Schulangst bei Kindern: Jedes vierte gilt als psychisch belastet
Veröffentlicht am: 25.09.2026 um 14:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Wenn Kinder über einen längeren Zeitraum nicht mehr am Schulunterricht teilnehmen, liegen die Auslöser selten an bloßer Unlust. Psychologin Gertrud Plasse verweist auf vielschichtige Ursachen für eine länger anhaltende Schulvermeidung: Neben Leistungsproblemen in bestimmten Fächern und zwischenmenschlichen Konflikten spielen vor allem die Angst vor Mitschülern, Mobbing sowie Sorgen um das Wohl der eigenen Eltern eine zentrale Rolle.
Dass der Handlungsbedarf wächst, zeigt sich auch in der medizinischen Versorgung: Im Kinderkrankenhaus „Auf der Bult“ in Hannover entsteht eine eigene Station speziell für Schulvermeider. Laut Verlegerin Lisa Hammerl, die sich auf das Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung bezieht, gilt mittlerweile jedes vierte Kind als psychisch belastet.
Psychologische Dynamiken zwischen Trennungsangst und Schulphobie
Nach Einschätzung des psychologischen Beraters Prof. Dr. Mehmet Kaya liegen die Wurzeln von Schulangst und Schulverweigerung häufig nicht allein beim Kind, sondern in elterlichen Ängsten oder unsicheren Bindungsmustern. Während Trennungsangst im Kern eine Verlustangst darstellt, resultiert eine Schulphobie meist aus dem direkten Umfeld, etwa durch Mobbing oder übermäßig strenge Lehrkräfte.
Kaya stuft auffälliges Trennungsverhalten bis zum Ende der zweiten Schulwoche als entwicklungstypisch ein. Halte die Problematik jedoch einen vollen Monat an, sei eine professionelle psychologische Beratung erforderlich.
Als Gegenmaßnahmen empfiehlt der Experte eine schrittweise Eingewöhnung, kurze und klare Abschiedssituationen sowie den konsequenten Verzicht auf Bestrafungen oder Vergleiche mit anderen Kindern. Zudem sei eine enge Abstimmung zwischen Familie und Lehrkräften unerlässlich.
Überlastete Hilfesysteme und Engpässe vor Ort
Die Zunahme psychischer Auffälligkeiten trifft auf ein Gesundheitssystem mit spürbaren Engpässen. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Freiburg verzeichnet steigende Notfallzahlen bei psychisch erkrankten Kindern. Dort fehlen Behandlungsplätze, was zu Wartezeiten von bis zu einem Jahr führt. Zur Entlastung sagte das Land im Dezember 40 Millionen Euro aus dem Bundes-Sondervermögen für einen Neubau der Tageskliniken zu.
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Auch an den Schulen selbst warnen Fachkräfte vor einer Überlastung. Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter in Bergisch Gladbach beobachten eine erhebliche Intensivierung von Belastungsfaktoren wie Leistungsdruck, Mobbing, häuslicher Gewalt, Armut, Sucht sowie suizidalen Gedanken.
Die personelle Ausstattung bleibt jedoch gering: In Bergisch Gladbach existiert Schulsozialarbeit an lediglich 6 von 32 Schulen, darunter an der GGS Gronau, der KGS Hand, der GGS An der Strunde, der EGS Bensberg und der Nelson-Mandela-Gesamtschule. An der Hauptschule Im Kleefeld ist die Stelle unbesetzt.
Insgesamt teilen sich sieben Teilzeitkräfte 4,12 Stellen, finanziert zu 80 Prozent vom Land Nordrhein-Westfalen und zu 20 Prozent von der Stadt. Schulleiter Felix Bertenrath von der Otto-Hahn-Realschule mahnte Schulsozialarbeit an jedem Standort an; die Grünen verlangen mindestens zehn Stellen.
Debatten über Rahmenbedingungen und Sanktionen
Bundesweit fordern Interessenvertretungen Reformen des schulischen Rahmens. In Brandenburg präsentierte der Landesschülerrat einen Zehn-Punkte-Plan, der unter anderem eine Quote von einer Schulsozialarbeitsstelle pro 150 Schülerinnen und Schüler sowie die Abschaffung unangekündigter Tests vorsieht. Bildungsminister Gordon Hoffmann (CDU) ließ die Punkte prüfen, dämpfte angesichts der Landesfinanzen jedoch rasche Hoffnungen.
Bis zu einem Jahr Wartezeit auf einen Therapieplatz — und Schulsozialarbeit gibt es längst nicht an jeder Schule. Deshalb kommt es auf die ersten Wochen zu Hause an: Unser kostenloser Leitfaden erklärt, wann auffälliges Trennungsverhalten noch normal ist und wann professionelle Beratung nötig wird. Jetzt den Eltern-Leitfaden sichern
In Nordrhein-Westfalen setzt die Landespolitik derweil auf rechtliche Verschärfungen: Über das 19. Schulrechtsänderungsgesetz sollen Schulausschlüsse von zwei auf bis zu vier Wochen verlängert und Versetzungen in Parallelklassen erleichtert werden. In der parlamentarischen Anhörung stieß der Vorstoß auf deutliche Bedenken.
Die GEW-Landesvorsitzende Ayla Çelik mahnte an, Schulausschlüsse durch gezielte pädagogische Begleitung zu ersetzen. Vertreter der Landeselternschaft der Gymnasien warnten davor, dass härtere Maßnahmen das Risiko eines vollständigen Schulabbruchs weiter erhöhen.
