Selbstständige in Krise: Geschäftsklimaindex fällt auf neuen Tiefstand
30.05.2026 - 17:07:34 | boerse-global.de
Fast jeder Fünfte fürchtet um seine Existenz.
Wirtschaftlicher Notruf aus der Selbstständigkeit
Der Jimdo-ifo Geschäftsklimaindex für Selbstständige ist im April massiv eingebrochen. Von -20,8 Punkten im März fiel der Wert auf -29,9 Punkte – ein neuer Tiefstand. 20,6 Prozent der Befragten sehen ihre Existenz bedroht. Im Oktober 2025 lag dieser Wert noch bei 19,0 Prozent.
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Zum Vergleich: In der Gesamtwirtschaft fürchten nur 8,1 Prozent um ihre Existenz.
Hauptgrund ist der massive Auftragsmangel. 48,4 Prozent der Selbstständigen klagten im April über fehlende Aufträge – ein Anstieg gegenüber Januar (46,6 Prozent). ifo-Expertin Katrin Demmelhuber sieht die Kombination aus Auftragsflaute und geopolitischen Spannungen wie der Irankrise als Hauptbelastung. Jimdo-CEO Matthias Henze spricht von einem „wirtschaftlichen Notruf".
Psychische Belastung steigt
Die wirtschaftliche Instabilität hinterlässt Spuren in der mentalen Verfassung. Eine DGB-Untersuchung aus dem Jahr 2025 zeigt: 40 Prozent der Frauen und 29 Prozent der Männer fühlen sich oft oder sehr oft emotional erschöpft.
Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit liegt bei Männern bei 37,1 Stunden, bei Frauen bei 30,8 Stunden.
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In der Politik tobt derweil ein Streit um flexible Arbeitszeiten. Die Koalition will die tägliche Höchstarbeitszeit durch eine wöchentliche ersetzen. Arbeitnehmervertreter warnen vor zusätzlicher Belastung. DGB-Vize Elke Hannack betont: „Gesundes Wachstum gibt es nur mit gesunden Arbeitskräften."
Arbeitsministerin Bärbel Bas hat für Juni 2026 einen Gesetzentwurf angekündigt. Der Kanzler kritisierte parallel die hohen Krankenstände von durchschnittlich 14,5 Tagen pro Arbeitnehmer im Jahr 2025.
Dienstleistungssektor besonders betroffen
Der Dienstleistungssektor erreichte im April mit -23,3 Punkten einen neuen Tiefstand im Geschäftsklimaindex. Im Einzelhandel fiel der Wert sogar auf -34,8 Punkte.
Langfristige Analysen zeigen einen strukturellen Bruch: Die Zahl kleiner Einzelhandelsbetriebe mit Umsätzen unter 250.000 Euro sank zwischen 2010 und 2025 um 28 Prozent.
Auch Steuerkanzleien geraten unter Druck. Eine Studie unter 107 Kanzleien ergab: 94 Prozent erwarten große Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf die Finanzbuchhaltung. Gleichzeitig fehlt es an betriebswirtschaftlicher Struktur: 53,5 Prozent der Einzelkanzleien haben keinen schriftlichen Dienstleistungskatalog. Berater Thorsten Hesse schätzt, dass Kanzleien dadurch rund 10 Prozent ihres Honorarpotenzials verschenken.
Dramatische Versorgungslage bei Therapieplätzen
Für Selbstständige in psychischen Krisen wird die Suche nach Hilfe zum Hindernislauf. Psychotherapeuten berichten von Wartezeiten zwischen 9 und 12 Monaten.
Die im September 2025 eingesetzte Expertenkommission unter Gesundheitsministerin Nina Warken empfiehlt Einsparungen von bis zu 42 Milliarden Euro bis 2027. Bereits umgesetzte Honorarkürzungen von 4,5 Prozent haben die Lage der Therapeuten verschlechtert.
Das Aktionsbündnis Psychotherapie befürchtet, dass vermehrt Privatpatienten bevorzugt werden. Für gesetzlich versicherte Selbstständige würde sich die Versorgungslage weiter zuspitzen.
Hinzu kommt ein Problem bei der Altersvorsorge: Der Bundesrechnungshof mahnt Unregelmäßigkeiten bei der Rentenversicherungspflicht an. Tausende versicherungspflichtige Selbstständige zahlen derzeit keine Beiträge – die Gefahr der Altersarmut steigt.
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