Psychische Gesundheit: 81 Prozent der Betriebe mit Personalmangel melden mehr Druck
Veröffentlicht am: 11.10.2026 um 08:05 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die gesellschaftliche Debatte über den Umgang mit schweren Erkrankungen und die Bewertung der verbleibenden psychischen sowie physischen Leistungsfähigkeit gewinnt zunehmend an Bedeutung. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie betroffene Beschäftigte zwischen medizinischer Behandlung, Arbeitsplatzanforderungen und sozialer Absicherung aufgefangen werden können.
Medizinische Realität und individuelle Belastungsgrenzen
Wie stark eine schwere Diagnose die Erwerbsfähigkeit einschränkt, lässt sich selten pauschal bestimmen. Onkologe Matthias Preusser von der Medizinischen Universität Wien wies darauf hin, dass der Begriff Chemotherapie klassische Zytostatika ebenso umfasst wie Immun-, Antikörper- und zielgerichtete Therapien.
Diese Behandlungsformen bringen sehr unterschiedliche Wirkungen und Nebenwirkungen mit sich, weshalb Betroffene selbst bei einer identischen Therapie höchst verschieden reagieren. Zudem hänge die Leistungsfähigkeit vom Tumor, dem Krankheitsstadium sowie dem allgemeinen Gesundheitszustand ab.
Niedrige Blutwerte können die Immunabwehr schwächen und zeitweise das Meiden beruflicher Kontakte oder das Zuhausebleiben erfordern. Matthias Preusser betont, dass Weiterarbeit oder ein Rückzug individuelle Entscheidungen ohne äußeren Druck sein sollten.
Für einen offeneren Umgang mit schweren Krankheiten am Arbeitsplatz sprach sich auch die Geschäftsführerin der FUNKE Mediengruppe, Simone Kasik, aus. Das Unternehmen, Gründungsmitglied der Initiative Cancer@Work, schule Führungskräfte sowie Personalverantwortliche für sensible Gespräche und die Rückkehr nach längerer Krankheit und bilde innerbetriebliche Ansprechpersonen aus. Niemand solle eine Krebsdiagnose privat oder im Beruf alleine durchstehen müssen.
Für die Genesung spielt auch die Nachsorge eine Rolle. Laut der Deutschen Krebshilfe kann eine onkologische Rehabilitation psychische und körperliche Folgen behandeln. Sie findet direkt nach dem Krankenhausaufenthalt oder im ersten Jahr nach Behandlungsabschluss statt, dauert in der Regel 3 Wochen und kann bei medizinischer Notwendigkeit verlängert werden.
Kostenträger wie die Deutsche Rentenversicherung entscheiden über solche Anträge binnen 3 Wochen, bei Vorliegen eines Gutachtens innerhalb von 5 Wochen.
Belastungen in der Arbeitswelt und mentale Gesundheit
Neben schweren körperlichen Diagnosen belasten strukturelle Arbeitsbedingungen die seelische Gesundheit. Das Bildungs- und Gesundheitsunternehmen SRH betonte zum Internationalen Tag der seelischen Gesundheit am 10. Oktober 2026, dass Angebote wie Yoga oder Achtsamkeit eine gesundheitsgerechte Arbeitsgestaltung nicht ersetzen könnten.
Notwendig seien vielmehr realistische Arbeitsmengen, verlässliche Arbeitszeiten, eine ausreichende Personalbesetzung und klare Regeln zur Erreichbarkeit.
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Eine Studie der Universität Bielefeld zum World Mental Health Day belegte zudem die Auswirkungen sogenannter illegitimer, also als rollenfremd empfundener Aufgaben: Sowohl eine Zu- als auch eine Abnahme solcher Tätigkeiten ging im Vergleich zu einem stabilen Aufgabenniveau mit höherer emotionaler Erschöpfung einher.
Die Forschenden begründeten dies mit Unsicherheiten bezüglich künftiger Erwartungen und der eigenen Arbeitsrolle. Sie empfehlen Arbeitgebern, Aufgabenänderungen verständlich zu erklären und Rollenbeschreibungen anzupassen.
Auch der Fachkräfteradar 2026 verdeutlichte den Druck: In 81 % der Betriebe mit Personalmangel stieg die Arbeitsintensität, während 64 % eine Zunahme von Überstunden verzeichneten.
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Fehlzeiten und Rentenansprüche bei Erwerbsminderung
Die Auswirkungen spiegeln sich in den Sozialdaten wider. Der Fehlzeiten-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) vom 8. Oktober 2026 zeigte, dass psychisch bedingte Ausfalltage unter 14,9 Millionen AOK-Versicherten von 284 Tagen je 100 Mitglieder im Jahr 2016 auf 403 Tage im Jahr 2025 stiegen. Eine Krankschreibung wegen psychischer Leiden dauerte 2025 im Schnitt 28,5 Tage.
Die Deutsche Rentenversicherung Bund registrierte einen Anstieg der Reha-Leistungen wegen psychischer oder psychosomatischer Erkrankungen von rund 139.000 im Jahr 2005 auf 193.000 im Jahr 2025. Nach Angaben aus der gesetzlichen Rentenstatistik machten psychische Störungen im Jahr 2024 insgesamt 35,2 % aller Zugänge zu Erwerbsminderungsrenten aus.
Reicht die Leistungsfähigkeit dauerhaft nicht mehr aus, greift das Rentenrecht. Nach den bisherigen Regeln gilt ein Leistungsvermögen von unter drei Stunden täglich grundsätzlich als volle Erwerbsminderung, während drei bis unter sechs Stunden eine teilweise Erwerbsminderung bedeuten.
Die Alterssicherungskommission empfahl, den Begriff der Erwerbsminderung neu zu definieren und bei einem Restleistungsvermögen von rund drei Stunden die Vermittlungschancen am Arbeitsmarkt stärker zu berücksichtigen. Zudem schlug das Gremium eine Schutzrente für gesundheitlich belastete ältere Beschäftigte sowie eine Verlängerung der Arbeitserprobung von sechs auf zwölf Monate vor.

