Referendariat, Hessen

Referendariat Hessen: Landesregierung verkürzt Ausbildung auf 18 Monate

Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 02:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Neue Lernrollen treffen auf sinkende Leistungen, höhere Belastungen und Streit über die Verkürzung der Lehrerausbildung in Hessen.

Bildungswandel: Lernbegleiter, Leistungsdruck und Streit ums Referendariat
Ein heller, moderner Lernraum mit leeren Holztischen und Stühlen in einer Schule, der durch große Fenster natürlich beleuchtet wird. Illustration mit AI erstellt.

Das Bildungssystem steht vor einem tiefgreifenden Wandel, bei dem sich das klassische Berufsbild an den Schulen grundlegend verändert. Immer mehr Lehramtsstudenten werden gezielt zu Lernbegleitern ausgebildet, während Kinder zunehmend selbstständig arbeiten und Lehrkräfte eine moderierende Haltung einnehmen.

Einige Schulen können bei diesem Ansatz bereits erste Ergebnisse vorweisen. Die Entwicklung gilt vielen Befürwortern als zentraler Schritt einer umfassenden Bildungsreform.

Neue Anforderungen an die pädagogische Professionalisierung

Dieser Rollenwechsel wird auch in der Wissenschaft diskutiert. Ein Konferenzpapier aus dem Jahr 2026 beschreibt den Wandel der Lehrkraft weg vom reinen Wissensvermittler hin zum Unterstützer, Mentor und Gestalter von Lernerfahrungen.

Um diesen Übergang erfolgreich zu bewältigen, seien digitale Kompetenzen, Fertigkeiten in der virtuellen Klassenführung sowie Kenntnisse in der Analyse von Lerndaten erforderlich.

Zudem empfiehlt das Papier der Bildungspolitik, den Fokus künftig verstärkt auf die Professionalisierung der Lehrkräfte sowie auf einen Wechsel der Leistungsbewertung von der reinen Gedächtnisleistung hin zur Prozessorientierung zu legen.

Zugleich fordern Lehrerverbände strukturelle Anpassungen. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband spricht sich für eine Abschaffung des Sitzenbleibens am Gymnasium aus. Anstelle des bisherigen Modells schlägt der Verband ab der siebten Klasse ein modulares System vor, das Fach-, Förder-, Brücken- und Projektmodule umfasst, den festen Klassenverband auflöst und feste Lernbegleiter vorsieht.

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Als Hintergrund verweist die Organisation darauf, dass in Bayern rund 40 Prozent eines Jahrgangs an das Gymnasium wechseln, die bundesweite Studienanfängerquote bei über 56 Prozent liege und ohnehin nur wenige Prozent der Schüler jährlich die Klasse wiederholen müssen. Der Bayerische Philologenverband weist diese Vorstöße hingegen zurück und bezeichnet die Forderungen als Träumerei.

Wachsender Leistungsdruck und Kritik an Rahmenbedingungen

Die Umsetzung offener und integrativer Lernkonzepte stößt in der Praxis auf erhebliche Hürden. Eine Untersuchung des Forschungsinstituts gfs.bern im Auftrag des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz zeigt auf, dass an inklusionsorientierten Schulen die Arbeitsbelastung des Personals gestiegen und das allgemeine Leistungsniveau gesunken ist.

Demnach kommen sowohl leistungsstarke als auch schwächere Schüler zu kurz. In zahlreichen Schweizer Kantonen wächst daher der Druck, Förderklassen wieder einzuführen; Basel-Stadt hat entsprechende Maßnahmen bereits begonnen, während Zürich und weitere Kantone folgen sollen.

Zudem belegen die PISA-Ergebnisse 2025 für die Schweiz, dass die Leistungen der 15-Jährigen in Lesen und Mathematik auf den tiefsten Stand seit Beginn der Messungen gefallen sind. Lediglich 71 Prozent der Jugendlichen erreichen mindestens die Kompetenzstufe zwei, während 29 Prozent darunter liegen – nach einem Fünftel im Jahr 2015 und einem Viertel beim vorangegangenen Test.

Die Defizite schlagen auf die Wirtschaft durch: Eine Befragung von rund 2900 Ausbildungsverantwortlichen in der Schweiz ergab, dass rund drei Viertel der Betriebe Lernende mit Zusatzmaßnahmen unterstützen müssen und jedes fünfte Unternehmen plant, künftig weniger Auszubildende einzustellen.

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Auch an deutschen Schulen treten Belastungen zutage. Leipziger Deutschlehrer berichten von einer schwindenden Motivation, anspruchsvolle Texte zu erfassen, sowie von sinkenden Aufmerksamkeitsspannen, die durch kurze Internetvideos von oft unter 30 Sekunden geprägt seien; zudem lese kaum ein Schüler daheim freiwillig.

Markus Maienschein, Leiter der John-F.-Kennedy-Schule im hessischen Bad Vilbel – einer Schule mit exakt 500 Schülern, zwei Intensivklassen mit 36 Schülern und einer Anfangsquote von nur rund 20 Prozent eines Jahrgangs –, sieht die Ursachen der PISA-Probleme im Elternhaus sowie dem frühen Medienkonsum und spricht sich für längeres gemeinsames Lernen sowie das Ende des Föderalismus aus.

Streit um die Ausbildung der Nachwuchskräfte

Parallel zu den inhaltlichen Debatten schwelen Konflikte um die praktische Ausbildung angehender Lehrer. In Marburg demonstrierten am 19. September 2026 rund 300 Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst, Ausbilder und Unterstützer gegen Pläne der hessischen Landesregierung.

Die schwarz-rote Koalition beabsichtigt, das Referendariat von 21 auf 18 Monate zu verkürzen, die Zahl benoteter Unterrichtsbesuche zu senken und mehr freie Praxisstunden einzurichten, was Kultusminister Armin Schwarz verteidigt.

Die Bildungsgewerkschaft GEW Hessen verlangt hingegen mindestens 21 Monate Ausbildungszeit, ein Ende des Einstellungsstopps an Studienseminaren sowie mehr Fortbildungen. Der hessische GEW-Vorsitzende Thilo Hartmann warnt angesichts bestehender PISA-Defizite und Lehrermangels – insbesondere in Hessen, Sachsen und Sachsen-Anhalt – vor einem drohenden Qualitätsverlust in den Schulen.

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