Demenz, Studien

Sport und Demenz: Sieben von acht Studien finden erhöhtes Früh-Risiko

Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 17:05 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschung verbindet wiederholte Kopfstöße mit möglichen Spätfolgen; Fachleute verlangen eine langfristige medizinische Nachbetreuung.
Ein leeres, nebliges Fußballfeld in der Dämmerung mit einem metallenen Torpfosten im Hintergrund. Illustration mit AI erstellt.

Wiederholte Erschütterungen des Kopfes durch Kollisionen, Schläge und Kopfbälle im Sport stehen zunehmend im Fokus der medizinischen Forschung. Die Münchner Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Inga Körte warnt vor den langfristigen Folgen solcher Belastungen. Diese könnten das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz oder Parkinson deutlich erhöhen.

Bereits in einer 2011 veröffentlichten Untersuchung stellte Körte bei jungen, gesunden Amateurfußballspielern Auffälligkeiten im venösen Blutabfluss des Gehirns fest, die jenen von Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma ähnelten. Wissenschaftler vermuten mittlerweile weitaus gravierendere Spätfolgen in Sportarten wie Fußball, Eishockey und American Football als bisher angenommen.

Generationsunterschiede und Balleigenschaften im Fußball

Dass die Gefährdung im Fußball komplex ist, unterstreicht eine in der Fachzeitschrift Nature Scientific Reports erschienene Analyse der Loughborough University. Auf Basis der 2023 durchgeführten FOCUS-Studie der Universitäten Nottingham und Loughborough wurden 305 ehemalige Profifußballer mit einer gleich großen Kontrollgruppe verglichen.

Das Demenzrisiko variiert demnach zwischen den Spielergenerationen: Während einige ältere Akteure sogar ein geringeres Risiko für eine früh einsetzende Demenz aufwiesen als die Vergleichsgruppe, zeigten jüngere Spieler, die mit modernen synthetischen Bällen spielten, ein erhöhtes kognitives Risiko.

Frühere Untersuchungen belegen, dass moderne Synthetikbälle bei einem Stoß mindestens ebenso viel oder sogar mehr Energie übertragen als traditionelle Lederbälle, die bei Nässe schwer wurden. Der englische Fußballverband FA hat Kopfbälle für die jüngsten Altersklassen bereits abgeschafft und eine Richtlinie eingeführt, die das Kopfballtraining für Amateure und Profis auf maximal zehn Kopfbälle pro Woche beschränkt.

Auch rechtlich wächst der Druck: Im Fall des ehemaligen Spielers Stiles, der laut Berechnungen seines Sohnes im Verlauf von 17 Jahren rund 140.000 Kopfbälle absolviert hatte, stellte der Neuropathologe Dr. Daniel Du Plessis posthum Alzheimer sowie die chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE) fest. Er benannte das wiederholte Kopfballspiel als direkte Ursache. Betroffene Familien fordern inzwischen Schadenersatz wegen verletzter Sorgfaltspflichten der Verbände.

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Systematische Evidenz und molekulare Spuren

Eine systematische Übersichtsarbeit unter der Leitung von Thomas Faulkner, veröffentlicht 2026 in der Fachzeitschrift BMC Sports Science, Medicine and Rehabilitation, sichtete acht Studien mit insgesamt 7.385 Teilnehmern. Sieben dieser acht Arbeiten ergaben ein erhöhtes Risiko für eine Demenz vor dem 65. Lebensjahr bei Sportlern, vier davon mit statistischer Signifikanz.

Während für den American Football Hinweise auf ein erhöhtes Risiko vorliegen, blieb die Evidenz im Fußball in Sensitivitätsanalysen inkonsistent. Die Gesamtdatenlage sei weiterhin limitiert, zudem seien Frauen in den Studien unterrepräsentiert.

Welche Spuren einzelne Traumata im Hirngewebe hinterlassen, analysierte Prof. David Sharp vom Imperial College London. In einer PET-Untersuchung von 21 Personen, deren Kopfverletzungen 18 bis 51 Jahre zurücklagen, zeigten 15 probanden erhöhte Werte des toxischen Tau-Proteins – eines Biomarkers für Neurodegeneration und Vorläufers von Alzheimer. Sharp zufolge könne bereits ein einziges mittelschweres Trauma eine chronische Degeneration anstoßen; eine gezielte Therapie existiert bislang nicht.

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Debatte über Einstufung als chronische Erkrankung

Im Kontaktsport sind die mechanischen Belastungen extrem: Bei normalen Kollisionen im American Football wirken Beschleunigungen von 20 bis 50 g auf den Kopf, bei schweren Treffern bis zu 100 g. Laut einer 2026 im British Medical Journal veröffentlichten Studie wiesen 25 Prozent der zwischen 2016 und 2021 verstorbenen NFL-Spieler Anzeichen von CTE auf.

Eine Untersuchung der Universität Boston aus dem Jahr 2024 zeigte bei 18 von 19 analysierten Spielern CTE-Befunde, wobei das Erkrankungsrisiko pro Karrierejahr um 34 Prozent zunahm.

Angesichts dieser Langzeitfolgen fordern Forscher der Perelman School of Medicine in der Fachzeitschrift The Lancet Neurology ein Umdenken. Schädel-Hirn-Verletzungen müssten als chronische Erkrankungen mit systematischer Langzeitnachsorge anerkannt werden.

Co-Autorin Andrea L.C. Schneider verweist auf die Notwendigkeit von standardisierten Behandlungspfaden, vergleichbar mit der Betreuung bei Diabetes oder Krebserkrankungen, da Millionen Menschen noch Jahrzehnte nach Sportunfällen oder Stürzen unter Spätfolgen leiden.

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