Smartphone-Sucht: Studie mit 46.000 Kindern zeigt 10% weniger Depressionen
28.05.2026 - 08:24:42 | boerse-global.de
Die Diskussion um die Auswirkungen digitaler Medien auf die psychische Gesundheit von Minderjährigen erreicht eine neue Eskalationsstufe. Nationale Akademien und Forschungsinstitute legen Ende Mai 2026 umfangreiche Analysen vor – mit klaren Forderungen.
Leopoldina will Smartphones aus Schulen verbannen
Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat am heutigen Donnerstag ein Diskussionspapier veröffentlicht. Die Wissenschaftler fordern: Kinder unter 13 Jahren sollen gar keinen Zugang zu sozialen Medien bekommen. Für 13- bis 15-Jährige soll eine Anmeldung nur mit elterlicher Zustimmung möglich sein.
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Bis zur zehnten Klasse empfiehlt die Leopoldina ein generelles Smartphone-Verbot in Kitas und Schulen. Auch die Plattformen selbst müssten sich ändern: Keine personalisierte Werbung mehr für Jugendliche, keine suchtfördernden Funktionen. Zur Alterskontrolle schlagen die Experten die europäische digitale Identität (EUDI-Wallet) vor.
46.000 Jugendliche machen den Härtetest
Die Forderungen bekommen Rückenwind von einer großangelegten Studie des Anton-Proksch-Instituts und des ORF. Rund 46.000 Kinder und Jugendliche aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol nahmen teil. Davon verzichteten etwa 32.000 Teilnehmer drei Wochen lang komplett auf ihr Smartphone oder schränkten die Nutzung massiv ein.
Das Ergebnis: Die Symptome von Depressionen sanken um etwa zehn Prozent. Der Anteil schwerer Depressionen fiel von 2,9 auf 1,7 Prozent. Das psychische Wohlbefinden stieg um 18 Prozent. Knapp ein Viertel der Teilnehmer schlief besser. Zwei Drittel der Probanden hielten den kompletten Verzicht durch – und sprachen sich anschließend für ein Social-Media-Verbot aus.
Therapeuten schlagen Alarm
Die Initiative „Gesund aus der Krise“ veröffentlichte am Mittwoch Daten aus der therapeutischen Praxis. In einer Befragung von rund 340 Behandlern gaben 82 Prozent an: Kinder und Jugendliche können ihre digitale Mediennutzung nicht mehr selbstständig beenden. Die größten Probleme: negatives Selbstwertgefühl, verzerrtes Körperbild und zunehmende soziale Unsicherheit.
Eine Analyse der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) wertete 145 wissenschaftliche Quellen von 2015 bis 2025 aus. Ergebnis: Europaweit zeigen etwa elf Prozent der Jugendlichen ein problematisches Nutzungsverhalten. Besonders gefährdet: Mädchen zwischen 11 und 13 Jahren sowie Jungen zwischen 14 und 15 Jahren.
Europa zieht die Zügel an
Die politischen Forderungen werden lauter. Ramona Pop, Vorständin des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), fordert eine einheitliche EU-weite Lösung. „Ein Flickenteppich aus nationalen Einzelregeln muss vermieden werden“, sagte sie am Mittwoch. Eine Expertenkommission soll am 24. Juni konkrete Vorschläge vorlegen.
International zeichnen sich bereits verschiedene Wege ab:
- Frankreich plant ein Verbot für unter 15-Jährige ab September 2026
- Norwegen will eine Altersgrenze von 16 Jahren bis Ende 2026
- Griechenland setzt ein Verbot für unter 15-Jährige ab Januar 2027 um
- Großbritannien prüft ein Verbot für unter 16-Jährige und startet Pilotprojekte
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Prävention statt nur Verbote
Neben Verboten setzen einige Initiativen auf Aufklärung. Im Kreis Segeberg verteilte man Anfang 2026 rund 50 Bücherkisten an Grundschulen – zum Thema psychische Belastungen. In Frankfurt startet im August die zweite Runde eines Medienkompetenz-Projekts. Nach einer Pilotphase mit 1.300 Schülern wird es nun auf höhere Klassenstufen ausgeweitet.
Das Thema beschäftigt auch die Wissenschaft: Beim 172. Bad Nauheimer Gespräch am 2. Juni in Frankfurt diskutieren Experten über stoffgebundene Abhängigkeiten und nicht-stoffgebundene Süchte wie die Internet- und Social-Media-Abhängigkeit. Nach aktuellen Schätzungen ist bereits mehr als ein Prozent der Bevölkerung betroffen.
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