Steuerreform, Euro

Steuerreform 2027: Neuer 47%-Satz ab 280.000 Euro, Gewerbesteuer steigt

Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 18:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Der Steuerzahlerbund kritisiert die geplante Einkommensteuerreform, während der höhere Gewerbesteuer-Mindesthebesatz Kommunen und Betriebe belastet.

Steuerreform 2027: Kritik an Entlastung und höheren Gewerbesteuern
Moderne, minimalistische Architektur aus Beton und Glas bei diffusem Tageslicht, die eine sachliche und nüchterne Atmosphäre vermittelt. Illustration mit AI erstellt.

Die steuerpolitischen Weichenstellungen in Deutschland sorgen für erhebliche Diskussionen bei Verbänden und Unternehmen. Während der Bund der Steuerzahler die vorgesehenen Maßnahmen bei der Einkommensteuer scharf angreift, verschärft sich parallel dazu die Debatte über kommunale Belastungen, da ab dem Erhebungszeitraum 2027 der gesetzliche Mindesthebesatz für die Gewerbesteuer steigt.

Scharfe Kritik an den Einkommensteuerplänen

Der Bund der Steuerzahler äußerte deutliche Bedenken gegen das geplante Reformpaket. Präsident Holznagel bezeichnete den Einkommensteuerreform-Entwurf von Klingbeil laut einem Bericht vom 16. September 2026 als Giftliste sowie als Scherz oder Provokation.

Vorgesehen sei zwar eine Bruttoentlastung bis 2028 von rund 10 Milliarden Euro, nach Gegenfinanzierungsmaßnahmen verbleibe davon jedoch lediglich ein Betrag von knapp 5 Milliarden Euro. Zudem greife ab einem Einkommen von 280.000 Euro ein neuer Steuersatz von 47 Prozent.

Daniel Peters, CDU-Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern, warf Klingbeil Wortbruch bei der Steuerentlastung vor. Peters betonte, von der ohnehin dürftigen Entlastung von 10 Milliarden Euro bleibe nicht einmal ein Drittel übrig.

Unter Verweis auf Medienberichte liege die Entlastung im Jahr 2027 bei 2,9 Milliarden Euro und 2028 bei 6,99 Milliarden Euro statt der veranschlagten 10 Milliarden Euro. Rund eine Million Gutverdiener würden zusätzlich belastet, während dem Vorhaben insgesamt 38,7 Milliarden Euro an zusätzlicher Abgabenlast gegenüberstünden.

Kabinettsbeschluss und Reaktionen der Verbände

Das Bundeskabinett beschloss die Einkommensteuerreform 2027 am 2. September 2026. Das Vorhaben sieht vor, den Grundfreibetrag von 12.348 Euro im Jahr 2026 auf 12.564 Euro im Jahr 2027 und weiter auf 12.900 Euro im Jahr 2028 anzuheben.

Das Kindergeld soll schrittweise von monatlich 259 Euro über 267 Euro auf 272 Euro steigen. Neben dem neuen Satz von 47 Prozent ab 280.000 Euro soll der Steuersatz von 45 Prozent bereits ab 250.000 Euro statt bisher 277.826 Euro greifen.

Die Pauschsteuer für Minijobs wird von 2 auf 5 Prozent erhöht, während der Handwerkerbonus von 20 Prozent (maximal 1.200 Euro) auf 15 Prozent (maximal 900 Euro) sinkt. Für die Länderhaushalte bedeutet der Beschluss im Jahr 2027 Mindereinnahmen von 1,9 Milliarden Euro, für die Gemeinden von 0,7 Milliarden Euro.

Anzeige

Wer sich mit der steigenden Steuerbelastung befasst, sollte alle legalen Spielräume zur Entlastung nutzen. Dieser kostenlose Experten-Report zeigt, wie Sie mit dem Investitionsabzugsbetrag finanzielle Mittel freisetzen und Ihre Steuerlast sofort senken können. Kostenlosen IAB-Report jetzt herunterladen

Der Handelsverband Deutschland (HDE) kritisierte den Beschluss. Hauptgeschäftsführer Genth erklärte, die Einkommensteuer stellen für Personenunternehmen faktisch die Unternehmensteuer dar.

