Produktivität neu definiert: IT-Branche setzt auf Value-based Pricing
26.06.2026 - 10:04:22 | boerse-global.de
Demografischer Wandel und technologische Sprünge zwingen Unternehmen, ihre Definition von Produktivität grundlegend zu überdenken. Statt reiner Output-Steigerung rücken ganzheitliche Ansätze, KI-gesteuerte Prozesse und sogar der individuelle Biorhythmus der Mitarbeiter in den Fokus.
Abschied vom Stundenlohn
Die IT-Branche macht es vor: Laut der Bitkom-Studie „Softwarewelt 2036“ vom 24. Juni zeichnet sich ein radikaler Wandel bei der Abrechnung ab. Das klassische „Body Leasing“ – Abrechnung nach Arbeitsstunden oder Personaltagen – hat ausgedient. Stattdessen setzen Unternehmen auf ergebnisbezogene Vergütung, sogenanntes Outcome- und Value-based Pricing.
KI-Agenten übernehmen zunehmend Aufgaben, die bisher manuell abgerechnet wurden. Domänenwissen und Vertrauen werden so zu den entscheidenden Wettbewerbsvorteilen. Die Frage ist nicht mehr „Wie lange hast du gearbeitet?“, sondern „Was hast du erreicht?“
Digitale Aufholjagd: Deutschland hinkt hinterher
Im internationalen Vergleich zeigt sich ein düsteres Bild. Die Deutsche Bank analysierte am 25. Juni: Deutschland investiert weniger als ein Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in Software. Schweden liegt mit rund vier Prozent deutlich vorn. Chefvolkswirt Robin Winkler sieht in KI den zentralen Hebel für künftiges Wachstum.
Der Fachkräftemangel belastet bereits heute viele Branchen. Doch trotz zunehmender Automatisierung rechnen Experten nicht mit massiven Jobverlusten. Die Realität ist komplexer.
Die Kostenfalle der KI-Loops
KI bringt nicht nur Segen, sondern auch neue Risiken. Auf einer Fachkonferenz am 24. Juni warnte Entwickler Boris Cherny vor den Kosten explodierender „KI-Loops“. Dabei optimieren autonome Agenten permanent den Programmcode – eine nächste Entwicklungsstufe, die jedoch enorme Token-Verbrauchskosten verursachen kann.
Die Lösung? Klare Governance-Strukturen und strikte Budgetgrenzen für den KI-Einsatz. Ohne diese Kontrolle droht die Effizienzsteigerung zum finanziellen Desaster zu werden.
Hochautomatisierung in der Industrie
In der Fertigung setzen Unternehmen auf Vollautomatisierung. Die Brauerei Maisel nahm am 25. Juni eine vollautomatische Verpackungslinie in Betrieb. Roboter mit variablen Werkzeugsystemen verkürzen Rüstzeiten und steigern die Ausbringung. Auch die Pharmabranche investiert massiv in automatisierte Standorte, besonders in Sachsen-Anhalt, um die weltweite Nachfrage zu bedienen.
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Arbeiten nach dem inneren Takt
Doch Produktivität ist nicht nur eine Frage der Technik. Das Konzept des „Chronoworking“ rückt den Menschen in den Mittelpunkt. Die Idee: Arbeitszeiten an den individuellen Biorhythmus anpassen. Die Klinik Wartenberg in Bayern bietet bereits Chronotyp-Bestimmungen für die Schichtplanung an.
Hintergrund sind Erkenntnisse aus einer japanischen Studie von 2022. Demnach leiden sogenannte Spättypen unter klassischem Präsentismus, wenn ihre Arbeitszeiten nicht mit ihrem Schlafprofil übereinstimmen. Die Synchronisation verspricht mehr Fitness und Zufriedenheit – und damit auch höhere Produktivität.
Reformdruck: Insolvenzen auf Höchststand
Trotz aller operativen Fortschritte bleibt das gesamtwirtschaftliche Umfeld angespannt. Der BDI verwies am 24. Juni auf einen Produktionsverlust von 15 bis 20 Prozent am Standort Deutschland seit 2019. Mit 12.900 Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr 2026 wurde ein Höchststand seit über einem Jahrzehnt erreicht. BDI-Präsident Leibinger fordert umfassende Reformpakete statt punktueller Maßnahmen.
Die Unternehmen reagieren mit harten Einschnitten. DocMorris gab am 25. Juni bekannt, im Rahmen einer KI-Strategie rund 100 Vollzeitstellen abzubauen. Ziel: jährlich mindestens 15 Millionen Franken einsparen – bis Ende 2027.
Während Unternehmen durch KI Stellen abbauen, müssen die verbleibenden Prozesse rechtssicher gestaltet werden. Erfahren Sie in diesem kostenlosen Report, welche neuen Regeln die EU-KI-Verordnung für Ihre Systeme aufstellt. Welche KI-Systeme gelten als Hochrisiko – und was müssen Unternehmen jetzt konkret tun?
Effizienz trotz Umsatzrückgang
Dass Effizienzsteigerungen auch bei sinkenden Erlösen möglich sind, zeigen die Halbjahreszahlen von H&M. Trotz leicht rückläufiger Umsätze steigerte der Modekonzern seine Bruttomarge auf 56,6 Prozent. Das operative Ergebnis verbesserte sich deutlich – unter anderem durch optimiertes Lagermanagement.
In der Logistik experimentiert Amazon mit neuer Technik. Seit Ende Juni testet der Konzern in Nordamerika tragbare Scanner für Supportrollen. Ziel ist eine automatisierte Erfassung der Arbeitszeit für ein Lohnvolumen von rund 2,8 Milliarden Dollar. Das Unternehmen betont: Die individuelle Produktivität der Mitarbeiter wird dabei nicht überwacht.
