Selbsthilfe bei Depression: 112 Gruppen in Celle zeigen die Kraft des Austauschs
Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 03:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen gewinnt in der gesellschaftlichen Wahrnehmung zunehmend an Breite. Neben professionellen therapeutischen Angeboten rücken verstärkt die gemeinschaftliche Selbsthilfe sowie die literarische Aufarbeitung in den Fokus.
Aktuelle Entwicklungen in verschiedenen Regionen und im Kulturbetrieb zeigen, dass der Austausch über gelebte Realitäten und die emotionalen Facetten von Depressionen eine zentrale Rolle bei der Bewältigung einnimmt.
Regionale Vernetzung und ehrenamtliches Engagement
Die Bedeutung lokaler Strukturen wird am Beispiel Niedersachsens deutlich. Am 27. September 2026 präsentierten sich beim 24. Celler Selbsthilfetag insgesamt 23 Gruppen in der Innenstadt.
Die Veranstaltung der Kontaktstelle KIBIS verdeutlichte die gewachsene Infrastruktur in der Region: Insgesamt sind im Stadtgebiet und im Landkreis Celle 112 Selbsthilfegruppen aktiv. Bürgermeister Klaus Didschies unterstrich im Rahmen der Eröffnung die Beständigkeit dieses Engagements, das im Raum Celle bereits seit mehr als 45 Jahren besteht.
Auch in Baden-Württemberg verändern sich die Strukturen der nachbarschaftlichen Unterstützung. In Albstadt übernimmt der 1998 gegründete Verein „Alt und Jung füreinander e.V.“ die städtische Initiative „Miteinander=Füreinander“.
Für den 1. Oktober ist eine Informationsveranstaltung in der Gartenstraße geplant, um über das erweiterte Angebot zu informieren. Dieses umfasst unter anderem Arztbegleitungen, Behördengänge und Gesprächsangebote.
Der Verein blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück; so musste der 2005 initiierte Mittagstisch am Rosengarten aufgrund gestiegener Kosten und rückläufiger Teilnehmerzahlen eingestellt werden.
Professionelle Peer-Beratung und spezialisierte Gruppen
Ein differenzierter Ansatz in der Krisenbewältigung zeigt sich in der Schweiz. Die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich setzt verstärkt auf Peer-Berater, die ihre eigenen Erfahrungen in die Unterstützung junger Menschen einbringen.
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Eine seit 2024 tätige Beraterin, die selbst stationäre Aufenthalte durchlief, entwickelt mit einem Team Projekte im Bereich der psychischen Gesundheit. Diese Form der Beratung ergänzt die ambulante Therapie. Zur Qualifizierung der Helfer werden spezifische Nothelferkurse für psychische Gesundheit angeboten, die online oder vor Ort absolviert werden können.
Für spezifische Lebenskrisen, wie den Verlust eines Angehörigen, bieten Gruppen wie „Schneeglöckchen“ in Lautlingen einen geschützten Raum. Die im Frühjahr 2025 gegründete Initiative für verwaiste Eltern trifft sich monatlich und wird fachlich von einer Trauerbegleiterin unterstützt. Das Angebot richtet sich an Betroffene unabhängig von ihrer Konfession und thematisiert unter anderem die Begleitung schwerstkranker Familienmitglieder.
Künstlerische und literarische Aufarbeitung
Die Visualisierung psychischer Krisen findet auch im künstlerischen Bereich statt. In Leipzig-Lindenau präsentiert die Künstlerin Susanne Ruccius vom 2. bis 4. Oktober die Ausstellung „Anatomie einer Depression“. Im Rahmen des Kunstraumfestivals LindeNOW werden dort emotionale Zustände künstlerisch übersetzt, ergänzt durch Informationsmaterial des Leipziger Bündnisses gegen Depression e.V.
Parallel dazu greifen aktuelle Publikationen psychische Belastungen und den Umgang mit Krankheit auf:
- Der Roman „Die Kugel“ von Klára Vlasáková (Nagel und Kimche, 2026, € 24,70) thematisiert einen gesellschaftlichen Ausnahmezustand, in dem Figuren in Depression, Schlafsucht oder Sucht verfallen.
- Nao-Cola Yamazaki beschreibt in „Die Schönheit der Distanz“ (Dumont, 2026) die Begleitung einer krebserkrankten Ehefrau.
- Das Comicdebüt „Vincent“ von Melanie Carolin Wigger (Avant-Verlag, 2026, 26 Euro) befasst sich mit Demenz und Freundschaft.
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Hintergrund dieser literarischen Auseinandersetzung sind auch statistische Entwicklungen: Laut Schätzungen auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamtes und der WHO waren im Jahr 2025 in Deutschland etwa 1,8 Millionen Menschen an Demenz erkrankt.
Von den insgesamt 5,7 Millionen Pflegebedürftigen befanden sich rund 14 Prozent in vollstationärer Pflege. Diese Zahlen verdeutlichen den hohen Bedarf an Austauschformaten und gesellschaftlicher Sensibilisierung, wie sie auch die Organisation Selbsthilfe St.Gallen und Appenzell durch regelmäßige Informationstreffen für Neuinteressierte fördert.
