Schlaganfallprävention: Bluthochdruck steckt hinter 54 Prozent der Fälle
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 19:01 Uhr | Redaktion boerse-global.deZum 99. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Berlin haben die Fachgesellschaft und die Deutsche Hirnstiftung die Aufklärungskampagne „Prävention wirkt“ initiiert. Im Zentrum der Initiative stehen differenzierte medikamentöse Strategien sowie gezielte Lebensstilmaßnahmen zur Vermeidung von Hirninfarkten.
Kongresspräsident Prof. Götz Thomalla vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) betont dabei die Notwendigkeit maßgeschneiderter Konzepte, da nicht jeder Betroffene dieselben therapeutischen Maßnahmen benötigt.
Sekundärprävention verlangt zielgerichtete Ansätze
Nach Angaben der Deutschen Schlaganfallbegleitung ereignen sich in Deutschland jährlich rund 200.000 erstmalige und 70.000 wiederholte Schlaganfälle. Eine deutsche Krankenkassendatenanalyse verdeutlicht die Dringlichkeit einer konsequenten Nachsorge: 7,4 % der Patientinnen und Patienten erleiden innerhalb eines Jahres einen weiteren Hirninfarkt, innerhalb von fünf Jahren steigt dieser Anteil auf 19,4 %.
Thomalla verweist darauf, dass in der Sekundärprävention nach einem Hirninfarkt zunächst die genaue Ursache geklärt werden muss, um die medikamentöse Behandlung langfristig darauf abzustimmen. Liegt ein Vorhofflimmern vor, kommen in der Regel gerinnungshemmende Medikamente zum Einsatz.
Eine randomisierte Studie aus dem Jahr 1993 belegte bereits, dass eine orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern die jährliche Schlaganfallrate von 12 % auf 4 % senken konnte, was einer relativen Risikoreduktion von 66 % entsprach.
Bei nachgewiesener Gefäßverkalkung bilden dagegen Thrombozytenaggregationshemmer das Fundament der Therapie. Zudem spielen Blutdruck- und Cholesterinsenker eine tragende Rolle; nach einer Hirnblutung kommt es vor allem auf eine präzise Blutdruckeinstellung an.
Auf dem Kongress wurde zudem betont, dass die mechanische Thrombektomie die Prognose bei schweren ischämischen Schlaganfällen verbessert, wobei der Nutzen auch bei Verschlüssen der Basilararterie wissenschaftlich belegt ist. Vorhofflimmern zählt weiterhin zu den wichtigsten Risikofaktoren ischämischer Ereignisse.
Um die Versorgung wissenschaftlich weiterzuentwickeln, baut das Fachnetzwerk Schlaganfall im Netzwerk Universitätsmedizin eine große prospektive Schlaganfallkohorte auf. Die 1907 in Dresden gegründete DGN zählt inzwischen über 14.000 Mitglieder.
Neue therapeutische Optionen in der Gerinnungshemmung
Perspektivisch könnten Hemmstoffe der Gerinnungsfaktoren XI und XII zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten eröffnen. Für Faktor-XI-Hemmer liegen bereits Ergebnisse großer klinischer Studien vor, während weitere Untersuchungen laufen.
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Einen ersten regulatorischen Schritt markierte am 26. Oktober 2026 die Zulassung von Asundexian in China. Der Wirkstoff von Bayer ist der weltweit erste zugelassene Inhibitor des aktivierten Gerinnungsfaktors XIa. Die per prioritärer Prüfung erteilte Zulassung basiert auf den Daten der globalen Phase-III-Studie OCEANIC-STROKE.
Das Präparat ist indiziert zur Senkung des Schlaganfallrisikos bei Erwachsenen mit ischämischem Schlaganfall oder hohem Risiko für eine transitorische ischämische Attacke (TIA). Es darf jedoch nicht bei kardioembolischen Schlaganfällen infolge von Vorhofflimmern und nicht als Monotherapie eingesetzt werden, sondern ausschließlich zusätzlich zur Standard-Thrombozytenaggregationshemmung.
