Schlafmangel, Milliarden

Schlafmangel: Deutsche Wirtschaft verliert jährlich mindestens 50 Milliarden Euro

Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 12:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Schlafdefizite verursachen hohe volkswirtschaftliche Kosten; Chronotypen, angepasste Arbeitszeiten und neue Diagnostik stehen im Fokus.
Ein minimalistisch eingerichtetes Schlafzimmer am frühen Morgen mit sanftem, durch Vorhänge einfallendem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) stellt auf ihrer 34. Jahrestagung vom 5. bis 7. November 2026 in Wiesbaden die Bedeutung von Erholung und Biorhythmen in den Mittelpunkt.

Unter der Leitung der Tagungspräsidenten PD Dr. Caroline Mann und Dr. Hans-Günter Weeß befasst sich der Kongress unter dem Motto „Schlaf als Gesundheits-, Karriere- und Wirtschaftsfaktor“ mit den weitreichenden Konsequenzen von Schlafdefiziten für Individuum und Gesellschaft.

Hohe wirtschaftliche Einbußen durch Schlafmangel

Schlafstörungen verursachen erhebliche volkswirtschaftliche Belastungen. DGSM-Präsident Dr. Hans-Günter Weeß verweist auf Daten der Barmer-Studie 2019, nach denen schlafgestörte Arbeitnehmer 2,8-fach länger krankgeschrieben sind als Personen ohne Schlafprobleme. Nach Erhebungen der Rand-Cooperation belaufen sich die wirtschaftlichen Verluste durch Fehlzeiten, Leistungsabfall und Präsentismus auf jährlich mindestens 50 Mrd. Euro.

Der Chronobiologe Prof. Dr. Till Roenneberg, der am 6. November 2026 von 10:15 bis 11:45 Uhr das Hauptsymposium der DGSM-Tagung zum Thema „Körper und Büro in verschiedenen Zeitzonen“ eröffnet, beziffert die volkswirtschaftlichen Folgen durch Schlafdefizite in Deutschland auf rund 40 Mrd. Euro pro Jahr.

Fast die Hälfte dieser Summe gehe auf den sogenannten Social Jetlag zurück. Dies sei eine vorsichtige Schätzung, da Kosten für vorzeitige Todesfälle nicht berücksichtigt seien. Laut Roenneberg schlafen rund 40% der Erwachsenen in Deutschland an Arbeitstagen weniger als sieben Stunden.

Das Modell der drei Uhren und Chronobiologie am Arbeitsplatz

Roenneberg beschreibt den Konflikt moderner Lebensweisen anhand dreier Taktgeber: der Sonnenuhr, der biologischen Uhr und der sozialen Uhr. Ein Social Jetlag entstehe vor allem durch abendliches Kunstlicht und einen Mangel an natürlichem Tageslicht.

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Lediglich rund 20% der Menschen gehören dem Chronotyp der Frühaufsteher („Lerchen“) an, während der Großteil dazwischen liege. Dieser Chronotyp sei genetisch determiniert und über Bluttests bestimmbar. Fehlstellungen zwischen Arbeitszeiten und Biologie fördern Studien zufolge Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie mentale Probleme.

Praktische Gegenmodelle zeigen messbare Effekte. Die Expertin Camilla Kring empfiehlt eine Kernarbeitszeit zwischen 10 und 15 Uhr; in einem norwegischen Unternehmen stieg die Zufriedenheit von 48 auf 95%, nachdem Meetings erst ab 10 Uhr angesetzt wurden.

Eine chronotypbasierte Schichtplanung in der Klinik Wartenberg reduzierte die Tagesmüdigkeit um 72% und senkte den Anteil der Mitarbeiter mit mehr als drei Krankheitstagen um 48%. Auf kommunaler Ebene erprobte das Projekt „ChronoCity“ in Bad Kissingen von 2012 bis 2016 entsprechende Konzepte.

Wandel in Diagnostik und Therapiestandards

Auch in der medizinischen Versorgung zeichnen sich Veränderungen ab. Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) gilt laut DGSM bei Insomnie heute als Firstline-Therapie vor einer medikamentösen Behandlung. Bei schlafbezogenen Atmungsstörungen gewinnen individualisierte Ansätze und Gewichtsreduktion an Relevanz, während Künstliche Intelligenz zunehmend Einzug in Diagnostik und Therapie hält.

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Prof. Thomas Penzel von der Charité und Präsident der World Sleep Society erläutert, dass es keine allgemeingültige optimale Schlafdauer gebe. Die Orientierungsgröße von sieben bis neun Stunden diene primär der Öffentlichkeit, entscheidend sei jedoch der Erholungswert.

Bei primärer Insomnie solle eine medikamentöse Therapie nur kurzfristig erfolgen und Dauermedikation vermieden werden; Melatonin fungiere als Rhythmusgeber, nicht als Schlafmittel. Kurze Erholungsschläfe sollten maximal etwa 30 Minuten dauern.

Künftig sollen Wearable-Daten in die elektronische Patientenakte einfließen, während KI-gestützte Schlafanalysen nach Erkenntnissen aus Kopenhagen Perspektiven als Frühwarnsystem für Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs und Hauterkrankungen bieten.

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