Die Entlastungen für Verbraucher seien zu gering, und mittelständische Handelsunternehmen würden durch Tariferhöhungen belastet. Der HDE fordert Nachbesserungen, den vollständigen Ausgleich der kalten Progression sowie zeitnah eine Thesaurierungsbegünstigung und das Optionsmodell zur Körperschaftsteuer.

Auch in der Bevölkerung überwiegt die Skepsis: Laut dem RTL/ntv-Trendbarometer des Forsa-Instituts, das vom 11. bis 14. September 2026 unter 1.001 Befragten bei einer Fehlertoleranz von ±3 Prozentpunkten erhoben wurde, lehnen 70 Prozent der Bürger die Reformen in den Bereichen Arbeitsmarkt, Steuern und Rente ab; 24 Prozent äußerten Zustimmung.

Bei Anhängern der Union sprachen sich 50 Prozent, bei SPD-Anhängern 62 Prozent für eine Überarbeitung aus. Im Osten liegt die Ablehnung bei 72 Prozent, im Westen bei 70 Prozent. Die geplanten Steuerentlastungen in zwei Stufen ab 2028 umfassen demnach rund 10 Milliarden Euro.

Gewerbesteuer: Anhebung des Mindesthebesatzes und Druck auf Kommunen

Gleichzeitig geraten Betriebe durch kommunale Steuern unter Handlungsdruck. Ab dem Erhebungszeitraum 2027 wird der bundesweite Mindesthebesatz für die Gewerbesteuer von 200 auf 280 Prozent angehoben. Dies zwingt bisherige Niedrigsteuer-Standorte zu Anpassungen: In Grünwald, wo der Hebesatz bei 240 Prozent liegt, bedeutet der Anstieg auf mindestens 280 Prozent bei einem Gewerbeertrag von 100.000 Euro ein Plus von 8.400 auf 9.800 Euro – ein Zuwachs um 1.400 Euro beziehungsweise rund 16,7 Prozent. Dem Grünwalder Kämmerer zufolge steigen die jährlichen Gewerbesteuereinnahmen der Gemeinde dadurch von rund 209 auf etwa 243 Millionen Euro.

Wirtschaftskammern schlagen angesichts der allgemeinen Hebesatzentwicklung Alarm. Vizepräsident Lichtenegger von der IHK Oberfranken Bayreuth betonte, viele Unternehmen stünden mit dem Rücken zur Wand. Im IHK-Gremium Bayreuth stieg der Durchschnittshebesatz auf 366,3 Punkte (+0,3 gegenüber dem Vorjahr), der Schnitt in Oberfranken liegt bei 358,9 Punkten (+7,4).

Anzeige

Angesichts steigender Hebesätze und wachsender Steuerlast verschenken viele Gewerbetreibende durch falsch genutzte Abschreibungen zusätzlich bares Geld. Dieser kostenlose Ratgeber liefert alle Antworten zur optimalen Steuerstrategie und zeigt, wie Sie Ihre Liquidität dauerhaft verbessern. Kostenlosen Abschreibungs-Leitfaden sichern

In Mehlmeisel stieg der Satz von 350 auf 380 Punkte, in Pegnitz liegt er bei 400 und in Bayreuth bei 390 Punkten, während Heinersreuth von 390 auf 370 Punkte senkte. Von den 196 Gemeinden im Bezirk erhöhten 20 im Jahr 2026 ihre Realsteuern, zwölf nahmen Senkungen vor, und 13 planen für 2027 weitere Erhöhungen.

Der Konjunkturklimaindex der Kammer fiel von 105 Punkten zur Jahreswende 2025/26 auf 91 Punkte im Mai 2026. Insgesamt beziffert die Kammer die Unternehmenssteuerlast in Deutschland auf rund 30 Prozent gegenüber einem EU-Schnitt von 21,1 Prozent.

In Nordrhein-Westfalen mahnte Vizepräsident Eßer laut einem Bericht vom 15. September 2026 ebenfalls zur Zurückhaltung: In Ostwestfalen erhöhten 16 von 49 Kommunen für 2026 den Hebesatz, in Nordwestfalen zwölf. Aus den Rekordeinnahmen des Jahres 2025 dürften keine dauerhaft steigenden Hebesätze abgeleitet werden. Die IHK fordert planbare Sätze und eine Prüfung der kommunalen Ausgaben vor den Haushaltsberatungen im Herbst 2026.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70112475 |