Rotes Fleisch und Diabetes: Neu5Gc-Zufuhr mit 63 Prozent höherem Risiko verbunden
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 09:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deDer Konsum von rotem Fleisch steht seit Längerem im Fokus der Stoffwechselforschung. Eine Untersuchung der Université Sorbonne Paris Nord liefert neue Einblicke in die biologischen Prozesse, die diesem Zusammenhang zugrunde liegen könnten. Im Mittelpunkt der auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Mailand vorgestellten Analyse steht Neu5Gc, eine Sialinsäure, die natürlicherweise in rotem Fleisch vorkommt.
Deutliche Risikounterschiede in französischer Kohorte
Für die Untersuchung wertete das Team um Dr. Leopold Fezeu Daten der französischen NutriNet-Santé-Kohorte aus. Der Datensatz umfasste 89.953 Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 42 Jahren, von denen 79 Prozent Frauen waren. Über einen medianen Nachbeobachtungszeitraum von 7,2 Jahren traten 966 neue Fälle von Typ-2-Diabetes auf.
Die Auswertung ergab, dass die Gruppe mit der höchsten Zufuhr von Neu5Gc aus Fleisch ein um 63 Prozent höheres relatives Typ-2-Diabetes-Risiko im Vergleich zur Gruppe mit der niedrigsten Aufnahme aufwies.
Bei der zweithöchsten Konsumgruppe lag das relative Risiko um 41 Prozent über dem der Referenzgruppe. Betrachtet über sämtliche Quintile und Quellen hinweg ergab sich zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Quintil ein Unterschied von 37 Prozent.
Die Konsummengen unterschieden sich zwischen den Gruppen deutlich. In der Gruppe mit der höchsten Aufnahme verzehrten Männer im Median täglich 97 Gramm rotes Fleisch beziehungsweise 136 Gramm inklusive verarbeiteter Produkte, während Frauen auf 73 Gramm rotes Fleisch beziehungsweise 96 Gramm inklusive verarbeiteter Fleischwaren kamen.
In der niedrigsten Gruppe konsumierten Männer lediglich 5 Gramm rotes Fleisch pro Tag (21 Gramm inklusive verarbeitetem Fleisch) und Frauen 0 Gramm (9 Gramm inklusive verarbeitetem Fleisch).
Biologische Mechanismen und methodische Grenzen
Der beobachtete Zusammenhang blieb auch nach statistischer Bereinigung um Faktoren wie Alter, Geschlecht, körperliche Aktivität, allgemeine Ernährungsqualität, Rauchen und Vorerkrankungen bestehen. Der Body-Mass-Index (BMI) erklärte rund 13 Prozent des Zusammenhangs, was darauf hindeutet, dass Übergewicht die Wirkung verstärkt, das Phänomen jedoch nicht allein begründet.
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Dr. Leopold Fezeu erklärte dazu, die Ergebnisse stützten chronische Entzündungsprozesse als spezifischen Mechanismus, der den Verzehr von rotem Fleisch mit Typ-2-Diabetes verbinde, und deuteten auf Entzündungen hin, die teilweise unabhängig von reiner Fleischmenge und Körperfett aufträten.
Allerdings traten im Zuge weiterer Analysen Einschränkungen zutage. Wurde das Modell zusätzlich für den gesamten Fleischkonsum adjustiert, verlor die Assoziation zwischen Neu5Gc und dem Diabetesrisiko ihre statistische Signifikanz. Zudem zeigte sich Neu5Gc aus Milchprodukten nicht mit einer Risikoerhöhung verknüpft.
Fachleute weisen zudem darauf hin, dass es sich um Beobachtungsdaten handelt, die keine Kausalität belegen und die bisher noch kein klassisches Peer-Review-Verfahren durchlaufen haben. Zudem muss das relative Risiko vor dem Hintergrund der absoluten Zahlen betrachtet werden: Die Basisrate lag bei etwa einer Diabetes-Neuerkrankung pro 100 Teilnehmer über den Zeitraum von sieben Jahren.
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Empfehlungen für den Alltag
Die Autoren der Untersuchung sehen weiteren Forschungsbedarf. Insbesondere müsse untersucht werden, welche Rolle Antikörper gegen Neu5Gc spielen und inwiefern der Austausch von Rind- und Lammfleisch durch Geflügel oder pflanzliche Proteine das Erkrankungsrisiko verringern kann. In der Berichterstattung raten Experten dazu, Portionen von rotem Fleisch durch Alternativen wie Bohnen, Geflügel oder pflanzliche Proteinquellen zu ersetzen.
Nationale Richtlinien setzen bereits seit Längerem auf moderate Grenzwerte. So empfiehlt das Niederländische Ernährungszentrum, wöchentlich maximal 300 Gramm Fleisch zu verzehren, wovon höchstens 100 Gramm auf rotes Fleisch entfallen sollten.
Wie groß die gesellschaftliche Dimension von Stoffwechselerkrankungen ist, unterstreichen auch Zahlen der US-Gesundheitsbehörde CDC für das Jahr 2023, nach denen allein in den Vereinigten Staaten 40,1 Millionen Menschen mit Diabetes leben und weitere 115,2 Millionen Erwachsene als prädiabetisch eingestuft werden.