Blutdrucksenkung bleibt der zentrale Hebel
Die INTERSTROKE-Studie mit rund 27.000 Teilnehmenden aus 32 Ländern zeigte, dass zehn beeinflussbare Risikofaktoren mit etwa 90 % des bevölkerungsbezogenen Schlaganfallrisikos assoziiert sind; neuere Studien beziffern diesen Wert auf gut 80 %.
Den stärksten Einzelfaktor bildet der Bluthochdruck, auf den 54 % aller Schlaganfälle zurückgeführt werden. Hypertoniker weisen ein 3- bis 4-faches Schlaganfallrisiko auf.
Eine Blutdrucksenkung um 5 mm Hg wirkt auch bei normotensiven Personen kardioprotektiv. Als ideal gilt ein Zielwert von 120–130 mm Hg systolisch und 70–80 mm Hg diastolisch, was für die Mehrzahl der Patienten vorteilhafter ist als Werte unter 140/90 mm Hg. Jede zusätzliche Antihypertensiva-Klasse senkt das Schlaganfallrisiko um weitere 23 %.
Mit einer fixen Dreifachkombination aus Perindopril, Indapamid und Amlodipin wird ein Zielblutdruck von unter 130/80 mm Hg binnen drei Monaten bei 93 % der Behandelten erreicht. Bei Hypertonie 2. oder 3. Grades sowie bei Risikopatienten mit Grad-1-Hypertonie ist ein sofortiger Therapiebeginn angezeigt.
Bei der medikamentösen Blutdrucktherapie kommen unter anderem Thiaziddiuretika wie Hydrochlorothiazid (HCTZ) zum Einsatz. Der Wirkstoff steigert über die Nieren die Ausscheidung von Natrium sowie Chlorid und reduziert dadurch das Blutvolumen; er wird neben Hypertonie auch bei Ödemen infolge von Herzinsuffizienz, Leberzirrhose oder Nierenerkrankungen verordnet.
Die Dosierung erfolgt individuell und beginnt niedrig, wobei Wechselwirkungen mit NSAIDs oder Lithium sowie Nebenwirkungen wie Schwindel, Kopfschmerzen oder Elektrolytstörungen zu beachten sind.
Bezüglich des Einnahmezeitpunkts von Antihypertensiva zeigte die TIME-Studie aus dem Jahr 2022 an rund 21.000 Patienten über einen Nachbeobachtungszeitraum von 5,2 Jahren keinen signifikanten Unterschied zwischen morgendlicher und abendlicher Gabe: 3,4 % in der Abendgruppe und 3,7 % in der Morgengruppe erlitten einen Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Eine kanadische Untersuchung bestätigte 2025, dass der Zeitpunkt keinen Einfluss auf Nutzen und Risiken hat; entscheidend sei die regelmäßige Einnahme.
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Primärprävention und Lebensstil
In der Primärprävention hebt Thomalla ein Basispaket hervor: mindestens 150 Minuten Bewegung moderater Intensität pro Woche, mediterrane Kost und der Verzicht auf das Rauchen. Gleichzeitig müssen Hypertonie, Diabetes mellitus, Herzrhythmusstörungen und Fettstoffwechselstörungen konsequent behandelt werden.
Zur Früherkennung empfiehlt die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft regelmäßige Selbstmessungen mit einem geprüften Oberarmgerät: nach fünf Minuten Ruhe morgens und abends jeweils zwei Messungen über sieben Tage, aus denen der Mittelwert errechnet wird.
Liegt dieser bei 135 mmHg systolisch oder 85 mmHg diastolisch oder darüber, sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen. Reichen Lebensstiländerungen und 2,5 Stunden Sport pro Woche nicht aus, ist meist eine medikamentöse Einstellung erforderlich.
