuwied organisieren die Stadt und die Deichstadtfreunde vom 19. bis 25. Oktober eine Aktionswoche unter dem Motto „Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen sichtbar machen“. Nach Angaben der Stadtverwaltung leben in Deutschland rund 6 Millionen Menschen mit einer nicht sichtbaren Behinderung.
Im Rahmen der Initiative sind neben einer Informationsveranstaltung am 20. Oktober auch breit angelegte Aktionen für den 24. Oktober geplant, darunter eine Stille Stunde im lokalen Handel von 9 bis 10 Uhr, begleitende Angebote in der Gastronomie sowie eine reizarme Tanzveranstaltung am Abend. Die Verantwortlichen streben eine dauerhafte Etablierung des Konzepts an.

