Psychosomatische Beschwerden: 36 Prozent der Frauen fühlen sich abgetan
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 16:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der Bevölkerung herrscht nach wie vor ein erheblicher Mangel an Wissen über seelische Gesundheit. Körperliche Beschwerden mit psychischer Ursache werden vielfach verkannt oder fälschlicherweise als bloße Einbildung abgetan.
Vor diesem Hintergrund fordern Fachleute wie der Psychiater Andreas Meyer-Lindenberg, das Robert Koch-Institut (RKI) und die Deutsche Depressionshilfe mehr Aufklärung. Eine Bestandsaufnahme zeigt, wie stark seelische Belastungen den Alltag und das Gesundheitssystem prägen.
Anhaltender Negativtrend beim psychischen Wohlbefinden
Erhebungen des RKI belegen seit 2020 einen ansteigenden Trend bei depressiven Symptomen und Angstzuständen in Deutschland. Im Rahmen einer RKI-Befragung gaben im Jahr 2024 rund 22 Prozent der Erwachsenen depressive Symptome an.
Etwa 28 Prozent der Befragten schätzten ihr psychisches Wohlbefinden in jenem Jahr als eher schlecht ein, während lediglich rund 11 Prozent von einem eher guten Zustand berichteten.
Als besondere Risikogruppe heben die Daten jüngere Erwachsene und vor allem junge Frauen hervor; die Zahlen für 2025 sind noch nicht abschließend ausgewertet. Im ambulanten Sektor belief sich der Anteil diagnostizierter depressiver Störungen im Jahr 2023 auf rund 17 Prozent.
Nach Angaben von Meyer-Lindenberg sind jährlich etwa 30 Prozent der Bevölkerung von einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung betroffen. Diese Leiden bilden zudem die Hauptursache für Frühberentungen. Ulrich Hegerl von der Deutschen Depressionshilfe schließt eine pauschale Depressions-Epidemie infolge der Polykrise jedoch aus.
Steigende Ausfälle im Arbeitsleben und wachsende Kosten
Die seelischen Belastungen schlagen sich messbar in der Arbeitswelt nieder. Eine IGES-Studie im Auftrag der Krankenkasse DAK auf Basis von Statista-Daten verdeutlicht, dass sich die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen zwischen 2000 und 2024 mehr als verdoppelt haben. Im ersten Halbjahr 2026 bildeten sie erstmals die häufigste Ursache für Krankschreibungen.
Regional bestätigen sich diese Tendenzen: So fehlten Beschäftigte in Bremen im Jahr 2025 durchschnittlich an 20,1 Kalendertagen. Auf psychische Erkrankungen entfielen dabei 392 Fehltage je 100 Versicherte, was einem Anstieg von 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht.
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Damit einher gehen deutliche finanzielle Belastungen im Gesundheitswesen. Frank Wild vom WIP-Institut stellte für das Jahr 2025 fest, dass die Ausgaben der privaten Krankenversicherung für ärztliche Leistungen in der Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie um 20,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind. Damit lagen sie klar über dem Vor-Pandemie-Niveau des Jahres 2019. Die Abrechnungsziffer GOÄ-Nr. 801/801a wurde 2025 zudem um 79,8 Prozent häufiger herangezogen als noch 2024.
Missverständnisse in der Praxis und Versorgungsengpässe
Im Versorgungsalltag führt das fehlende Verständnis für psychosomatische Wechselwirkungen immer wieder zu Fehleinschätzungen. Laut dem Austrian Health Report 2026 gaben 36 Prozent der befragten Frauen an, dass ihre Symptome als psychisch oder psychosomatisch abgetan worden seien; unter den Männern waren es 15 Prozent. Zudem fühlten sich 44 Prozent der Frauen bei Arztbesuchen seltener ernst genommen, verglichen mit 23 Prozent der Männer.
Christina Hillebrecht, Präsidentin der Bremer Ärztekammer, betonte mit Blick auf den Welttag der psychischen Gesundheit, dass Hausärztinnen und Hausärzte als erste Anlaufstelle seelische Leiden offener ansprechen müssten. Zudem sollten Betroffene aus Selbsthilfegruppen stärker in die Versorgungsgestaltung eingebunden werden.
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Gleichzeitig bleiben Wartezeiten eine Hürde: Die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg vermittelte 2025 landesweit 5.451 psychotherapeutische Erstgespräche für Erwachsene, während es 2019 lediglich 875 gewesen waren.
Nach Angaben der Sana Kliniken Niederlausitz müssen Patienten in Brandenburg derzeit zwischen drei und sechs Monaten auf einen regulären ambulanten Facharzttermin warten.

