Proteinkonsum, Gramm

Proteinkonsum: 81 Gramm täglich liegen bereits über der WHO-Empfehlung

Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 14:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Fachleute sehen für die meisten Gesunden keinen Bedarf an Proteinprodukten und warnen vor Überkonsum sowie möglichen Belastungen.
Frische, unverarbeitete Lebensmittel wie Hülsenfrüchte und Gemüse auf einem Holztisch. Illustration mit AI erstellt.

Mehrere aktuelle Berichte warnen vor den gesundheitlichen Risiken eines übermäßigen Proteinkonsums, dem Ersatz vollwertiger Mahlzeiten durch Proteinriegel sowie der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ohne ärztlichen Befund.

Während die Lebensmittelindustrie immer mehr angereicherte Produkte auf den Markt bringt, weisen Mediziner und Ernährungsfachleute darauf hin, dass gesunde Menschen ihren Eiweißbedarf in der Regel problemlos über eine ausgewogene Ernährung decken.

Empfohlener Bedarf und tatsächlicher Konsum

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für gesunde Erwachsene eine Zufuhr von 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht am Tag, was bei einem Körpergewicht von 80 Kilogramm etwa 64 g entspricht. Nach Angaben von Fachleuten nehmen Männer und Frauen im Durchschnitt bereits rund 81 g täglich auf, was mindestens 20 Prozent über den offiziellen Empfehlungen liegt.

Am King's College London wird eine tägliche Zufuhr von 1 bis 1,3 g pro Kilogramm Körpergewicht als angemessen erachtet, was bei einem 70 Kilogramm schweren Menschen 70 bis 91 g entspricht.

Empfohlen werden dabei Portionen von 20 bis 30 g Protein pro Hauptmahlzeit. Forscherin Claire Steves vom King's College London warnt davor, dass eine sehr hohe Proteinzufuhr schädlich sei: Personen mit übermäßig hohem Proteinkonsum wiesen demnach eine schlechtere Muskelfunktion auf als jene mit einer angemessenen Zufuhr.

Oliver Witard vom King's College London ergänzt, dass mangelernährte Patienten 1,2 bis 1,5 g pro Kilogramm benötigen und über 65-Jährige 1,2 bis 2 g pro Kilogramm. Als Risiken eines Überschusses nennt Witard die Verdrängung anderer Makronährstoffe bei Sportlern sowie eine unerwünschte Gewichtszunahme durch Kalorienüberschüsse.

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Eine Endokrinologin beziffert den Bedarf gesunder Menschen ebenfalls auf 0,8 bis 1 g pro Kilogramm Körpergewicht täglich, der bei intensiver Belastung auf 1,4 bis 2 g steigen könne. Bei Nierenerkrankungen sei eine strikte Abstimmung mit dem Arzt nötig. Zudem seien Detox-Kuren mit Säften medizinisch ein Mythos; L-Carnitin führe ohne Lebensstiländerung zu keiner Gewichtsabnahme, und BCAA ersetzten keine essenziellen Aminosäuren.

Nierengesundheit und Vorerkrankungen

Die Fundação Pró-Rim betont, dass Proteinsupplemente nur bei tatsächlichem Bedarf eingenommen werden sollten, um einen Überkonsum zu verhindern. Bei bestehender chronischer Nierenerkrankung könne ein Proteinüberschuss die Krankheitsprogression beschleunigen sowie die Säurelast und die Ausscheidungsmenge erhöhen.

Die KDIGO-Leitlinie 2024 empfiehlt Erwachsenen mit chronischer Nierenerkrankung und Progressionsrisiko, eine hohe Proteinzufuhr zu meiden; eine universelle Idealmenge gebe es nicht.

Hingegen zeigte eine 2018 im Journal of Nutrition veröffentlichte Studie bei gesunden Erwachsenen keine signifikanten Unterschiede der glomerulären Filtrationsrate zwischen proteinreicher und proteinarmer Ernährung. Die Fundação Pró-Rim verweist hierbei jedoch auf die begrenzte Evidenz und die kurze Beobachtungsdauer.

Auch das King's College London hält fest, dass bei gesunden Nieren durch einen Überschuss meist kein Schaden entsteht. Tim Spector vom King's College London hält angereicherte Proteinprodukte für unnötig und betont, dass diese oft ultraverarbeitet seien. Mehr Protein sei vor allem bei Sarkopenie-Risiko, sehr hohem Trainingsvolumen oder schlecht geplanter vegetarischer Ernährung angezeigt.

Zweifelhafter Nutzen von Riegeln und angereicherten Lebensmitteln

Im Handel zeichnet sich eine wachsende Produktvielfalt ab. Eine NIQ-Studie ermittelte in US-Supermärkten 37.232 Produkte mit Proteinangaben, darunter auch Süßigkeiten, Chips, Wasser und Wodka. Während 71 Prozent der US-Verbraucher Protein für sehr wichtig in der täglichen Ernährung halten und 60 Prozent gezielt mehr Eiweiß konsumieren möchten, wissen 39 Prozent nicht, ob sie genug aufnehmen.

Nur 35 Prozent können proteinreiche Produkte im Laden sicher identifizieren. Laut einer USDA-Studie erreichen jedoch fast 90 Prozent der US-Amerikaner eine ausreichende Proteinzufuhr, während lediglich rund 6 Prozent ihren Bedarf nicht decken. Fachleute betonen, dass ein Proteinzusatz ultraverarbeitete Lebensmittel nicht gesünder macht.

Ernährungsfachleute und Verbraucherschützer äußern erhebliche Bedenken hinsichtlich der Zusammensetzung. Eine Diätassistentin berichtet, dass Proteinriegel mitunter 12 g Fett auf 10 g Protein enthalten und der Zuckeranteil über 50 Prozent des Produkts ausmachen kann.

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Für gesunde Personen bestehe kein Nutzen, Ausnahmen bildeten ältere Menschen mit Schwierigkeiten beim Verzehr von Fleisch oder Fisch sowie Kraftsportler.

Nach Angaben von UFC-Que Choisir handelt es sich bei hyperproteinierten Lebensmitteln oft um Marketing: Bei Produkten wie Skyr im Vergleich zu fettarmem Frischkäse zeige sich ein Preisunterschied von 200 bis 300 Prozent bei nutritionell ähnlicher Zusammensetzung.

Zudem können Proteinriegel trotz des Fehlens von Haushaltszucker viele Kohlenhydrate in Form von Sirupen, Fruchtkonzentraten, Dextrose oder Maltodextrin enthalten, die den Blutzuckerspiegel beeinflussen. Bestimmte Zuckerersatzstoffe verursachen Darmbeschwerden, während einzelne Inhaltsstoffe Allergien auslösen können.

Das Unternehmen APOrtha weist darauf hin, dass größere Proteinportionen durch Inhaltsstoffe wie Laktose, Zuckeralkohole oder Süßungsmittel Blähungen und Völlegefühl hervorrufen können. Aminosäurenpräparate seien kein Ersatz für vollwertige Mahlzeiten.

Stefan Johannsen von APOrtha hebt hervor, dass nicht allein die Menge, sondern die Zusammensetzung der essenziellen Aminosäuren wie Leucin, Lysin, Valin, Isoleucin, Phenylalanin, Threonin, Methionin und Tryptophan entscheidend sei; überschüssige Aminosäuren könne der Körper nicht speichern.

Proteinquellen und Qualitätsunterschiede

Hinsichtlich der Herkunft des Eiweißes ergab eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse über 29 randomisierte Studien mit 2.363 Teilnehmenden über 50 Jahre keinen signifikanten Unterschied zwischen pflanzlichen und tierischen Proteinquellen bei fettfreier Körpermasse, Griffkraft und den meisten Blutwerten.

Zwar wurde eine geringfügige Senkung des Gesamtcholesterins zugunsten pflanzlicher Proteine festgestellt, diese wies jedoch eine sehr hohe Variabilität auf. Eine Einschränkung der Analyse bestand darin, dass in 25 der Studien Soja und in 23 Studien Isolate statt Vollwertkost eingesetzt wurden, während als tierisches Vergleichsprodukt häufig Milchprotein diente.

Walter Willett von der Harvard-Universität verweist darauf, dass ein höherer Verzehr von tierischem Protein mit einer höheren Sterblichkeit assoziiert sei, pflanzliches Protein hingegen mit einer geringeren. Die Harvard T.H. Chan School of Public Health rät dazu, stets das gesamte Nährstoffprofil der Proteinträger zu berücksichtigen.

Untersuchungen von Consumer Reports weisen zudem auf stoffliche Belastungen im Markt für Nahrungsergänzungsmittel hin, dessen weltweiter Absatz bei Proteinpulvern und -getränken zwischen 2024 und 2025 auf über 32 Milliarden US-Dollar anwuchs.

In Tests überschritten zwei Produkte die hauseigene Cadmiumgrenze von 4,1 µg pro Tag und ein Produkt die Grenze für Arsen von 7 µg pro Tag. Nach FDA-Grenzwerten sind 5 µg Blei pro Einzelprodukt und 12,5 µg täglich für Erwachsene zulässig. Pflanzliche Proteinprodukte wiesen in den Tests neunmal so viel Blei auf wie Molkenprotein und doppelt so viel wie Rindfleischprotein.

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